Saatgut hat viele unterschiedliche Formen, Farben und Größen.
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Saatgut hat viele unterschiedliche Formen, Farben und Größen.

Saatgut AG

Saatgut made in Bingenheim: Winzige Körner und dicke Bohnen

  • Anna-Luisa Hortien
    vonAnna-Luisa Hortien
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Es ist Frühling. Für Gärtner beginnt jetzt die Zeit des Setzen und Säens. Meist kommen die Samen für Tomaten, Gurken und Co. aus kleinen Saatgut-Tütchen. Die entstehen zum Beispiel in Bingenheim.

Es ist laut und warm in der Halle. In einer Maschine werden kleine Körner gesiebt. Es sind Samen, aus denen später mal Möhren wachsen. Aus anderen entsteht Basilikum oder Petersilie - in Bio-Qualität. Denn die Bingenheimer Saatgut AG hat sich auf ökologisches Saatgut spezialisiert.

Angefangen hat alles in einer kleinen blauen Gärtnerscheune am Ortseingang. "Doch der Betrieb ist schnell gewachsen", sagt Christoph Bollessen. Er führt regelmäßig Besuchergruppen über das Gelände, das inzwischen mehrere Gebäude umfasst.

Saatgut hat viele unterschiedliche Formen, Farben und Größen. 420 Sorten bietet die Bingenheimer Saatgut AG an. Für Erwerbskunden wird das Saatgut in große Säcke abgefüllt.

Das Bio-Saatgut selbst wächst nicht in Bingenheim. Es kommt von rund 80 sogenannten Vermehrern, die es unter ökologischen Bedingungen erzeugen. Das ist manchmal ganz schön aufwendig, sagt Bollessen. Manche Sorten, wie Tomaten oder Kürbisse, tragen ihre Samen im Fruchtkörper. Um Kopfsalat-Samen zu gewinnen, muss er blühen. Normalerweise wird der Salat vor der Blüte geerntet. "Andere Sorten bringen erst im zweiten Jahr Samen hervor."

In Bingenheim wird das Saatgut aufbereitet. Je nach Art wird es gedroschen, gesiebt oder gebürstet, um Unkraut, Steinchen oder Hülsenreste zu entfernen. "Am Ende bleibt das reine Produkt übrig", sagt Bollessen. "Dabei arbeiten wir mit modernster Technik." Der Farbfotoausleser könne per Kamera schlechte Körner oder Bohnen mit dunklen Flecken aussortieren.

Bingenheimer Saatgut AG: Körner werden im Labor untersucht

"Es gibt nicht viele, die ökologisches Saatgut anbieten", sagt Vorstandsvorsitzender Gebhard Rossmanith. "Chemiegiganten beherrschen 60 Prozent des Saatgutmarktes." Die Saatgut AG exportiert deshalb auch in andere Länder. Man konzentriere sich aber auf Mitteleuropa. "Die Sorten sind an das Klima und die Bedingungen dieser Region angepasst", sagt Rossmanith. "Man kann sie nicht einfach überall auf der Welt anpflanzen."

Uta Sommer von der Lebensgemeinschaft Bingenheim wiegt die Samen genau ab und füllt sie in kleine Tütchen.

Bevor das Saatgut für die Kunden abgefüllt wird, werden Proben entnommen. Die Saatgutdiagnostik untersucht sie auf Reinheit sowie auf Pflanzengesundheit und teste Triebkraft und Keimfähigkeit. Dazu wird das Saatgut zum Beispiel auf schlechten Böden oder bei kälteren Temperaturen zum Keimen gebracht. Unter dem Mikroskop wird es auf Schädlingsbefall kontrolliert. "Diese Kontrollen sind besonders für unsere Erwerbskunden wichtig", sagt Bollessen. "Schließlich könnte eine schlechte Ernte ihre Existenz bedrohen."

Das Saatgut lagert in hohen Regalen. Zottelwicke, Ambassador oder Wunder von Kelvedon ist auf den braunen Tüten zu lesen. Rund 420 Sorten bietet die Saatgut AG an. In sogenannten Big Packs werden bis zu 500 Kilo Samen verpackt. "Jedes Saatgut hat unterschiedliche Eigenschaften", sagt Bollessen. 20 000 Korn Tomatensamen würden in eine Kaffeetasse passen und gerade mal 40 Gramm wiegen. 1000 Samen der Dicken Bohne hingegen über ein Kilo.

Bingenheimer Saatgut AG: Samen-Tütchen werden von Hand befüllt

Neue Sorten entstünden durch Züchtung. "Allerdings nicht im Labor, sondern auf dem Acker", sagt Rossmanith. Dafür ist der Verein Kultursaat zuständig. "Wir verzichten auf Gentechnik." Stattdessen seien Kreuzung und Selektion die Stichwörter. Bestehende Sorten müssten laufend gepflegt werden. "Sonst verwildern sie", sagt Bollessen. Außerdem müssten sie samenfest sein. "Das heißt, dass sie stabil bleiben und ihre Eigenschaften nicht verändern."

Im Labor werden die Keimfähigkeit der Körner getestet.

Unter den Kunden sind nicht nur Erwerbs-, sondern auch Hobbygärtner. "Der eigene Anbau boomt", sagt Rossmanith. Für Hobbygärtner produziert die Saatgut AG kleine Tütchen, mit wenigen Samenkörnern. Mehr als die Hälfte werde per Hand abgefüllt. So könne am besten auf die Unterschiede der Samen eingegangen werden. Dabei helfen pflegebedürftige Menschen der Lebensgemeinschaft Bingenheim.

"Wir sind Bingenheim sehr verbunden", sagt Rossmanith. Bisher hätten sich immer zur richtigen Zeit neue Möglichkeiten ergeben, um den Betrieb zu erweitern. 2012 habe man zum Beispiel noch Räumlichkeiten auf der anderen Straßenseite erwerben können. "Die Zusammenarbeit mit der Stadt ist gut." Als nächstes soll auf dem Gelände "An der Freihub" ein Versuchsbetrieb entstehen.

Die kleinen Tütchen gehen meist an Hobbygärtner.

Denn Bio-Lebensmittel seien immer gefragter. "Viele Supermärkte sind mittlerweile in das Geschäft eingestiegen", sagt Rossmanith. Auf Biolandbau mit ökologischem Saatgut umzustellen dauere. "Aber man schmeckt den Unterschied."

Bingenheimer Saatgut AG: Vom Tauschgeschäft zur Firma

1975 entstand die Idee für biodynamisches Saatgut unter engagierten Gärtnern. Damals musste beim Anbau von Bio-Gemüse häufig auf konventionelles Saatgut zurückgegriffen werden. Das hat eine Gruppe engagierter Demeter-Gärtner bewogen, sich zum "Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau" zusammenzuschließen. Die ersten Saatguternten wurden einfach untereinander ausgetauscht. Dann entstand der Wunsch nach einem zentralen Ort für die Prüfung und Aufbereitung des Saatgutes. Zunächst kümmerte sich die Allerleirauh GmbH, der Vertriebsbereich der Werkstätten der Lebensgemeinschaft Bingenheim, um den Saatgutvertrieb. 2001 wurde die Bingenheimer Saatgut AG als eigenständige Firma gegründet. Sie steht in engem Austausch mit den im Initiativkreis zusammengeschlossenen Saatgutvermehrern und anderen Partnern. Die Saatgut AG ist 2015 beim Bundeswettbewerb Ökologischer Landbau des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. ausgezeichnet worden

Saatgut kann telefonisch unter Tel. 0 60 35/18 99 77 oder über den Onlineshop unter www. bingenheimersaatgut.de bestellt werden.

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