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Jörn Kuntsche

»Eine zunehmende Herausforderung«

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Herr Dr. Kuntsche, über Demenz wird viel gesprochen. Wie ist die Situation aus der Sicht des Fachmanns?

An Demenz erkrankte Menschen sind eine zunehmende Herausforderung nicht nur für Familie und Gesellschaft, sondern auch für Krankenhäuser. Oftmals werden die ersten Zeichen verkannt, sodass wichtige Zeit für eine frühzeitige Intervention verstreicht. Häufig wird in der Familie nur ein normales »Altwerden« vermutet. In der gewohnten Umgebung kommt der Betroffene auch gut zurecht und kann lange Zeit seine Selbstständigkeit bewahren.

Wann muss/sollte man eingreifen?

Probleme treten auf, wenn die gewohnte Umgebung verlassen wird, z. B. bei einem Krankenhausaufenthalt. Andere Umgebung, andere Tagesabläufe und nicht gewohnte Anforderung überfordern den Betroffenen, der mit Irritation und Desorientiertheit reagieren kann. In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass dies einen Krankenhausaufenthalt verlängert und Komplikationen, wie z. B. Stürze, vermehrt.

Was könnte man dagegen tun?

Es wäre wichtig, dass Krankenhäuser eine spezialisierte Einrichtung, wie z. B. die Geriatrie, vorhalten. Die besitzt das Know-how, um solchen Menschen eine ruhige Atmosphäre zu geben, regelmäßige familiäre Kontakte zu ermöglichen und so eine kognitive und psychische Stabilität zu erreichen. Im normalen Krankenhausalltag mit seinen ganz anderen Bedingungen ist eine solch ruhige Atmosphäre nur schwer zu gewährleisten. Hier sind die Politik, die Krankenhäuser und die Krankenkassen gefragt, solide und zukunftsträchtige Konzepte zu entwickeln.

Wie erfolgreich ist die Suche nach Medikamenten gegen Demenz?

Die Medikamente, die uns zurzeit zur Behandlung der demenziellen Entwicklung zur Verfügung stehen, können ein Fortschreiten der Erkrankung nur verlangsamen, nicht aufhalten. Trotz jahrelanger Forschung wurde bislang kein Durchbruch erzielt. In den Vereinigten Staaten wurde jetzt ein Antikörper für den Markt zugelassen, der gewisse Hoffnungen weckt. Ob wir damit ein effektiveres Mittel in der Hand hätten, wird sich zeigen müssen. Die europäische Zulassungsbehörde wird wohl bis Ende dieses Jahres über die Zulassung auch für unseren Markt beraten.

Was raten Sie Angehörigen von Demenzpatienten?

Bis in der medikamentösen Therapie der Durchbruch erzielt wird, sollten betroffene Familien sich Unterstützung auch von außen holen. Der Ehepartner kann auf lange Sicht nicht alleine all diese Herausforderungen bestehen. Wichtig ist familienintern ein offener Umgang mit dem Thema und die Einsicht, dass der-/diejenige, der/die einen Demenzkranken begleitet, auch seine regelmäßigen Auszeiten braucht.

Wo findet man professionelle Unterstützung?

Beim Hausarzt, der neben der medizinischen Betreuung Informationen über Tagespflegen und weitere Unterstützungsoptionen geben kann. Wichtig ist es, frühzeitig betreuungsrechtliche Schritte zu klären und gegebenenfalls zukünftig anfallende Maßnahmen zu besprechen für die Zeit, in welcher der Betroffene selbst nicht mehr entscheiden kann.

Dr. Jörn Kuntsche ist Chefarzt der geriatrischen Abteilung im Bürgerhospital Friedberg. FOTO: PM

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