Zwischenstopp für Graugänse

Weg nach Finnland führt übers Bingenheimer Ried

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Im Bingenheimer Ried gibt es zahlreiche Vogelarten zu sehen. Hobby-Ornithologe Hanns-Jürgen Roland hat zwei gefiederte Gäste aus Finnland beobachtet, die hier Zwischenstopp machten.

Am ersten März sah Hanns-Jürgen Roland plötzlich eine Graugans mit blauem Halsring im Bingenheimer Ried. Er nahm gleich an, dass sie auf einer langen Reise war und einen Zwischenstopp in der Wetterau einlegte. Gespannt beschloss er, zu recherchieren.

»Anhand der blauen Farbe und den Buchstaben kann man im Internet feststellen, wer diese Gans beringt hat«, erzählt der 69-Jährige.

Wie er herausfand, wurde die Gans als Altvogel 2019 in Finnland markiert. »Sie wurde außer bei uns im Bingenheimer Ried bisher in Deutschland nirgends gesehen. Aus großer Entfernung habe er die Gans mit einem Spektiv, einem sehr starken Fernrohr, angeschaut und so die Zahlen gelesen.

23 Tage im Ried verbracht

»Ich habe den finnischen Beringer angeschrieben und es ihm mitgeteilt. Er freute sich sehr. Ich schrieb ihm, dass bei uns die ersten Gänse schon brüten. Er antwortete, dass in dem nordfinnischen Gebiet, wo die Graugänse brüten, noch 50 Zentimeter Schnee liegen.«

Mindestens 23 Tage war die Gans im Ried. Am 15. März trat eine weitere Gans auf, die einen weißen Ring und einen GPS-Sender trug. »Anhand der Zahl konnte ich erkennen, dass auch sie aus dem nördlichen Finnland kam und ebenfalls 2019 als Altvogel markiert wurde, aber von einem anderen Beringer.«

Im Winter habe sie sich bereits mehrere Wochen bei Gundelfingen aufgehalten und war nun offenbar auf dem Weg nach Norden. Auch am 23. März wurde sie noch im Ried beobachtet. Exemplare mit gelbem Ring gibt es auch im Bingenheimer Ried. Sie wurden 2011 markiert und sind Standvögel, sprich Vögel, die das ganze Jahr in der Wetterau bleiben.

Gefiederte Gäste aus Nordeuropa

Roland wohnt nicht weit entfernt vom Bingenheimer Ried, wo er oft unterwegs ist. Stets hat er sein Fernglas und das Spektiv dabei. Bei seinen Spaziergängen schaut er sich alle Vögel an, und wenn ihm etwas Interessantes auffällt, zoomt er näher heran. Mehrmals in der Woche ist er in der Natur unterwegs, weil ihm die Umwelt und die Erhaltung der Artenvielfalt wichtig sind. Nicht nur Vögel interessieren ihn dabei, auch Libellen und andere Insekten.

Ein Storch und zwei Graugänse picken nach Futter, Rufe der Tiere sind zu hören. Überall erklingt Quaken, Schnattern und Zwitschern in den Überschwemmungsflächen.

Roland nimmt das Fernglas hoch. Im Bingenheimer Ried dürften seinen Worten zufolge über 50 Grauganspaare brüten. »Neben den finnischen Graugänsen ist auch eine Gruppe Pfeifenten da, die in Lappland brüten und den Winter bei uns verbringen.«

Viele Amphibien heimisch

Im Winter seien auch Gänse aus Sibirien und Nordeuropa im Ried. Die Graugänse watscheln in Paaren herum, Flügel flattern auf dem Wasser. Viele Spaziergänger sind unterwegs, manch einer macht halt bei einem Stall, wo die Rinder eines Landwirts stehen, die die Fläche beweiden.

Auf den drei Ständen im Ried betrachten Vogelbeobachter die Lage. »Es gibt hier auch eine Twitching-Szene, ein Hobby, das ursprünglich aus England kommt. Diese Menschen haben den Ehrgeiz, möglichst viele besonders seltene Vögel zu sehen«, erläutert Roland.

Das Ried mit seinen sehr zahlreichen Vogelarten biete sich dazu an. »Momentan sind zehn Entenarten hier. Wir haben auch extrem seltene Amphibienarten, wie Knoblauch- und Wechselkröte, Kammmolch und Laubfrosch.«

Schutzgebiet für seltene Arten

Rauschend fährt die Horlofftalbahn vorbei. Die Tiere sind das Geräusch gewöhnt, denn die Bahn ist seit 1897 in Betrieb. Früher machten die Landwirte ihr Heu an diesem Ort, seit Anfang der 90er Jahre darf das Wasser im Bingenheimer Ried aber angestaut werden. »Die Fläche wurde in erster Linie zum Schutz der Wiesenvögel als Naturschutzgebiet ausgewiesen, wozu vor allem der Kiebitz und der große Brachvogel gehören. Der große Brachvogel ist in der Wetterau so gut wie ausgestorben. »Es gibt nur noch ein Paar«, weiß Roland.

Mit dem Anstauen sei die Fläche noch viel interessanter für die Entenarten und die Gänse geworden, sagt er. Die finnischen Gäste sehen das offenbar ebenso.

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