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Ein Angeklagter, zwei Identitäten

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Von: Sophie Röder

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Ein 23-Jähriger sitzt derzeit seine Haft in Wiesbaden ab. Gleichzeitig gibt es in Friedberg einen Prozess wegen weiterer Straftaten gegen ihn. Doch am ersten Gerichtstag geht es nicht nur um das, was er getan haben soll, sondern auch unter welchem Namen. SYMBOLBILD: SMF © Sophie Mahr

Drogen, Drohungen, Raub und Körperverletzungen in mehreren Fällen. Wegen dieser Straftaten steht ein 23-Jähriger erneut vor Gericht. Manche Vorwürfe gesteht der Angeklagte, doch nicht alle.

Ob als Angeklagter oder Zeuge vor Gericht - bei einer Aussage überprüft der Richter die Personalien. Das ist normalerweise reine Formsache. Doch dieser Tage befragte Richter Dr. Markus Bange im Friedberger Amtsgericht einige Zeugen zu den Personalien des Angeklagten. Dieser soll unter zwei verschiedenen Identitäten auffällig geworden sein: zum einen als 19- bzw. 21-Jähriger - verschiedene Geburtsjahre liegen vor - mit libyscher Herkunft und zum anderen als 23-jähriger Marokkaner unter einem anderen Nachnamen. Bange gegenüber gab der Angeklagte an, dass die marokkanische Identität seine wahre sei. Die Frage des Richters, warum er zuvor andere Angaben gemacht hatte, ließ er unbeantwortet.

Der Angeklagte - derzeit ohne festen Wohnsitz und eine Haftstrafe in der JVA Wiesbaden absitzend - steht für neun Taten, die er zwischen Dezember 2019 und Dezember 2020 begangen haben soll, vor dem Schöffengericht. Die Tatorte verteilen sich über die Wetterau bis nach Frankfurt.

Noch vor der Zeugenvernehmung hat der Angeklagte über seinen Verteidiger Oliver Persch zwei Taten vollständig eingeräumt sowie drei weitere unter Einschränkungen: So gestand er, bei einer Polizeikontrolle in Frankfurt 0,22 Gramm Kokain besessen zu haben. Des Weiteren räumte er ein, Videospiele aus dem Friedberger Elektronikmarkt Expert Klein gestohlen zu haben, um mit deren Verkauf seinen Lebensunterhalt und den Konsum von Haschisch und Kokain zu finanzieren. Während seiner Flucht aus dem Markt zerriss er zudem das Hemd eines Mitarbeiters.

Pfeffermühle auf Auto geworfen

Eine weitere Tat in Verbindung mit Drogen gab der junge Mann halb zu. So sei es richtig, dass er auf dem Gelände eines Rewe-Marktes in Bad Vilbel in einem Rucksack 22,8 Gramm Haschisch dabeihatte. Doch dieses habe nicht ihm gehört, sondern einer Bekannten. »Ich habe zwei Flaschen in den Rucksack getan und ihn getragen«, schilderte der 23-Jährige auf Banges Nachfrage, weshalb er ihn getragen habe, wenn es nicht seiner gewesen sei. Dass Drogen darin waren, habe er gewusst. Da die Betäubungsmittel zum Teil schon »verkaufsfertig verpackt« gewesen seien, wie der Staatsanwalt aus der Anklageschrift verlas, steht nicht nur der Besitz, sondern auch der Handel mit Drogen als Vorwurf im Raum.

Ein Teilgeständnis legte der 23-Jährige für einen Raub am Bahnhof in Nieder-Wöllstadt ab. Es sei korrekt, dass er dem Opfer 50 Euro sowie dessen Zigaretten abgenommen habe. Doch anders als vom Staatsanwalt in der Anklageschrift verlesen, habe er diesem nicht das Handy geraubt und auch nicht mit dem Tode gedroht.

Laut Anklage soll der Beschuldigte auch jemandem in Wöllstadt gedroht haben: »Einer wird heute sterben, entweder du oder ich.« Der 23-Jährige bestätigte die Auseinandersetzung, doch die Äußerung habe er nicht getätigt. Bei dem Konflikt wurde das Auto einer Anwohnerin beschädigt. Der Angeklagte habe mit einer Pfeffermühle auf den anderen gezielt, diesen verfehlt und das Auto getroffen. Den Wurf mit der zwei Kilo schweren Pfeffermühle gestand der 23-Jährige, doch der andere habe mit dem Streit begonnen. Zudem sei dieser nicht allein gewesen, sondern von zwei Personen begleitet. Er habe aus Angst geworfen.

Zeuge nicht erschienen

Aus der Anklage geht hervor, dass der junge Mann vor diesem Wurf mit einer Machete auf den anderen losgegangen sein und diesen auch verletzt haben soll. Ursache des Konflikts sei die Herausgabe von Wohnungsschlüsseln gewesen. »Ich habe die Schlüssel nicht genommen. Die haben mich zuerst geschlagen. Danach habe ich zurückgeschlagen. Eine Machete habe ich nie da«, sagte der Angeklagte. Der andere Mann war als Zeuge geladen, erschien jedoch nicht und soll beim nächsten Verhandlungstag polizeilich vorgeführt werden.

Weitere Zeugenvernehmungen bezogen sich auf Vorwürfe, die der Angeklagte bestreitet, begangen zu haben. Ebenfalls Drogendelikte, Körperverletzungen - auch mit Waffen wie einem Küchenmesser - und Raub, in Karben, Bad Vilbel und Frankfurt.

Die meiste Zeit saß der Angeklagte ruhig da und schaute zu Boden. Wann immer Verteidiger oder Staatsanwalt die Zeugen befragten, ob sie ihn erkennen würden, stand er auf, zog - mit Erlaubnis des Richters - die Maske herunter und streifte sich die etwas längeren Haare aus dem Gesicht. Manche erkannten ihn wieder, manche nicht, andere waren sich unsicher. Doch er beharrte: »Ich war das nicht. Ich war nicht da.«

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