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Ein Holzschild weist den Weg zum Rosenhof, wo einst die jüdische Familie Lesse gelebt hat.

Eine Straße für Martha Lesse

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Während des Dritten Reichs musste die jüdische Familie Lesse ihr Land im Bad Nauheimer Stadtteil Rödgen verkaufen, um auszuwandern. Auf dieser Fläche liegt heute ein großer Teil des künftigen Wohngebiets »Auf dem Holzberg«. Nun setzen sich verschiedene Beteiligte dafür ein, eine Straße nach Martha Lesse zu benennen. Auch, weil es mehr weibliche Namen im Stadtbild geben soll.

Zum Rosenhof im Bad Nauheimer Stadtteil Rödgen führt ein schmaler Weg. Ein geschnitztes Holzschild weist auf den asphaltierten Pfad hin, der beim Sonnenweg abgeht. Vorbei an einer Wiese, auf der Bäume stehen, geht es hinauf zu einem großen Haus. Wäsche hängt auf der Leine. Das Bild macht nachdenklich, wenn man die Geschichte kennt.

Im Rosenhof lebte eine jüdische Familie namens Lesse, die 1932 von Frankfurt nach Rödgen gezogen war. Die gesunde Luft, die man Familienoberhaupt Alfred empfohlen hatte, war der Grund dafür. Zwischen 1937 und 1939 waren die Lesses durch die Judenverfolgung gezwungen, Deutschland zu verlassen und in die USA auszuwandern. In der Reichspogromnacht hatten Nazis ihr Anwesen geschändet. Dass ihnen nicht noch Schlimmeres widerfuhr, soll dem damaligen Bürgermeister Lehrmann zu verdanken gewesen sein, der sie warnte.

Martha Lesse hatte eine Hühnerfarm

An das Schicksal der Lesses soll künftig eine Straße in dem neuen Baugebiet »Auf dem Holzberg« erinnern, das oberhalb des Rosenhofs liegt. Das Land gehörte damals großenteils den Lesses. Ihren Grund verkauften sie kurz vor ihrer Auswanderung an eine nicht ortsansässige Familie.

Mittlerweile sind die Bagger dort, die Arbeiten haben begonnen. Zwei neue Straßen sollen im Neubaugebiet entstehen. Da es in Bad Nauheim den Ortsbeiräten obliegt, Straßennamen vorzuschlagen, befasste sich der Ortsbeirat Rödgen/Wisselsheim in seiner jüngsten Sitzung mit diesem Thema. Laut Ortsvorsteherin Gisela Babitz-Koch (CDU) ist es Wunsch des Stadtparlamentes, bei Straßennamen auch ehemaliger jüdischer Bürger zu gedenken. Bad Nauheim hat keine Stolpersteine, da dieses Konzept nicht nur Befürworter hat. Kritiker beanstanden es, Gedenktafeln in den Boden einzulassen, auf die anschließend Füße treten. Im Vorfeld der Ortsbeiratssitzung hatte Alfred Vieth aus Rödgen den Vorschlag einer »Alfred-Lesse-Straße« gemacht.

An dieser Stelle kam die städtische Frauenbeauftragte Patricia Mayer ins Spiel, die in der Sitzung anwesend war. Wie sie erklärte, besteht ein gesetzlicher Auftrag, Frauennamen in den Städten zu verewigen. Insofern stellte sie den Antrag, der Familie zu gedenken, dabei aber einen Frauennamen zu verwenden.

Eine der neuen Straßen soll daher nicht nach Alfred, sondern nach Martha Lesse benannt werden. Das passt insofern, als Martha präsenter im Dorf gewesen sein dürfte als ihr Mann. Sie übernahm laut der Überlieferung die Hühnerfarm in Rödgen, wo sie Geflügel aufzog. Zahlreiche Geflügelzuchtgehilfen sollen ihr auf dem stattlichen Rosenhof zur Seite gestanden haben. Ihr Mann, der ein Textilgeschäft in Frankfurt hatte, fuhr derweil täglich mit dem Auto in seinen Laden. Lokalhistoriker Herbert Pauschardt legte die Geschichte der Familie in seiner Chronik zur 750-Jahr-Feier Rödgens dar. Er war es auch, der im Gespräch mit Stadtarchivarin Brigitte Faatz die Idee zum Namen »Martha-Lesse-Straße« entwickelte.

Ein Besuch in den 70er Jahren

Martha und Alfred Lesse hatten zwei Söhne namens Walter und Hans sowie eine Tochter, deren Vorname und Verbleib nicht überliefert ist. Sohn Walter entkam zwar nach England, ertrank aber auf der weiterführenden Flucht. Ursprünglich hieß die Familie »Levy«, hatte den Nachnamen in »Lesse« geändert.

Ende der 70er Jahre kam Martha zu Besuch nach Rödgen. 40 Jahre nach dem Holocaust reichte sie den neuen Eigentümern ihres Anwesens laut Pauschardt die Hand. Von ihrem Sohn Hans ist ebenfalls ein Besuch überliefert.

Bei allen heute Beteiligten ist es laut Ortsvorsteherin Babitz-Koch sehr gewünscht, die Familie mit dem Straßennamen zu würdigen. Alfred Vieth fand durch Recherchen die Enkelin Sarah Roden in den USA, die sich für die Aktivitäten bedankte. Sie schrieb: »Wir sind gerührt. Für unsere Familie ist es sehr wichtig, zu wissen, dass unsere Angehörigen in Rödgen nicht vergessen wurden.«

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