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Neues Gemüse

Möhren, Tomaten und Co.: Bingenheimer Verein züchtet unbekannte Sorten

Möhre ist Möhre. Könnte man meinen, stimmt aber nicht. Es gibt viele verschiedene Möhrensorten. Beim Verein Kultursaat aus Bingenheim dreht sich alles um die Züchtung neuer Gemüsesorten.

Manche sind klein und süß, andere groß und mit festem Fruchtfleisch, wieder andere saftig und säuerlich. Ob Cherry-, Dattel- oder Fleischtomate - jede Sorte hat typische Eigenschaften. In der EU sind über 4000 Tomatensorten zugelassen. Und immer wieder kommen neue dazu. Zum Beispiel von Kultursaat aus Bingenheim. Unter dem Dach des gemeinnützigen Vereins werden neue Gemüsesorten gezüchtet - auf biologisch-dynamischer Grundlage. Oder anders gesagt: In Bio-Qualität.

Doch warum braucht es überhaupt neue Sorten und Züchter, die sie entwickeln und überwachen? "Die äußeren Bedingungen verändern sich stetig", sagt Kultursaat-Geschäftsführer Michael Fleck. Dazu zähle das Klima, aber auch neue Pilze oder Schädlinge. "Auf dem Feld muss aber trotzdem etwas wachsen, denn die Anbauer sind auf die Erträge angewiesen." Durch Züchtung könne man auf Veränderungen reagieren.

Verein Kultursaat aus Bingenheim: Unterschiedliche Ansprüche an das Gemüse

Gleichzeitig würden unterschiedliche Ansprüche an das Gemüse gestellt. "Beim Anbauer, dem Gärtner oder Landwirt, muss sich der Samen gut mit einer Maschine aussäen lassen." Das sei eine Aufgabe der Saatgutaufbereitung. Die übernimmt die Bingenheimer Saatgut AG, mit der der Verein eng zusammenarbeitet. "Außerdem sollen die Pflanzen möglichst gleich aussehen und gleichzeitig reif werden." Eine Möhre etwa solle schöne, grüne Blätter haben, die sich leicht, aber nicht zu leicht, lösen lassen.

"Im ökologischen Landbau verzichten wir auf mineralische Dünger und Pflanzenschutzmittel." Also müssten die Pflanzen robust sein. "Für Verbraucher ist wichtig, dass die Möhre knackig ist und gut schmeckt." Im Vertrieb komme es auf Lager- und Transportfähigkeit an. Das seien nur ein paar Beispiele.

"Manche Möhren werden eingemacht, andere zu Saft verarbeitet, wieder andere sollen tiefgekühlt oder als Babybrei verkauft werden." Auch dafür seien manche Sorten besser geeignet als andere. Bei Kultursaat achte man stets auf ein gutes Gesamtpaket.

Verein Kultursaat aus Bingenheim: Über 90 neue Gemüsesorten

Damit Möhre Rodelika und Zucchini Serafina auch nach einigen Jahren noch charakteristisch schmecken und nicht verwildern, müssen sie erhalten und gepflegt werden, sagt Fleck. Wichtig seien samenfeste Sorten. "Das heißt, dass sie stabil bleiben und ihre Eigenschaften nicht verändern." Samen würden deshalb nicht wahllos gesammelt. "Jeder Züchter wählt nur besonders gesunde und sortentypische Pflanzen für die Gewinnung von Elitesaatgut aus." Das Elitesaatgut säe wiederum der Saatgutvermehrer aus. Sein Saatgut wird dann von der Saatgut AG aufbereitet und verkauft.

Bevor eine neue Sorte in den Vertrieb geht, muss sie vom Bundessortenamt geprüft werden. Dort sind bereits über 90 Gemüsesorten von Kultursaat zugelassen. Die Prüfung dauere zwei Jahre. Pro Jahr würden fünf bis acht neue "Prüflinge" des Vereins hinzukommen. Darum kümmern sich Geschäftsführer Fleck und sein Team. Die Entwicklung der Sorten findet bei den rund 30 Züchtern deutschlandweit statt. Einige kommen aus der Wetterau.

Neue Sorten entstehen gemäß der Überzeugung der Vereinsmitglieder nicht im Labor, sondern auf dem Acker, innerhalb des ökologischen Systems und mit den äußeren Bedingungen. Dabei ist Geduld gefragt. "Sorten entstehen über mehrere Generationen. Möhren zum Beispiel sind zweijährig, das heißt die Pflanzen bilden sogar erst im zweiten Jahr Samen aus", sagt Fleck.

Verein Kultursaat aus Bingenheim: Ohne Gentechnik und "Labortricks"

Das "Handwerkszeug" sei Kreuzung und Selektion. "Einfach ausgedrückt beobachtet der Züchter seine Pflanzen genau und achtet auf Unterschiede. Er teilt sie in Gruppen ein, nach Merkmalen, die gewünscht sind oder nicht." Nur ausgewählte Pflanzen würden weiter angebaut. Dabei stelle sich immer die Frage, welche Gene sich durchsetzen.

Bei bestimmten Arten müsse der Züchter Impulse setzen, damit sich etwas verändere. "Das passiert durch Kreuzung zweiter Typen." Man "zwinge" die Pflanze aber zu nichts. Deshalb kämen Verfahren wie Gentechnik oder die Hybridzüchtung, bei der es vor allem um Ertrag und Einheitlichkeit gehe, für die biologisch-dynamische Züchtung nicht infrage. "Wir machen es traditionell und ohne Labortricks", sagt Fleck. "Wenn es klappt, kommt am Ende eine neue Sorte mit guten Erträgen raus, die schön wächst und lecker schmeckt." Eine runde Sache - nicht nur bei Tomaten.

Verein Kultursaat aus Bingenheim: Mit Spenden zu neuen Sorten

Schon in den 50er Jahren haben sich einige Gärtner um eigenes ökologisches Gemüsesaatgut bemüht. Damals musste beim Anbau von Bio-Gemüse häufig konventionelles Saatgut verwendet werden. Mit der Gründung des Initiativkreises für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau 1985 wurden diese Aktivitäten gebündelt. 1994 gründeten Aktive des Initiativkreises den Verein Kultursaat, um vor allem die Entwicklung neuer Gemüsesorten voranzutreiben. Sie sollen für den ökologischen Erwerbsanbau geeignet sein und dort die Sorten- und Artenvielfalt wieder erhöhen. Der gemeinnützige Verein finanziert sich heute über Mitgliederbeiträge und Spenden. Ein fünfköpfiges Geschäftsstellen-Team unter Leitung von Michael Fleck verwaltet den Betrieb von Bingenheim aus. Die Entwicklung der Sorten passiert auf den Feldern der rund 30 Züchter im deutschsprachigen Raum. Davon arbeiten auch einige in der Wetterau. "Das sind hauptberufliche Gärtner oder Landwirte, die sich mit Saatgut auskennen", sagt Fleck. Sie dürfen den neuen Sorten übrigens auch ihren Namen geben. Wer den Verein unterstützen möchte, findet im Internet unter www.kultursaat.org weitere Informationen.

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