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Fotoband

Bilder erzählen Geschichte(n) aus Stammheim

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Im neuen Buch des Arbeitskreises Dorfgeschichte Stammheim gibt es spannende, lustige, traurige Einblicke in die Ortshistorie - und darüber hinaus.

Fünf Jahre Arbeit stecken im Fotoband "Bilder erzählen Geschichte(n) - Auf Entdeckungsreise durch Stammheims alte Straßen". Die Mitglieder des Arbeitskreises Dorfgeschichte haben 2000 Bilder gesammelt und digitalisiert, 900 für das Buch ausgewählt und mit Postkarten, Dokumenten, Plänen ergänzt. Auch die Geschichten hinter den Bildern haben die Ehrenamtlichen recherchiert und so die Ortshistorie bewahrt.

"Auf fast 250 Seiten werden Sie durch den historischen Ortskern von Stammheim geführt und lernen dort nahezu jedes Haus und ganz viele Menschen, Familien und deren Geschichte(n) und Schicksale kennen", schreibt Bürgermeister Herbert Unger im Vorwort und dankt dafür allen Beteiligten, besonders Rolf Lutz und Christina Hofmann. "Dieses tolle Buch gewährt uns Einblicke in eine längst vergangen geglaubte Geschichte."

Das Haus mit der Nummer 1

Da ist zum Beispiel das Haus in der Gießener Straße 37. Im ältesten Einwohnerverzeichnis Stammheims, das von 1905 aus dem Adressbuch des Kreises Friedberg stammt, trug es die Hausnummer 1, weil man damals ab dem ersten Haus die Straßenseiten fortlaufend durch den ganzen Ort zählte. Häuser, die nach der Zählung gebaut wurden, erhielten die nächste freie Nummer. So erklärt sich, dass das Nachbarhaus in der Gießener Straße 39 die Nummer 135 bekam.

Das Haus in der Gießener Straße 37 gehörte über mehrere Generationen der Familie Herget; der Name taucht 1738 das erste Mal in Akten auf. Hier wohnte auch Peter Herget, der 1898 die evangelische Chrischona-Gemeinde im Ort gründete. Sein Sohn Peter II. (1876-1930) war Zimmermann. Zwei seiner Brüder wanderten nach Amerika aus, ebenso seine verwitwete Mutter, die dort ein zweites Mal heiratete. Peter Herget II. hatte mit seiner Frau Katharina Elisabeth geb. Luckhardt (gestorben 1944) acht Kinder, von denen jedoch nur fünf erwachsen wurden.

Allein die Geschichte dieses Hauses verdeutlicht, mit welcher Akribie die Mitglieder des Arbeitskreises Dorfgeschichte vorgegangen sind und wieviel Zeit sie für die Recherche aufgewendet haben.

Was den Fotoband auch für Auswärtige lesenswert macht, sind diejenigen Berichte, die exemplarisch für die jeweilige Zeit in ganz Deutschland stehen. Im Abschnitt über die Hohlbergstraße zum Beispiel ist ein Schwarz-Weiß-Bild abgedruckt, auf dem drei junge Männer zu sehen sind. Selbstbewusst und gut gelaunt blicken sie in die Kamera, die beiden Außenstehenden haben die Hand auf die Schulter ihres Freundes in der Mitte gelegt. Die drei scheinen ein eingespieltes Team zu sein, man sollte meinen, die ganze Welt steht ihnen offen. Im Text heißt es, dass es sich bei dem Jungen in der Mitte um Herbert Betrup handelt, neben ihm stehen Walter Thumm und Otto Scheuermann. "Beide Freunde kehrten nicht mehr aus dem 2. Weltkrieg zurück."

Auch durch das Hochzeitsbild von Wilhelm Kling und Hilde Hühn bekommt Geschichte ein Gesicht; das Paar ließ sich am 4. Oktober 1952 in der Stammheimer Kirche trauen. Neben dem Foto steht: "Wilhelm Kling war sechs Jahre in Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1950 nach Hause zurück."

Flüchtling verdiente sein Geld mit Malen

Ein weiterer wichtiger Aspekt in der Entwicklung des Ortes waren die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Wetterau kamen. Arbeit fanden sie meist in der Landwirtschaft oder bei Handwerkern - so auch in Stammheim. Einer von ihnen verdiente sich sein Geld mit Malen: Von ihm ist im Buch ein Gemälde des Zimmereiplatzes abgedruckt.

Auch an die Schicksale der jüdischen Mitbürger erinnern die Mitglieder des Arbeitskreises. Das jüdische Ehepaar Leopold Becker und Käthchen geb. Schiff kaufte im Jahr 1903 für 5000 Mark das Haus An der Kirche 7, wo von 1753 bis 1813 die Schule untergebracht war. Ihr Sohn Sally baute später einen Laden an das Haus an, wo man alles kaufen konnte, was man im Alltag brauchte. Er war es auch, der das erste Auto im Dorf besaß - einen Führerschein brauchte man noch nicht. Aus ebenso glücklichen Tagen, von 1921, stammt ein Foto von Beckers Töchtern Ida und Hedi: Sie sind darauf mit ihrer Nachbarin Klara Hahn zu sehen. "Sie waren beste Freundinnen, für die Konfession keine Rolle spielte." Zwei Seiten weiter heißt es: "1938 verkaufte Sally Becker seinen Laden." Er kam, ebenso wie seine Tochter Ida, am 11. November 1941 im Konzentrationslager bei Minsk ums Leben.

Ein glückliches Ende hingegen nahm die Geschichte für Emma Meub und ihren aufgeregten Ehemann: In der Nacht zum 18. Juli 1897, um 3.30 Uhr, wurde ihre Tochter Emma Hilda Lina geboren. Weil Hebamme und Gatte noch auf dem Weg zu ihr waren, brachte Emma ihr Baby schließlich ganz alleine zur Welt.

Wie’s früher in Stammheim war: Lange bestand die Gießener Straße fast nur aus Fachwerkhäusern (Bild l. o., kurz nach dem 2. Weltkrieg). Zum Transport nutzte man Kuhgespanne (Bild l. u., 1951) und Pferdefuhrwerke. In den späten 50ern fuhr Ernst Ludwig Thumm einen Lieferwagen (Bild r. o.): Er brachte größere Bestellungen zu den Kunden seines Vaters. Die geschmückte Kutsche (r. u.) ist Teil eines Handwerker-Umzugs zum 1. Mai. Das erste Auto im Dorf gehörte Sally Becker; er führte einen Laden (r. Mitte). Am 11. November 1941 kamen er und seine Tochter Ida im Konzentrationslager bei Minsk ums Leben. Quelle: AK DORFGESCHICHTE

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