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Die Gemeinde vermietete die Wohnungen in der Gänsmühle. 1936 wurde ein Kleinkindergarten der »Nationalsozialistischen Wohlfahrt« eingerichtet. Diesen gab es jedoch nicht lange, 1940 wird aus der Gänsmühle ein Zwangsarbeiterlager. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die Gemeinde wieder einen Kindergarten ein, der jedoch nur wenige Jahre bestand. 1944 wurde der Komplex verkauft.

»Fern der Heimat unter Zwang«

  • Sabrina Dämon
    VonSabrina Dämon
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1877 wird die Gänsmühle in Nieder-Wöllstadt durch einen Brand zerstört. Das Gebäude wird zwar wieder aufgebaut, allerdings nicht mehr als Mühle. 1906 wird dort eine Lederfabrik eingerichtet. Doch bereits 1934 tritt die Gemeinde als Eigentümer des Areals auf. Und vermietet es 1939 an die Reichsbahn - mit dem Zweck, ein Zwangsarbeiterlager zu errichten.

Die Informationen sind lückenhaft. Alte Akten, Protokolle, Zeitzeugenberichte. Es gibt zwar einige Unterlagen zum Zwangsarbeiterlager in Nieder-Wöllstadt, kaum jedoch vollständige. Wie die Zustände in dem sogenannten Reichsbahnlager in der ehemaligen Gänsmühle gewesen sind, wie die Gefangenen dort gelebt haben - »oft ist Widersprüchliches überliefert«, schreiben Klaus Schäfer und Dr. Dieter Wolf. Die Wöllstädter haben sich mit der Geschichte des Lagers beschäftigt und 2004 den Aufsatz »Fern der Heimat unter Zwang« dazu verfasst.

Erste Erwähnung

Trotz der widersprüchlichen Informationen - »einerseits berichten Zeitzeugen von guter Behandlung, andererseits von frierenden Gestalten« - haben die Autoren viele Informationen zusammengetragen und zu einem umfassenden Bild über diesen Abschnitt der Nieder-Wöllstädter Geschichte beigetragen.

Untergebracht waren die Zwangsarbeiter u. a. in der ehemaligen Gänsmühle, die vielen als alte Gerberei bekannt ist. Es handelte sich um ein sog. Reichsbahnlager der Bahnmeisterei Nieder-Wöllstadt/Gleisbautrupp 13. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs war es belegt mit Menschen aus Polen, Belgien und, so steht es in den Akten: »Russen«, womit aber Zwangsarbeiter aus Weißrussland und der Ukraine gemeint waren

Die erste Erwähnung haben Schäfer und Wolf im Gemeinderatsprotokollbuch gefunden. In einer Sitzung am 24. November 1939 berieten die Gemeinderäte über die Vermietung der Wohnungen an die Reichsbahn zur Einrichtung eines Gefangenenlagers. Wenig später wurden die ersten Arbeiter einquartiert.

Die erste Liste, die Wolf und Schäfer zu den dort Inhaftierten gefunden haben, stammt aus dem Sommer 1940. Darin stehen die Namen von 51 polnischen Arbeitern, die den »Gleisbautrupp 13« bildeten - der Jüngste war 14 und der älteste 50 Jahre alt.

Kontakt verboten

In den Jahren 1942 und 1943 tauchen in den Listen weitere Nationalitäten auf. So werden zum Beispiel in einem Dokument über die »fremdländischen Arbeitskräfte« 224 Personen aufgeführt: 103 »Franzosen« (Kriegsgefangene) und 121 »Arbeiter« (sowohl Frauen als auch Männer). Wie sie untergebracht waren - darüber gibt es nur wenig Quellenmaterial. Zwar haben Schäfer und Wolf mit Zeitzeugen gesprochen, doch: »Wie das Zwangsarbeiterlager eingerichtet war und unter welchen schwierigen Bedingungen die Familien leben mussten, ist nur wenigen bekannt gewesen, da zu wenige engere Kontakte zwischen Dorfbevölkerung und ›russischen‹ Zwangsarbeitern bestanden und diese ohnehin offiziell verboten waren.«

Die Autoren schreiben aber auch: Der Begriff »Lager der NS-Zeit« müsse im Hinblick auf Nieder-Wöllstadt relativiert werden. Denn sowohl das Reichsbahnlager als auch die anderen Zwangsarbeiterunterkünfte seien keine schwer bewachten Areale gewesen, die von unüberwindbaren Zäunen mit Wachtürmen umgeben gewesen seien. »Die Lager standen in Nachbarschaft von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Die Zwangsarbeiter, im Fall Gerberei ganze Familien, waren jeweils in einfachen Holzunterkünften oder Nebenbauten von Hofreiten untergebracht. Bewacht wurden sie von älteren oder durch Verwundung nicht mehr fronttauglichen Soldaten oder Landsturmmännern.« Die seien u. a. für das pünktliche Erscheinen der Arbeiter an ihren Einsatzstellen verantwortlich gewesen.

Flucht im Juli

Zum Teil wurden auch Arbeiter an Bauern vermittelt. Zwei von ihnen tauchen in Akten von 1942 auf: Wladiyslaw Jestenk und Peter Krautscheck, beide Jahrgang 1921. Die 21-Jährigen sind in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli geflohen. In der Meldung des Gendarmeriepostens Groß-Karben vom 13. Juli 1942 heißt es zu der Flucht: »Der Lageraufseher K. hat am Sonntagabend um 21 Uhr festgestellt, daß Krautscheck fehlte, während Landwirt Wilhelm B. erst am Montag Morgen wahrgenommen hat, daß Jestenk ausgerissen ist.« Über das weitere Schicksal der beiden ist nichts bekannt.

Im März 1945 erreichen die Amerikaner Wöllstadt. Eine Zeitzeugin berichtete: »Nachdem die Amerikaner eingerückt waren, legten alle ausländischen Arbeiter die Arbeit nieder und wollten nichts mehr schaffen.«

Nur wenige der befreiten Zwangsarbeiter sind in Wöllstadt geblieben. »Aus den erhaltenen ›Ausländer-Meldekarten‹, die zu Jahresbeginn 1946 ausgestellt wurden, ergibt sich, dass fünf Personen aus der Ukraine, zwei aus Ungarn und eine Person aus Polen sowie eine fünfköpfige staatenlose Familie, deren Angehörige aber bereits sämtlich in Deutschland geboren waren, hierblieben.«

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