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Erinnerungen an eisige Teiche

  • vonJürgen Schenk
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Zwischen Nieder-Wöllstadt und der Nidda findet man auf halbem Weg drei Teiche. Eingebettet in ein Naturidyll sind sie Ruheoase und Anglerparadies in einem. Als es noch richtige Winter mit langen Frostperioden gab, nutzten viele das Terrain zum Schlittschuhlaufen und Eishockeyspielen. Aber das allein ist nicht der Grund, warum man die Teiche bis heute »Eisteiche« nennt.

Ältere Wöllstädter werden sich vielleicht noch an den ursprünglichen Zweck der »Eisteiche« zwischen Nieder-Wöllstadt und der Nidda erinnern: Über einen Zeitraum von 40 Jahren, von 1899 bis 1939, wurde dort im Winter auf natürliche Weise Eis produziert. Als »Ernteertrag« kamen bis zu 25 000 Zentner (1 250 000 Kilogramm) zusammen. Abgebaut wurde das Eis, indem man es unter großer Anstrengung, vermutlich in Stangenform, aus der Eisschicht herausschlug- oder sägte.

Danach brachten es mehrspännige Pferdefuhrwerke in die lokalen Eishallen. Rund 400 solcher schweren Fuhren wurden benötigt, bis alles eingelagert war. In einem Statut vom 12. Oktober 1902 regelte der Gemeinderat das »Eismachen«. Demnach war es ausschließlich Nieder-Wöllstädter Steuerzahlern gegen Gebühr erlaubt. Genauso blieb es beim Abtransport. Ein Aufseher der Gemeinde überwachte das. Die Eisabbau verlangte nach gestandenen Burschen. Während der großen Arbeitslosigkeit nahmen viele Männer diese Mühen in Kauf, damit etwas Geld ins Portemonnaie floss. Der Großvater des Autors, ein Hufschmied von Beruf, war einer von ihnen.

In Nieder-Wöllstadt gab es vier Eishallen, deren Standorte heute noch bekannt sind. Die Eigentümer der Gebäude hatten mit den Frankfurter Brauereien Binding, Henninger und Essighaus Verträge geschlossen. Von ihren Bierniederlagen aus belieferten sie die ortsansässigen Gaststätten. Bei den Eishallen handelte sich um tiefe Gewölbekeller, wo das aufgeschichtete Eis übers Jahr größtenteils erhalten blieb. Ungefähr ein Viertel des Kühlmaterials ging allerdings verloren.

Kinder spielen im Eiskeller

Auf dem freien Platz in der Großen Braugasse (»Käsgasse«) stand die Eishalle der Henningerbräu. Das Backsteingebäude gehörte, wie auch das Wohnhaus gegenüber, der jüdischen Familie David. Nach Tobias Davids Tod 1924 wurde die Eishalle abgerissen und in der Bahnhofstraße als Stall- und Scheunengebäude neu aufgebaut. Das sogenannte »Essighaus« in der Eisenbahnstraße 38, gegenüber der Alten Post, war 1857 ursprünglich als »Darmstädter Hof« erbaut worden. Auch das 1993 abgebrochene Gebäude der Zimmerei Ambron in der Frankfurter Straße 45 war ein Lager der Brauerei Essighaus. Der heute noch bestehende Getränkehandel der Familie Ulrich (Eisenbahnstraße 44) geht auf eine Bierniederlage der Binding Brauerei zurück. Erbaut wurde das zweistöckige Gebäude um 1866 durch den Juden Löb Schönberg.

»Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir als Kinder, Anfang der 60er Jahre, in dem bitterkalten Eiskeller der Familie Ulrich gespielt haben«, erzählt der in Nieder-Wöllstadt aufgewachsene Historiker Dr. Dieter Wolf. Er vermutet, »dass der Keller dort nach wie vor vorhanden ist«.

Aus dem alten Dorf zurück an die »Eisteiche«: Während des Krieges und danach war das Gelände versumpft. Im Jahr 1961 nahm sich der vier Jahre zuvor gegründete Nieder-Wöllstädter Angelsportverein der Gewässer an. Laut Vereinschronik wurde nach Augenscheinnahme der Plan gefasst, »die nach den Umrissen noch erkennbaren drei Eisteiche auszubauen«. Es handelte sich um 50 auf 50 Meter große, ungefähr 60 Zentimeter tiefe Löcher. Alle Arbeiten wurden und werden bis heute von den Vereinsmitgliedern in Eigenleistung erbracht. 1970 erhielt die Anlage eine Vereinshütte, ein Jahr später einen vierten, größeren Teich. »Den haben die Amerikaner aus der Friedberger Kaserne mit schwerem Gerät ausgehoben«, erinnert sich der ASV-Vorsitzende Norbert Ambron. Die »Eisteiche« sind nach wie vor ein schöner Flecken - auch für Leute ohne Angelrute. Nieder-Wöllstädter kommen regelrecht ins Schwärmen, wenn sie an die vielen Feste und Feuerwerke im Sommer zurückdenken.

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