+

Auszeichnung für Udo Seum

Ein Leben lang für den Schutz der Natur begeistert

  • Ines Dauernheim
    vonInes Dauernheim
    schließen

Er ist einer der Väter des Bingenheimer Rieds. Inzwischen ist Udo Seum einer der bekanntesten Naturschützer in der Wetterau. Für sein Wirken wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wissbegierde treibt Udo Seum an. »Brüten wirklich Vögel in den Nistkästen?«, fragte er sich als junger Mann vor fünf Jahrzehnten. Beim Waldlauf entdecke er die Kästen, die er zuvor in der Werkstatt mit seinem Chef gezimmert hatte. »Tatsächlich, da war was drin«, erzählt er. »Ich wollte mehr wissen, habe mir ein kleines Büchlein über Vögel gekauft.«

Dass daraus ein Hobby wurde, das sein Leben prägt, war nicht geplant. Er trat in die Bingenheimer Vogelschutzgruppe ein. Übernahm die Jugendarbeit. »Das war meine Bande«, erzählt er. Sie zogen durch den Wald, bauten Nistkästen.

»Das Wissen fehlte, ich habe mir immer mehr angelesen und fand Lehrmeister.« Später war er der Vorsitzende des Bingenheimer NABU. Das Engagement bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie (HGON) kam hinzu. Noch heute leitet der 68-Jährige die AG Wiesenvogelschutz Wetterau der HGON.

Einmal im Monat: Wasservögel zählen

Viele Stunden ist er in der Natur unterwegs. »Ich bin jeden Tag draußen und beobachte. Die Natur ist kein Zoo.« In der wärmeren Jahreszeit nutzt er das E-Bike. Das Fernglas hat er dann immer griffbereit.

In den Monaten von September bis März ist er fürs Zählen der Wasservögel im Gebiet Wetterau 8/1 zuständig. Das geht von Wölfersheim bis Florstadt, von Dauernheim bis Effolderbach. Immer an einem Sonntag, der dem 15. am nächsten ist, fährt er das Gebiet ab und zählt: Höckerschwäne, Zwergschwäne, Singschwäne, Blässgänse, Saatgänse, Weißwangengänse, Schnatterente, Reiherente und, und, und.

Ein paar Klicks am Computer

Seit mehr als 40 Jahren hat er die Aufgabe inne. Früher sei das Melden viel umständlicher gewesen, heute genügen ein paar Klicks am Computer.

Seum schaut durchs Spektiv, das er auf den Pfaffensee gerichtet hat. Hunderte Gänse und Enten schwimmen übers Wasser. Zwischen all den Graugänsen macht er rasch Blessgänse ausfindig. »Sie sind etwas kleiner, am Schnabel sind sie weiß.«

Seum erinnert sich noch an die Zeit, als die Braunkohleförderung das Gebiet prägte. »Hier sind Seen aufgereiht wie an einer Perlenkette entstanden, das hat neuen Lebensraum geschaffen.«

Kraft in der Natur gefunden

Dann entdeckt er einen weiteren Wintergast aus Russland: eine Schellente. Sieben Erpel und vier Enten hat er kürzlich gezählt. »Die Natur lehrt einen demütig und aufmerksam zu sein.« Sie gebe aber auch Kraft.

Das habe er in einer der schwersten Lebenskrisen gemerkt, als seine erste Frau Mitte der 80er Jahre an Krebs erkrankte und starb. Ihre Kinder seien damals gerade fünf und sieben Jahre alt gewesen. »Wenn ich fertig war, bin ich mit dem Fernglas ins Ried gegangen, nach ein paar Stunden hatte ich wieder Kraft, mich weiter zu kümmern.«

Naturschutz verlangt Ideen

Naturschutz verlange immer wieder nach neuen Ideen und Ansätzen. »Seit zwei Jahren beringen wir in der Wetterau keine Jung-Störche mehr.« Es seinen einfach zu viele Brutpaare. Wie sich die Weißstorch-Population entwickelt habe, das sei eine Erfolgsgeschichte. Er hofft, dass das irgendwann auch für den Kiebitz gilt.

»Da zäunen wir inzwischen die Brutgebiete ein, damit Füchse, Waschbären und Marderhunde nicht mehr die Gelege plündern.« Erst sei er skeptisch gewesen, als die Idee aufkam. Handeln sei aber notwendig gewesen.

»Da siehst du an einem Tag noch das Kiebitzpaar mit dem Küken, und am anderen Tag ist das Junge weg.« Deshalb wirbt Seum dafür, den Kiebitz zum Vogel des Jahres zu wählen.

Vernetzt bis zum Anschlag

»Udo Seum kann für die Natur begeistern«, weiß Sven Schuchmann, der inzwischen Vorsitzender des Bingenheimer NABU ist. »Er ist vernetzt bis zum Anschlag und weiß genau, wie man etwas angeht, er hat Wissen und Weisheit und kenne jeden Winkel der Wetterau.« Er sei ein echter Wetterauer Ureinwohner.

Eben ein idealer Träger für die höchste Auszeichnung, die der Bundespräsident an Ehrenamtliche vergibt. Im November hat Seum erfahren, dass er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wird. Erst nach der Corona-Pandemie werde es eine Verleihung geben, hat Ministerpräsident Volker Bouffier geschrieben.

Der NABU ruft in diesem Jahr erstmals öffentlich zur Wahl des Vogel des Jahres auf. Denn die Aktion gibt es seit 50 Jahren. Jeder kann teilnehmen. Udo Seum wirbt für den Kiebitz. »Er gehört in die Wetterau.« 150 der hessenweit 250 Paare leben in der Wetterau. 75 davon hätten im vergangenen Jahr hier erfolgreich gebrütet. »Da hat sich die Fachwelt die Augen gerieben«, sagt Seum. Unter www.nabu.de kann noch bis zum 19. März abgestimmt werden. kai

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare