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Irene Kissner wird heute 90 Jahre alt.

Internat Lucius

Ein Leben für das Internat: Irene Kissner wird 90 Jahre alt

  • Dagmar Bertram
    VonDagmar Bertram
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Die Geschichte von Irene Kissner ist ohne das Internat Lucius nicht vorstellbar. Umgekehrt gilt das genauso.

Sie war nicht nur das erste Mädchen, das dort zur Schule ging. Vor allem leitete sie später die Internatsschule zusammen mit ihrem Bruder und baute die Oberstufe auf. Heute wird sie 90 Jahre alt.

»Schon mein Leben als Kind war sehr beeinflusst vom Internat, um das sich immer alles drehte«, erzählt Irene Kissner, die damals noch Lucius hieß. Ihr Vater Eberhard leitete die Privatschule bereits in vierter Generation. Als die Volksschule in Echzell geschlossen wurde, setzte er sich dafür ein, dass seine Tochter im Forsthaus zur Schule gehen durfte, wo die Familie auch wohnte. »Zusammen mit zwei weiteren Mädchen kam ich in die Sexta, die fünfte Klasse. Wir waren die allerersten Mädchen auf dem Forsthaus.«

Ab 1948 wieder Unterricht

Ihre Schulzeit war geprägt durch die Luftangriffe während des Zweiten Weltkriegs. Auch die Lebensmittelknappheit spielte eine große Rolle. Die christliche Prägung des Instituts konnte nicht offen im Dritten Reich gelebt werden. »Doch mein Vater hat weiter am Religionsunterricht festgehalten, und jeden Sonntag wurde eine Andacht gehalten.« Sein Leben habe darin bestanden, die Schule zu erhalten.

Das gelang ihm. Dennoch wurde die Schule 1943/44 für kurze Zeit geschlossen, und die paramilitärische Organisation Todt zog im Forsthaus ein. Als die Amerikaner im Anmarsch waren, flohen die deutschen Soldaten. »Das Haus war leer und mein Vater erst einmal ohne Beruf.«

Doch der Leerstand währte nicht lange: Das Forsthaus wurde von den Amerikanern besetzt. »Als sie kamen, war das für uns großartig. Sie bauten uns im Wald ein Holzhaus mit vier Zimmern.« Nach dem Weggang der Amerikaner zog die Familie zurück ins Forsthaus. 1948 wurde die Schule wiedereröffnet, 30 Schüler nahmen am Unterricht teil.

Die Burg im Ortskern gehörte damals einer Freundin der Familie. 38 Menschen wohnten dort, überwiegend Vertriebene. Irene Lucius und ihr Verlobter Hanskarl Kissner waren auf der Suche nach einer Wohnung und konnten zwei leerstehende Zimmer nutzen.

»Das Haus war in einem entsetzlichen Zustand«, erinnert sich Irene Kissner. Als sie es ihrem Verlobten zeigte, sagte er: »Nicht länger als drei Monate, höchstens!« Nach der Hochzeit 1957 zogen sie ein und bekamen bald darauf zwei Kinder.

Als ein großes Zimmer frei wurde, machten die Kissners den Vorschlag, dass dort Schüler für die Oberstufe wohnen könnten. Das war schon lange der Wunsch des Schulleiters: auch das Abitur anzubieten. So zogen die ersten drei Schüler der elften Klasse ein.

Jahr für Jahr wurden weitere Zimmer frei. Denn in der Zeit des »Wirtschaftswunders« zogen immer mehr Vertriebene von der Burg in eigene Wohnungen. Die Schüler gingen morgens aufs Forsthaus zum Unterricht und kamen nach dem Mittagessen zurück.

1964 kaufte Irene Kissners Vater die Burg. »Ich habe sehr viel gearbeitet und nach und nach alles aufgebaut«, erzählt sie. »Ich hatte immer Handwerker hier, und es hat immer Geld gekostet, immer.« 1969 löste ihr Bruder Reinhard den Vater als Schulleiter ab. Nach dem Tod ihrer Mutter Marianne ein Jahr später übernahm Irene Kissner zusätzlich deren Arbeit auf dem Forsthaus.

Nicht klagen, lieber machen

Geklagt habe sie darüber nie, sagt ihre Tochter Vera. »Was mich so an ihr fasziniert und was sie auszeichnet, ist, dass sie Emanzipation schon gelebt hat, als es den Begriff in seiner modernen Form noch gar nicht gab. Sie musste nicht unabhängig sein, sie war es einfach.« Keine Arbeit sei ihr zu viel gewesen. Dabei habe sie immer das Wohl ihrer Mitmenschen im Blick gehabt.

2004 wurde das Internat an die nächste Generation übergeben: Tochter Vera und deren Cousinen Laura Lucius und Luise Schüssler. »Ich dachte, wie schön es ist, dass sie das machen wollen«, sagt Irene Kissner. Sie blickt zufrieden zurück: »Ich denke immer, wie schön das alles geworden ist. Es hat sich gelohnt. Ich möchte nur gerne, wie meine Eltern auch, dass es erhalten bleibt.«

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