Wider der Schlussstrichmentalität

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Auf Einladung des Arbeitskreises "Jüdisches Leben in Echzell" hat Neithard Dahlen von der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer über verschiedene Aspekte des Massenmordes im Nationalsozialismus berichtet. Dabei sprach er nicht nur die Verfolgung und Ermordung von Millionen jüdischer Menschen und Mitbürgern in ganz Europa an, sondern auch die Verbrechen an allen, die nicht der NS-Ideologie entsprachen oder sich ihr widersetzten. Den Abschluss bildete eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal für die jüdischen Mitbürger, die aus Echzell vertrieben oder ermordet wurden.

Auf Einladung des Arbeitskreises "Jüdisches Leben in Echzell" hat Neithard Dahlen von der Lagergemeinschaft Auschwitz – Freundeskreis der Auschwitzer über verschiedene Aspekte des Massenmordes im Nationalsozialismus berichtet. Dabei sprach er nicht nur die Verfolgung und Ermordung von Millionen jüdischer Menschen und Mitbürgern in ganz Europa an, sondern auch die Verbrechen an allen, die nicht der NS-Ideologie entsprachen oder sich ihr widersetzten. Den Abschluss bildete eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal für die jüdischen Mitbürger, die aus Echzell vertrieben oder ermordet wurden.

"Über Auschwitz darf kein Gras wachsen", wandte sich Dahlen gleich zu Beginn seines Vortrags entschieden gegen die "Schlussstrichmentalität" oder Gleichgültigkeit. Um die Größenordnung der Verbrechen zu zeigen, nannte er Opferzahlen. 26 Millionen toten Soldaten stellte er 30 Millionen Zivilisten gegenüber.

Die Erinnerung an die Verbrechen begegne einem im Alltag immer wieder. Das Vorläuferunternehmen der Firma Detia Degesch, das noch heute Produkte zur Begasung von Vorräten verkauft, lieferte in den 40er Jahren das Zyklon B für den Massenmord in den Konzentrationslagern. Der Hauptsitz befand sich in den letzten Kriegsjahren in Friedberg. An der Turnhalle der Augustinerschule findet sich eine Hinweistafel, dass in der Halle die jüdischen Mitbürger Friedbergs vor der Verschleppung in die Vernichtungslager zusammengepfercht wurden. "Man sollte bewusst durch die Welt gehen", forderte Dahlen das Publikum im vollen Saal des evangelischen Gemeindehauses auf.

Immer wieder wechselte Dahlen die Ebenen. Mal sprach er von der unfassbaren Dimension der Massenmorde in ihrer Gesamtheit. Dann berichtete er von der Verfolgung einzelner Gruppen wie der Sinti und Roma, der Homosexuellen oder der Zeugen Jehovas. An individuellen Schicksalen wurde deutlich, wie das System der Verfolgung und Lager neben der straffen bürokratischen Organisation auch von der Willkür des Einzelnen berichtet wurde. So las er aus den Erinnerungen eines Häftlings, der den Todesblock überlebt hatte, vor. Dieser beschrieb einen Kapo, der zu seinem Vergnügen Häftlingen mit einem Holzstock den Schädel einschlug.

Den Gegenpol bildete der industrialisierte Massenmord. Dahlen beschrieb die Entwicklung von Erschießungen über die Gaswagen, die im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms T4 entwickelt worden waren. "Man hat die Vergasung erfunden, weil es dem Arzt zu viel war, zu töten." Doch auch SS-Männer hätten teilweise die psychischen Belastungen des ständigen Mordens nicht ertragen. Für diese hätten 150 Plätze in einem psychiatrischen Krankenhaus in Gießen zur Verfügung gestanden.

Gaskammern und Zyklon B ermöglichten, den Umfang des Massenmordes auszuweiten. "Die Gaskammer war nicht der limitierende Faktor", beschreibt Dahlen nüchtern. "Der limitierende Faktor war das Krematorium." Teilweise seien deshalb Tausende Menschen auf Scheiterhaufen verbrannt worden. "6000 Mann bewachten das Lager Auschwitz, von denen nachher keiner was gewusst hat", kehrt er auf die Ebene der großen Zahlen und des allgemeinen Vergessens zurück.

Die Erinnerungen hätten aber auch etwas Positives, wandte sich Dahlen nachdrücklich gegen das Verdrängen und Vergessen. "Man muss sich damit auseinandersetzen, dann wird es auch erträglich." Zugleich sei diese Auseinandersetzung auch ein Weg zur Versöhnung. Diese könne man nicht von den Opfern einfordern. "Versöhnung ist ein Geschenk und setzt Sühne voraus."

Dies sei in Echzell mit dem Mahnmal für die ehemaligen Mitbürger gelungen, lobte er. Dieses bildete auch den Rahmen für die anschließende Gedenkveranstaltung mit dem katholischen Pfarrer Wolfgang Kaiser und Leah Frey-Rabbine, die Gebete zum Gedenken an die Toten sprach. Dabei verwies sie auch darauf, wie eng das jüdische Kaddish mit dem Vaterunser verwandt sei.

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