1955 haben Lilli und Christian Wohlgemuth geheiratet. Das Leben zu dieser Zeit ist hart gewesen. Doch gemeinsam haben die Eheleute all die Schwierigkeiten gemeistert. FOTO: PV
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1955 haben Lilli und Christian Wohlgemuth geheiratet. Das Leben zu dieser Zeit ist hart gewesen. Doch gemeinsam haben die Eheleute all die Schwierigkeiten gemeistert. FOTO: PV

Ein bewegtes Leben

  • vonred Redaktion
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Florstadt(bf). Beide 1930 geboren, haben Christian und Lilli Wohlgemuth inzwischen ein langes und teilweise sehr bewegtes Leben gehabt. Am heutigen Samstag ist ihr 65. Hochzeitstag.

Im Dorf Hoffnungstal (Ukraine), das seinerzeit überwiegend von Deutschen bewohnt wurde, deren Vorfahren Anfang des 19. Jahrhunderts aus Württemberg auswanderten, wurden sie geboren. Als Kinder erlebten beide 1941 die Besetzung ihres Dorfes durch deutsche Truppen und flohen im Alter von 13 Jahren mit ihren Eltern und anderen Deutschstämmigen vor der russischen Armee. Zumeist zu Fuß und mit Pferdewagen, über Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien und Polen, bis sie schließlich Anfang 1945 im östlichen Teil Deutschlands, in Stechow bei Rathenow, angekommen waren. Der Aufenthalt war nicht von langer Dauer. Im Herbst 1945 wurden die geflüchteten Familien in Viehwagons ins nördliche Russland deportiert - dort mussten sie als Jugendliche, als Strafe für ihre Flucht nach Deutschland, zehn Jahre lang Wald roden.

Neuanfang in Frankfurt

Das harte Leben im kalten Norden von Russland konnte aber nicht verhindern, dass der Traktorist Christian und die nach einem Arbeitsunfall als Kindergärtnerin arbeitende Lilli zueinander gefunden und am 19. Dezember 1955 den Bund fürs Leben geschlossen haben. Von da an ging es aufwärts. 1956 wurde die Kommandantur aufgelöst und die Überlebenden durften das Gebiet verlassen. Allerdings nicht zurück in die Ukraine. Süd-Kasachstan wurde das neue Ziel. Während Christian als talentierter Schreiner und Schlosser schon bald am neuen Ort viel Anerkennung fand, hatte Lilli sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert. Darüber hinaus hatten beide mit dem circa 1500 Quadratmeter großen Nutzgarten und Kleinvieh alle Hände voll zu tun gehabt, um die Familie durchzubringen. Mit anderen deutschstämmigen Familien im Ort, viele davon Verwandte, hat sich in der wenigen Freizeit ein reges und geselliges Mit- einander entwickelt. Der deutsche Dialekt (Schwäbisch) sowie die deutschen Bräuche wurden gepflegt und an die Kinder weitergegeben. Der Wunsch, zurück nach Deutschland zu gehen, wurde jedoch immer größer. Nach über 20 Jahren der Ausreisebemühungen war es Ende 1977 so weit - ihrem Antrag auf Familienzusammenführung mit Verwandten in der damaligen DDR wurde stattgegeben. Gut zwei Jahre später gelang die Übersiedlung nach Frankfurt am Main.

Das handwerkliche Geschick von Christian Wohlgemuth hat es ihm erleichtert, schnell eine Anstellung als Schlosser zu finden. Auch hier hat er sich schnell Anerkennung erarbeitet und blieb bis zu seiner Rente in einer Frankfurter Firma beschäftigt. Lilli kümmerte sich nach wie vor um den Haushalt und die inzwischen alt gewordenen Schwiegereltern.

1983 ergab sich die Möglichkeit, in Florstadt ein Haus zu bauen und einen Nutzgarten anzulegen. Ein großer Wunsch ging in Erfüllung. Bis heute bewohnen die beiden das weitestgehend selbst gebaute Haus und sind, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, aktiv im kleinen Nutzgarten. Das Kochen und Verarbeiten der Gartenernte hat sich zu einem gemeinsamen Hobby entwickelt. Mit Sudoku trainieren sie die grauen Zellen und bleiben durch die tägliche Lektüre der WZ am Puls der Zeit.

Auch wenn coronabedingt eine Familienfeier anlässlich der heutigen eisernen Hochzeit von Lilli und Christian Wohlgemuth nicht möglich ist, gibt es dennoch regen Kontakt - mit Abstand oder per Telefon, zu den vier Kindern, neun Enkeln und vier Urenkeln. Diese gratulieren den beiden sehr herzlich und sind dankbar und stolz, wie sie ihr Leben gemeistert haben und was sie alles erreicht haben.

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