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Eier legen ist bei den Schabracken-Königslibellen nicht allein Sache der Weibchen. Die Paare bleiben nach der Fortpflanzung so lange zusammen, bis alle Eier sicher im Wasser abgelegt sind. Das läuft auch bei den Gästen im Bingenheimer Ried so. (Stefan Stübing/HGON)

Klimawandel

Aus der Wüste in die Wetterau: Afrikanische Libellenart erstmals zu Besuch

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Eine afrikanische Libellenart hat es bis ins Bingenheimer Ried geschafft - und damit erstmals bis nach Hessen. Wieso kommen die Insekten aus der Wüste zu uns? Ist der Klimawandel schuld?

Eine Libellenart aus Afrika ist erstmals in Hessen aufgetaucht - und zwar in der Wetterau. Der Biologe Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) in Echzell hat die Schabracken-Königslibelle im Bingenheimer Ried entdeckt. Rund zehn der Wüstenlibellen hat er am flachen Wasser gesehen und einige davon fotografiert. Mindestens drei Pärchen haben sich demnach gepaart und an Wasserflächen Eier gelegt. Laut HGON-Arbeitskreis Libellen ist es der erste Nachweis der Art in Hessen.

"Die Art begibt sich auf lange Reisen, ähnlich wie Distelfalter", sagt Stübing, der sich seit über 25 Jahren mit Libellen in Hessen beschäftigt. "Bis nach Mitteleuropa kommen sie allerdings sehr selten." Zuletzt seien sie 1995 in größerer Zahl aufgetreten. Schabracken-Libellen leben im tropischen Afrika südlich der Sahara, von wo aus sie lange Strecken fliegen, etwa nach Südeuropa, um sich zu vermehren. Zwar könnten die Libellen auch unabhängig vom Klimawandel weit wandern, aber: "Je wärmer es wird, desto besser sind die Bedingungen für die Wüstenlibellen. Vor 20 Jahren hätten sie hier vielleicht 20 Grad und Regen vorgefunden. Heute sind es 30 Grad, und es ist trocken."

Klimawandel sorgt für günstige Besingungen

"Möglicherweise begünstigt der Klimawandel die Einflüge, und sie kommen jetzt häufiger vor", sagt auch Hanns-Jürgen Roland aus Reichelsheim, der das Gebiet sowie die heimischen Libellen gut kennt. Die Art sei in den meisten Bundesländern nördlich und östlich von Hessen bereits nachgewiesen worden. Dennoch sagt er über den Fund in der Wettrau: "Es ist etwas Außerordentliches und Besonderes." Denn damit die Wüstenlibellen bis in unsere Breiten vordringen, müssen die Bedingungen auch in Afrika stimmen. Roland: "Es muss einen Massenschlupf geben, und zu dem Zeitpunkt müssen die richtigen Winde vorherrschen." Die nutzen die Insekten nämlich für ihre Reise.

Als Stübing die afrikanischen Libellen entdeckte, war er gerade im Bingenheimer Ried unterwegs, um Krötenlarven zu zählen. Unter Naturfreunden hatte sich schon rumgesprochen, dass die Schabracken-Königslibellen derzeit in Deutschland ankommen. Erst am Morgen hatte ihn ein Freund aus Göttingen angerufen, der die Art beim Spaziergang mit dem Hund gesehen hatte. Daher hielt Stübing bei seiner "Krötenrunde" die Augen offen.

Schon bald flogen einige verdächtig aussehende Libellen an den Wasserflächen umher. Männchen auf der Suche nach Weibchen, wie er vermutete. "Bei der Art war ich mir erst nicht sicher und hab einfach mit der Kamera draufgehalten", sagt er. Doch auf dem Rückweg erhielt er Gewissheit: Drei Paare sind eindeutig als Schabracken-Königslibellen zu erkennen - bei Paarung und Eiablage.

Überleben sie in der Wetterau?

Die Schabracken-Königslibelle von heimischen Arten zu unterscheiden, ist nicht so einfach. In der Wetterau hat sie nämlich Verwandte: Die Große und die Kleine Königslibelle. "Mit der Kleinen Königslibelle kann man sie leicht verwechseln", sagt Libellenexperte Roland. Beide sind mit einer Flügelspannweite von rund zehn Zentimetern relativ groß und bis auf einen blauen Fleck am Ansatz des Hinterleibs bräunlich-grünlich gefärbt. Wichtigster Unterschied: Bei der afrikanischen Art ist der blaue Fleck nur auf der Oberseite, ähnlich wie ein Sattel. Von dem altertümlichen Wort für Satteldecke, Schabracke, hat sie ihren Namen.

Wird das Ried nun bald von Wüstenlibellen wimmeln? "Das ist nicht zu erwarten", sagt Stübing. "Das Ried ist für sie wohl eine Sackgasse." Regne es in nächsten Wochen nicht, trockne das Ried aus und mit ihm die im Wasser lebenden Larven. "Selbst wenn die Vermehrung klappt, wandern sie sicherlich weiter, denn den Winter kann die Art in Mitteleuropa nicht überstehen", sagt er.

So oder so - die Schabracken-Königslibelle sei auch als Vermehrungsgast eine Bereicherung für die heimische Insektenwelt, sagt Stübing. Die sei angesichts des Klimawandels ohnehin im Fluss: Einige Arten kommen, andere gehen. Von rund 60 Libellenarten in Hessen hätten zwölf einen "Klimawandelhintergrund", wie der Biologe es nennt. Die Gabel-Azurjungfer sei zum Beispiel 2008 zum ersten Mal in der Wetterau und damit auch erstmals in Hessen beobachtet worden und habe sich mittlerweile etabliert. Es bleibt abzuwarten, welche Arten durch die veränderten Umweltbedingungen in Zukunft in die Wetterau gespült werden.

Wer hat die Art gesehen?

Die aus Afrika eingewanderte Schabracken-Königslibelle ist in Hessen wahrscheinlich nicht nur ins Bingenheimer Ried gekommen. Auch an anderen geeignet Orten könnte sie zu sehen sein, etwa an Tümpeln, Wasserflächen in Kiesgruben oder auf Wiesen nach Regen. Die Art bevorzugt Flächen, auf denen sich Wasser staut, aber keine Fische vorkommen, die ihre im Wasser lebenden Larven fressen. Wer Schabracken-Königslibellen sieht, sollte am besten ein Foto davon machen, rät Biologe Stefan Stübing von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON). So könnten Experten den Fund später bewerten und gegebenenfalls weitere Vorkommen verfolgen. Fotos nimmt die HGON entgegen per E-Mail unter info@hgon.de.

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