Hermia Schlichtmann vor der großen Klais-Orgel im Frankfurter Kaiserdom. Das Instrument verfügt über vier Manuale, 115 Register und 8801 Pfeifen.
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Hermia Schlichtmann vor der großen Klais-Orgel im Frankfurter Kaiserdom. Das Instrument verfügt über vier Manuale, 115 Register und 8801 Pfeifen.

Eine Wetterauerin zieht alle Register

  • vonAnnette Hausmanns
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Kurz vor Ostern 2019 durfte Hermia Schlichtmann in Israel die beste Orgel des Landes spielen. Seit August vergangenen Jahres gehört die größte Orgel Hessens zum Arbeitsplatz der Domkantorin und Knabenchorleiterin am Kaiserdom zu Frankfurt. Warum sie die große Orgel noch nicht oft gespielt hat und der Dom trotzdem bebt, berichtet die Wölfersheimerin, die auch in Ockstadt gut bekannt ist.

Das Jahr 2019 mag eines der bewegtesten im Leben von Hermia Schlichtmann gewesen sein. Gerade bereitete die Wölfersheimerin mit ihren Chören Frohsinn Ockstadt und Konzertchor Bergisch-Gladbach große Jubiläumskonzerte vor, als sie für einen erkrankten Kollegen eine Konzertreise nach Israel übernahm und dort kurz vor Ostern die beste Orgel des Landes spielen durfte. Kaum standen dann die Jubiläumskonzerte in der Wetterau und im Bergischen an, klopfte eine außergewöhnliche Stellenausschreibung an die Tür: Das Bistum Limburg suchte für den Frankfurter Kaiserdom eine neue Domkantorin und eine neue Leitung für den Knabenchor an der dortigen Domsingschule.

Die Komposition aus Chorarbeit, liturgischem Orgelspiel, Konzerten und Korrepetition, noch dazu mit zwei wundervollen Orgeln in einem herrlichen Kirchenraum, schien wie maßgeschneidert für eine Musikerin, die nach dem Studium der Kirchenmusik auch das der Chor- und Orchesterleitung für sich entdeckt und über 20 Jahre Erfahrung in allen Berufsfacetten gesammelt hatte. Mitten im Jubiläumstrubel bewarb sich Schlichtmann also auf die Stelle. Zwei Monate später trat sie den Traumjob in Frankfurt an, und alle freuten sich von Herzen für die charismatische Chorleiterin. In Frankfurt ist die Domkantorin zuständig für die vier Knabenchorgruppen, insgesamt 100 Jungs und junge Männer, die sie in der Domsingschule an den Chorgesang heranführen und zu gesanglicher Reife entwickeln darf.

Pro Sänger neun Quadratmeter

Begeistert berichtet die Chorleiterin von Jungs, die sie mit ihrer Energie und Freude am Singen zu musikalischen Höhenflügen inspirieren. "Da pustet’s mich regelmäßig vom Klavierhocker", freut sich Schlichtmann über Begeisterungsfähigkeit und beseelten Gesang.

Wie sehr die Jungs fürs Singen im Dom brennen, hat die Chorleiterin in den Monaten vor Corona bei den liturgischen Einsätzen erlebt. Festlich geht es beim monatlichen Evensong im Kaiserdom zu, einem chorisch gestalteten Abendlob. Mit den Jungs feierlich über den Domplatz und im Kerzenschein durch die Kirche zu schreiten, bereite ihr Gänsehaut, erzählt die Wölfersheimerin. "Meinen ersten Evensong habe ich während meines Studiums in Oxford erlebt. Das mehrstimmige ›Amen‹ prägt mich bis heute."

Den Evensongs der vergangenen Monate machte Corona zwar einen Strich durch die Rechnung, aber umso mehr freut sich Schlichtmann für die Chöre, dass sie die ursprünglich für April geprobten Stücke zwischen einem voller Inbrunst gesungenen "Bleibe bei uns Herr" und einem furiosen "Cantate Domino" nun am 13. September aufführen dürfen. In der Corona-Zwangspause hatte Schlichtmann via E-Mail und eingespielten Stücken zum Zu-Hause-Üben Kontakt zu ihren Chören gehalten. Seit dieser Woche sind unter coronagerechten Bedingungen Proben wieder möglich. Gesungen wird in Kleingruppen und in so großen Räumen, dass für jeden Sänger neun Quadratmeter garantiert sind. Jeder Sänger könne auf diese Weise wöchentlich die in Corona-Zeiten erlaubten 30 Minuten Probe und 20 bis 30 Minuten Stimmbildung haben.

"Komponieren, Proben- und Konzertvorbereitungen gehen immer", fügt Schlichtmann lächelnd hinzu, "Orgelüben auch." Bis vor Kurzem habe sie im Dom ja "nur" die kleine Orgel auf der Schwalbennest-Empore gespielt - und sei schon total begeistert gewesen. Seit die große Klais-Orgel nach ihrer Sanierung wieder zusammengesetzt ist, kann für Hermia Schlichtmann die Post richtig abgehen: Über vier Manuale, 115 Register und 8801 Pfeifen verfügt das zeitgenössische Meisterwerk, das zu den größten Orgelwerken Deutschlands zählt. "Die Musik einer Orgel ist Mittler zwischen Diesseits und Jenseits", sagt Orgelbauer Hans Klais.

Das durften bei der Matinee am 22. August auch die Zuhörer im Kaiserdom erleben, als Schlichtmann hier erstmals vor Publikum die sanierte große Orgel spielte. Werke von Max Reger, Louis Vierne und den Zeitgenossen Karl Jenkins und Naji Hakim reichten von hauchzart schwingenden Akkorden bis zu bombastischen Explosionen aller Register. Gänsehaut und Tränen der Ergriffenheit machten sich spätestens beim "Postludio festivo" von Sigfrid Karg-Elert breit.

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