Tod eines Menschen in Kauf genommen

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"Versuchter Mord", sagt Strafrichterin Regine Enders-Kunze. Das Urteil: Sechs Jahre Haft für einen 63-jährigen Schafzüchter aus dem Vogelsberg, der in der Silvesternacht in einer Gemeinde im Kreis Gießen auf seine Frau schoss, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte.

Die Zuschauerbänke im Sitzungssaal 207 des Gießener Landgerichts sind deutlich stärker gefüllt als bei den meisten Strafprozessen. Menschen aus dem Dorf sind mit dabei, als das Urteil gegen einen aus ihrer Mitte gesprochen wird. Und das lautet: schuldig. Wegen versuchten Mordes und illegalem Waffenbesitz. Das Strafmaß: Sechs Jahre. Dafür, dass der Mann, ein 63 Jahre alter Schafzüchter und -halter aus dem Vogelsberg, drei Schüsse in Richtung seiner Frau abgegeben hat, die sich von ihm getrennt hatte. Damit geht das Gericht sogar noch leicht über die Forderung von Staatsanwalt Mike Hahn hinaus. Er hatte für fünf Jahre und sechs Monate plädiert. "Bis zum 14. Oktober 2019 war die Welt irgendwie noch in Ordnung", sagt Richterin Regine Enders-Kunze bei der Urteilsverkündung am Gießener Landgericht. Sie will auch gar nicht zurückblicken auf die Familiengeschichte, auf den Umgang der Eheleute miteinander. Sie fokussiert sich auf Mitte Oktober.

Denn ab dem 15. Oktober war alles anders. Bis zu jenem Tag hatte die Frau eines Schafzüchters aus dem Vogelsberg ihrem Mann nämlich den Rücken freigehalten. Sie hatte den Haushalt besorgt, sich um die Buchhaltung gekümmert, im gemeinsam geführten Betrieb mitgearbeitet. Doch am 15. Oktober zog sie nach vielen Ehejahren aus, nahm zudem die Hälfte des Barvermögens mit.

Anlass genug für einen Mordversuch? Ja. Zu diesem Urteil kommt eine Strafkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Richterin Enders-Kunze. Zur Erinnerung: Der Mann hatte in der Silvesternacht hinter Bäumen versteckt gewartet, bis die getrennt lebende Gattin um Mitternacht auf den Balkon ihrer Wohnung trat, um zu rauchen und das Feuerwerk zu bewundern.

Dreimal schoss der 63-Jährige mit einem Revolver in Richtung seiner Frau. Sie blieb jedoch körperlich unversehrt. Der Mann versicherte vor Gericht, er habe seine Frau weder verletzen noch töten wolle. Er wollte sie nur erschrecken, um sie dazu zu bewegen, aus dem bis dato gemeinsam geführten Familienbetrieb auszusteigen. Das mochten aber weder der Staatsanwalt noch das Gericht glauben. Es spreche vielmehr einiges dafür, dass er versuchte, seine Frau zu erschießen, so das Gericht in der Urteilsbegründung. Schließlich habe der Schütze bewusst gewartet, bis die Schüsse im Feuerwerkslärm untergingen. Er habe zudem mit scharfer Munition geschossen - dreimal. Und er habe nicht etwa in die Luft oder deutlich übers Haus hinweggeschossen. Die Kugeln verfehlten die Frau nur um etwa einen halben Meter, so ein Gutachter.

Zumal der Mann in den Wochen vor der Tat mehrfach gegenüber seiner Frau und auch dem Sohn wüste Drohungen ausgesprochen haben soll. Sie bekomme das Geld nicht, soll der Angeklagte gegenüber dem Sohn geäußert haben. Aber er würde sich an ihr die Finger nicht schmutzig machen. Er würde für 10 000 Euro jemanden kommen lassen.

Als durchaus glaubwürdig bewertete das Gericht die Aussagen des Sohnes im Zeugenstand sowie der Frau, die als Nebenklägerin auftrat.

Auch wenn sich die Tötungsabsicht nicht letztgültig belegen lässt, so sei es doch ein "bedingter Tötungsvorsatz", so das Gericht. Denn das "Vorbeischießen" sei für einen ungeübten Schützen auf diese Entfernung und bei Dunkelheit lebensgefährlich für die Frau. Die Beteuerung des Angeklagten, er sei sicher gewesen, die Frau nicht zu treffen, nannte Enders-Kunze "Quatsch!" Dass die Frau unverletzt blieb, sei nur ein glücklicher Zufall.

Immerhin sei der Mann nüchtern gewesen, habe die Tat vorbereitet und geplant und hatte Gründe: Er wollte sie zum Ausstieg aus der gemeinsamen Firma zwingen - oder aber er wäre im Falle ihres Todes der Alleinerbe gewesen. Das Gericht sprach angesichts der Gesamtumstände zudem von "Heimtücke".

Verteidiger Dietmar Kleiner hatte in den vorherigen Verhandlungstagen alle Register gezogen und wollte sogar die Schussbahnen nochmals neu vermessen lassen. Binnen einer Woche kann das Urteil angefochten werden.

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