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Abgedruckte Lagepläne sind Teil des neuen Romans, den Thanassis Nalbantis geschrieben hat. Neben einem großen Interesse an Literatur hat er ein ausgeprägtes Geschichtsverständnis für Antike und Neuzeit.

Ein Autor auf Spurensuche

  • vonHanna von Prosch
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»Man möchte gerne wissen, was das für Leute sind, in dessen Erbe man weiterlebt«. Das sagt der Friedberger Schriftsteller Thanassis Nalbantis. Sei neuer Roman »Ja! Ja! Der Tag vor der Hochzeit« verbindet Generationen und Lebenswelten.

Der Friedberger Autor Thanassis Nalbantis hat sich auf Spurensuche begeben. Zumindest wenn man seinen neuen Roman liest. »Ja! Ja! Der Tag vor der Hochzeit« heißt sein aktuelles Buch, in dem sich die Wege dreier Geschwister mehr oder weniger zufällig kreuzen.

Drei Geschwister treffen bewusst oder zufällig auf die Schickimicki-Gesellschaft im Dunstkreis eines berühmten, in seiner Figur überhöhten Malers. Nalbantis erzählt dazu mit denselben Protagonisten eine Parallelgeschichte, an deren Ende sich die Wege mit offenem Ausgang kreuzen. Die drei Geschwister betrauen einen Aufschreiber mit einer Familienchronik und begeben sich auf Spurensuche an - zufällig - authentische Plätze des Autors in die DDR nach Erfurt, Bad Köstritz und nach Griechenland.

Wie eine schnelle Kamerafahrt

Wie die Geschwister hatte auch der Autor außer der Geburtsurkunde seiner Mutter nichts in der Hand. Das war der Anlass, um Personen und Begebenheiten frei in einem Roman zu entwickeln. Und weil der Hochzeitstag wahrscheinlich überall gleich abläuft, wählte er den Tag vor dem doppelten »Ja! - Ja!«.

Nalbantis (Jahrgang 1959) hat väterlicherseits griechische Wurzeln. Nach dem Krieg landeten die Eltern in Ostdeutschland. 1982 konnte der junge Nalbantis aus der DDR ausreisen und lebte ein Jahr im Sauerland. Dann ging er nach Berlin, um nahe bei der in Ostberlin verbliebenen Freundin zu sein, die ihm 1984 folgte.

Er studierte Germanistik, Byzantinik und Medienwissenschaften und arbeitete bis zum Vorruhestand als Medienspezialist. Nach dem Mauerfall, den er als einmaliges Ereignis zu schätzen weiß, bekam er eine Stelle in Frankfurt und wohnte in Karben. Nach Friedberg zog die Familie als der Sohn die Augustinerschule besuchte. In Engelrod im Vogelsberg hat sie ein zweites Domizil.

Als Schüler wollte Nalbantis mit Freunden die Lesung eines bekannten DDR-Lyrikers besuchen. Die fiel aber aus. Das wurde zum Impuls für sein Interesse an Literatur. Gepaart mit ausgeprägtem Geschichtsverständnis für Antike und Neuzeit gelingt es Nalbantis, seine Stoffe verdichtet zu dokumentieren, zu abstrahieren und pointieren. Die lebhaft dargestellten Situationen und Gespräche am Tag vor der Hochzeit gleichen einer schnellen Kamerafahrt durch Zeit und Orte - nachvollziehbar durch abgedruckte Lagepläne. Lebensverhältnisse, Beziehungsmuster, Moral und typische Aussagen der Nachkriegs-DDR werden herangezoomt. Szenenwechsel entstehen durch die ironisierte Inszenierung einer Westgesellschaft am Rande eines prominenten Seegrundstücks. »Die Leerstellen fülle ich mit namhafter Kunst«, sagt Nalbantis schmunzelnd.

Mit 22 Jahren war er das erste Mal in Griechenland. »Weil ich so lange nicht dorthin konnte, war der Wunsch wahrscheinlich besonders groß«, glaubt er. »Es war ein anderes Gesellschaftssystem, eine andere Sprache. Schwierig. So habe ich erst im Vorruhestand dort mehrere Monate nach meinen Wurzeln gesucht. Griechenland wurde mir aber zur zweiten Heimat.«

Das Wissen um die Herkunft ist für ihn sehr wichtig: »Egal ob Geschichte allgemein oder Familiengeschichte, man muss erkennen, dass sie zum gegenwärtigen Zustand geführt hat. Man nimmt dann das eine oder andere nicht so schwer, weil man weiß, man ist Teil einer Entwicklung.« Ob »die Badenden«, Nixen, Nackte in Kunst oder Mythologie oder der Schreiber, der seine Dienste auf dem Markt anbietet: Im Buch stößt man immer wieder auf historische Anklänge. Andererseits wird das Absurde in philosophischen, zu Plattitüden verkommenen Äußerungen offensichtlich.

Beim Lesen findet man zahlreiche Gelegenheiten, an seinen eigenen Wurzeln zu kratzen und über Vertrautes zu schmunzeln.

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