Welches Samentütchen im All war und welches nicht, weiß nicht einmal Gärtnerin Monika Brenninger.
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Welches Samentütchen im All war und welches nicht, weiß nicht einmal Gärtnerin Monika Brenninger.

Einmal ins All und zurück

  • vonOliver Potengowski
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Die Wildblumensamen haben eine weite Reise hinter sich. Nun hat die siebte Klasse des Echzeller Internats Lucius sie neben dem Sportplatz ausgesät. Die Samen sind Teil eines Versuchsprogramms des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt und waren bereits auf der Internationalen Raumstation.

Monika Brenninger, Gärtnerin beim Institut Lucius, hat bereits einige Wildblumenwiesen dort angelegt. Auf einer dieser Wiesen erklärt sie den Schülern den Reichtum an Arten, der eine solche Wiese von einer Rasenfläche unterscheidet. "Ein steriler Rasen ist eine Ödnis für Schmetterlinge und Bienen", sagt sie. "Das Insektensterben kommt nicht nur, weil Glyphosat gespritzt wird, sondern auch, weil Futterstoffe fehlen."

Zwar würden immer öfter öffentlichkeitswirksam Wildblumenflächen und Blühstreifen angelegt. Doch komme es dabei auf die Samenmischung an. Schmetterlinge und die meisten der 575 Wildbienenarten in Deutschland seien auf jeweils einige spezielle Futterpflanzen angewiesen. Wenn es diese Pflanzen in ihrem Umfeld nicht mehr gibt, verhungern sie. Auch deshalb stünden die Hälfte der Wildbienenarten in Deutschland auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere.

Brenninger betont, dass es beim Anlegen von Wildblumenflächen auf die richtige Mischung ankomme. "Dieses Saatgut kann man nicht im Baumarkt oder im Discounter kaufen." Sie bezieht die Samenmischungen deshalb von einem speziellen Händler, der für die unterschiedlichen Regionen in Deutschland jeweils besondere Mischungen anbietet.

Von diesem Händler bekam sie auch den Hinweis auf das Projekt des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Dieses hatte mit dem Astronauten Alexander Gerst zwei Kilogramm Wildblumensamen auf die Raumstation ISS geschickt. An ihnen soll untersucht werden, ob die Einflüsse des Weltalls wie Schwerlosigkeit und Strahlung Einfluss auf die spätere Pflanzenentwicklung haben. Nachdem sie wieder auf die Erde zurückgekehrt waren, wurden die Samen in Tütchen abgepackt und zusammen mit einer Vergleichstüte, deren Inhalt die Erde nicht verlassen hatte an Schulklassen abgegeben.

Auch die siebte Klasse des Instituts Lucius bekam, nachdem Brenninger bei der DLR darum gebeten hatte, zwei unterschiedlich markierte Tütchen zugeschickt.

Dass der Inhalt eines Tütchens eine sehr weite und auch teure Reise hinter sich hat, beeindruckt die Schüler. "Ist der nur wegen dieser Samen ins Weltall geflogen?", möchte ein Schüler wissen. Brenninger erläutert, dass das Experiment mit den Pflanzensamen nur eines von einer ganzen Reihe von Versuchen war, die die Astronauten während eines Raumfluges durchführen.

Unterscheiden sich die Blumen?

Das kleine Beet, in das die Samen eingesät werden, ist in zwei Hälften geteilt, die entsprechend der beiden Tütchen markiert sind. Um das Ergebnis nicht zu verfälschen, wissen jedoch weder Schüler noch Lehrer, in welchem Tütchen die Samen von der ISS gewesen sind. So ist ausgeschlossen, dass eine Hälfte des Beets besondere Zuwendung erfährt und sich deshalb unterschiedlich entwickeln könnte.

Darin liegt offenbar der tiefere Sinn des Projekts mit den Wildblumenarten aus dem Weltall. Kinder sollen möglichst früh mit wissenschaftlichen Arbeitsweisen, dem Erstellen und experimentellem Überprüfen von Hypothesen vertraut gemacht werden. Das Experiment, das die DLR an die Schulen zusammen mit einem Arbeitsheft verschickt, soll auch naturwissenschaftliches Interesse wecken.

Brenninger, die Biologielehrerin Sonja Berstermann und Maira Höhn, die am Institut Lucius ein freiwilliges ökologisches Jahr absolviert, wollen gemeinsam mit Vera Kissner die Schüler dazu auch für das irdische Leben sensibilisieren. "Ich merke, dass viele sich noch nie mit dem Thema auseinander gesetzt haben", hat Kissner beobachtet. Sie stellt aber auch durch die aktuellen Diskussionen positive Entwicklungen fest. "Ich merke, dass die Schüler sich inzwischen sehr viel mehr für ökologische Themen interessieren."

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