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Marco Wonsak stellt in der Holzwerkstatt des Karl-Wagner-Hauses mit der elektrischen Laubsäge kleine Adolfstürme her.

Eine Heimat in der Not

  • vonHarald Schuchardt
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In der Bevölkerung wird das Friedberger Karl-Wagner-Haus in der Alten Bahnhofstraße 3 oft als »Männerwohnheim« bezeichnet. Die Einrichtung der »Mission Leben« versucht, Männern in sozialen und persönlichen Notlagen eine Perspektive zu bieten - auch in Zeiten der Corona-Pandemie.

Ich fühle mich hier wohl«, sagt Helmut Göbel, der sich gerade in seinem kleinen Zimmer im dritten Stock des Karl-Wagner-Hauses, einem »Männerwohnheim«, in Friedberg aufhält. Seit drei Monaten lebt der Bad Hersfelder, den seine Scheidung aus der Bahn geworfen hat, hier. Warum er sich gut fühlt, erklärt er so: »Wir haben hier eine tolle Chefin.«

Die »Chefin« ist Ulrike Rudolf-Velde, Leiterin des stationären Bereichs. Ihre Arbeit hat sich schon lange vor der Corona-Pandemie verändert. »Der lokale Bezug rückt immer stärker in den Vordergrund. Die meisten Männer stammen inzwischen aus der Wetterau und haben aus unterschiedlichen Gründen ihre Wohnung verloren.«

Die coronagerechte Verringerung der Wohnheimplätze von 45 auf 35 war kein großes Problem. »Wir haben die Plätze nach Gesprächen mit dem Wetteraukreis und dem Landeswohlfahrtsverband als Kostenträger reduziert«, ergänzt Michael Erlenbach. Der Leiter des Geschäftsbereichs »Hilfen für Menschen in sozialen Notlagen Rheinland-Pfalz und Hessen« begann seine berufliche Laufbahn 1988 im Karl-Wagner-Haus und zeichnet inzwischen für sechs Einrichtungen verantwortlich. Wichtigste Änderung: Es gibt nur noch Einzelzimmer. Dies gilt auch für die von acht auf fünf reduzierten Plätze in der »Herberge« für Durchreisende und Notübernachtung. Aktuell leben 34 Männer im Wohnheim, wo sie sozialpädagogisch betreut werden.

Alle sechs Monate wird für jeden Bewohner ein Hilfeplan erstellt. »Das ist gesetzlich vorgeschrieben«, sagt Rudolf-Velde, die mit ihrem Team verstärkt auf mehr Unabhängigkeit der Männer im Wohnheim setzt. So sollen mehr Küchenzeilen eingebaut werden, sodass die Männer Frühstück und Abendessen selbst zubereiten können. »Eine Vollversorgung ist nicht mehr zeitgemäß. Die meisten Männer haben sich jahrelang selbst versorgt. Sie können und wollen das auch«, erläutert Rudolf-Velde. Immer mehr Bedeutung erhält der Bereich »Betreutes Wohnen«, in dem Männer in einer eigenen Wohnung leben, aber weiter von Sozialarbeitern betreut werden. Rudolf-Velde: »Die Plätze wurden von acht auf 20 mehr als verdoppelt. Das sind die zehn Plätze, die wir jetzt im Wohnheim weniger haben.«

Was die Bereichsleiterin besonders freut: Alle halten sich an die Corona-Regeln. In Bewohnerversammlungen und persönlichen Gesprächen werden die Regeln immer wieder erklärt. Ein Problem war im Frühjahr die Beschaffung von Mund-Nasen-Masken. »Mütter und Omas haben für uns Stoffmasken genäht,« erinnert sich Erlenbach, der für die sechs von ihm geführten Einrichtungen bisher um die 30 000 Euro für Masken, Desinfektionsmittel und Schutzkleidung ausgegeben hat. »Dafür gab es bisher keine Refinanzierung. Erst jetzt tut sich auf Landesebene langsam was«, sagt Erlenbach.

Bisher gab es in der Einrichtung keinen einzigen Corona-Fall. Zwei Verdachtsfälle und ein Reiserückkehrer waren die bisher einzigen Bewohner in der eigens eingerichteten Quarantänestation, für die die Sozialräume des Personals samt kleiner Küche, Toilette und Dusche genutzt werden. »Unsere Mitarbeiter haben sofort darauf verzichtet«, sagt Erlenbach.

»To-go-Paket« statt Frühstückstreff

Verändert hat sich auch die Arbeit der Streetworker und der Mitarbeiter im Bad Nauheimer Fürstenpavillon neben dem Bahnhof, in dem sich der Bereich Tagesbetreuung befindet. Im Fürstenpavillon werden jetzt Fertiggerichte in der Mikrowelle aufgewärmt. »Dabei unterstützt uns der Rotary-Club sehr«, sagt Erlenbach. Als Ersatz für den Frühstückstreff im Freien erhalten die Männer, die sich beispielsweise am Stadtkirchenplatz in Friedberg treffen, ein »To-go-Paket«. In allen Bereichen wird auf Abstand, das Tragen von Masken und all die anderen Corona-Regeln geachtet. Der Speisesaal wurde coronagerecht umgestaltet. Auch in der hauseigenen Holzwerkstatt im Keller des Karl-Wagner-Hauses wird auf Abstand und Masken geachtet. Dort schneidet Marco Bonsak mit der elektrischen Laubsäge aus Holzplatten kleine Adolfstürme aus. »Was man nicht kann, das lernt man hier«, sagt der ehemalige Heimbewohner, der inzwischen im Rahmen des »Betreuten Wohnens« in einer eigenen kleinen Wohnung lebt. »Ich arbeite gerne hier. Das macht Spaß«.

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