agl_Feuerwehr3_091021_4c
+
Tom Wolf (l.) und Marcus Müller leiten die Freiwillige Feuerwehr in Rödgen. Im Ortsbeirat Rödgen/Wisselsheim machen sie auf Probleme aufmerksam.

Ein flammender Appell

  • VonPetra Ihm-Fahle
    schließen

Die Freiwillige Feuerwehr Rödgen schlägt Alarm. Im Ortsbeirat Rödgen/Wisselsheim machten Wehrführer Marcus Müller und sein Stellvertreter Tom Wolf eindringlich auf einige Probleme aufmerksam. Die beiden 47-Jährigen fordern die Stadt insbesondere dazu auf, die Suche nach Nachwuchs entschlossen anzugehen.

Du bist zwischen 10 und 17 Jahren? Bist ein Teamplayer und stellst dich gern Herausforderungen?« Wer am Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr Rödgen vorbeigeht, kann diesen Aushang im Schaukasten sehen. Es ist nur eine von zahlreichen Initiativen, mit denen die Brandschützer um die Jugend werben. Dass Nachwuchs immer spärlicher wird, ist eine der dringendsten Sorgen, die Feuerwehren bundesweit heutzutage haben.

Wie Wehrführer Marcus Müller und sein Stellvertreter Tom Wolf im Ortsbeirat Rödgen/Wisselsheim jüngst eindringlich erklärten, muss sich aus ihrer Sicht etwas ändern: Bei der Suche nach Mitstreitern, aber auch an anderen Punkten. »Unsere Truppe ist hoch motiviert und sehr flexibel«, betonte Wehrführer Müller. Um die Motivation zu halten, sei es allerdings wichtig, einige Widrigkeiten zu beheben.

Wie der 47-Jährige schilderte, sind in Rödgen aktuell 15 Personen für den Einsatzdienst verfügbar. Das sei zu wenig, unter anderem, da fünf davon laut Müller noch nicht fertig ausgebildet sind. Der Blick in die Zukunft mache es nicht einfacher, denn junge Menschen fänden kaum eine bezahlbare Wohnung in Bad Nauheim. Nach der Feuerwehrausbildung zögen sie daher oft weg. »Wir haben hier ein Riesenproblem«, stellte Müller fest. Werbung in den sozialen Netzwerken reiche nicht aus, um neue Leute zu finden. Wie er hervorhob, sei die Feuerwehr kein Verein. »Wir sind eine städtische Institution, die durch Ehrenamtliche mit Leben erfüllt wird.«

Die Feuerwehrleute seien für die Brandbekämpfung ausgebildet, aber nicht für die Nachwuchsgewinnung. Dafür sei keine Zeit. »Sicher werden wir von den anderen Wehren unterstützt, aber wir sind ja auch für den Ersteingriff zuständig und müssen Hilfe innerhalb von zehn Minuten nach Eingang des Anrufs leisten.«

Müller appellierte an den Ortsbeirat, sich im Rathaus für die Belange der Brandschützer einzusetzen. Im Wehrführerausschuss hätten der Wehrführer und sein Stellvertreter das Problem Bürgermeister Klaus Kreß bereits vorgetragen. »Er hat gesagt, andere Feuerwehren haben das Problem auch«, teilte Müller mit. Doch sofern das so sei, müsse die Kommune etwas tun.

Ein Aspekt: wenige Lkw-Führerscheine

Aus der Jugendfeuerwehr rekrutiere sich der Nachwuchs. Mit Glück bleibe von fünf jungen Leuten, die in die Einsatzabteilung eintreten, am Ende einer übrig. »Wir machen ja nicht nur Feuerwehrausbildung, sondern auch Freizeitaktivitäten, statten die Kinder und Jugendlichen mit T-Shirts und Schirmkappen aus.« Die Uniformen stelle die Stadt, den Rest zahle der Förderverein. »Das sind im Jahr 2000 Euro, die die Vereinsmitglieder zur Verfügung stellen.« Nach Ansicht von Müller müsste es ein städtisches Budget für die Jugendausbildung geben. »Es kann nicht sein, dass der Förderverein alles am Laufen hält.«

Er nannte einen weiteren Punkt: Das Löschfahrzeug der Rödgener Brandschützer ist alt und wird durch die Stadt ersetzt, mit Zuschuss vom Land. Dem wachsenden Stadtteil geschuldet, ist das neue Modell größer als der Vorgänger. Die Tore des Feuerwehrgerätehauses sollen daher baulich verändert werden, um eine sichere Ein- und Ausfahrt zu gewährleisten. »Bitte fragen Sie in Ihren Sitzungen immer mal nach, ob man sich darum kümmert«, appellierte Müller an die Ortsbeiratsmitglieder, die teilweise im Stadtparlament sitzen.

Wie der stellvertretende Wehrführer Wolf vor Augen führte, ist die Feuerwehr täglich rund um die Uhr da, um der Bevölkerung zu helfen. Das gehe aber nur, wenn Ausrüstung und Personal vorhanden seien. »Die Fahrzeuge von heute haben ein anderes Tonnenregister. Die können mit einem normalen Führerschein nicht gefahren werden. Ein normaler 18- oder 19-Jähriger darf dieses Fahrzeug nicht führen«, gab der 47-Jährige zu bedenken. Die Stadt zahle jährlich drei Lkw-Führerscheine für insgesamt fünf Wachen. Pro Jahr gingen somit zwei Wachen leer aus. »Die Feuerwehrleute riskieren ihre Gesundheit und teilweise ihr Leben, wenn sie ausfahren. So gesehen wäre es wichtig, ihnen wenigstens das Material zu geben, das sie benötigen.« Der Ortsbeirat sagte zu, sich beim Magistrat wegen der angesprochenen Punkte starkzumachen.

Drei Fragen an Bürgermeister Klaus Kreß

Ist die Bad Nauheimer Feuerwehr gut aufgestellt?

Gerade im interkommunalen Vergleich bin ich der Meinung, dass die Bad Nauheimer Feuerwehr gut aufgestellt ist. 2022 investiert die Stadt vier Millionen Euro, davon rund 2,3 Millionen investiv, das heißt für neue Fahrzeuge und neue Technik. Wir haben eine hauptamtliche Feuerwache und jüngst einen zusätzlichen hauptamtlichen Feuerwehrmann eingestellt. Im ehrenamtlichen Bereich ist es wirklich ein ernst zu nehmendes Problem. Vor diesem Hintergrund wurde eine Öffentlichkeitsarbeits-AG aus den Reihen der Freiwilligen Feuerwehr gebildet. Die hat sich zum Ziel gesetzt, Ideen und Maßnahmen zu entwickeln. Wir versuchen ständig Anreize zu setzen, um die Freiwillige Feuerwehr attraktiv zu machen. Zudem haben wir zwei hauptamtliche Brandschutzerzieherinnen, die in Schulen und Kitas gehen, um Nachwuchs zu interessieren.

Sind die Lkw-Führerscheine und hohen Mieten wirklich eine Hürde?

Allein für Führerscheine haben wir dieses Jahr 85 000 Euro investiert. Diese finanzieren wir bedarfsorientiert. Ist der Bedarf höher, finanzieren wir auch mehr. Aber natürlich müssen wir schauen, dass jemand eine gewisse Zeit aktiv ist. Die Mieten in Bad Nauheim sehe ich nicht als Grund für den Nachwuchsmangel. Dann hätten ja Kommunen im ländlichen Raum keine Nachwuchssorgen, was nicht der Fall ist. Das Problem liegt tiefer. Der Feuerwehrdienst erfordert einen hohen zeitlichen Einsatz und das Leben verlangt den Menschen immer mehr ab.

Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Technische Ausstattung und die baulichen Veränderungen, die wir angehen werden, kann man mit Geld lösen. Wir haben einiges getan, um attraktiv für das Ehrenamt zu sein. Aber ich glaube, das reicht für die Zukunft nicht aus. Wir müssen den immer zeitaufwendiger werdenden Feuerwehrdienst so attraktiv gestalten, dass Menschen bereit sind, diesen Weg zu gehen. Eine nachhaltige Nachwuchssuche wird nicht nur mit bunten Bildchen und einer crossmedialen Kampagne funktionieren. Das bedarf echter Anreize.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare