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Auch Echzeller Gemeindevertreter und Bürgermeister Wilfried Mogk (4. v. l.) hören sich den Vortrag von Dr. Günther Lißmann (2. v. r.) auf dem Römerhof an.

"Der Druck muss von unten kommen"

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Echzell(pm). Zur ersten "Ackerdemie"-Veranstaltung 2019 hatte die Bürgerinitiative "Bürger für Boden" den Agrarexperten Dr. Günther Lißmann auf den Echzeller Römerhof eingeladen. Er leitete bis 2017 das Landwirtschaftsdezernat im Regierungspräsidium (RP) Kassel. Seit 30 Jahren bewege ihn das Thema Bodenschutz, sagte er vor knapp 70 Zuhörern.

Zunächst machte Lißmann deutlich, was aus seiner Sicht den Boden bedroht. Mit der industriellen Revolution, der Verstädterung, zuletzt weltweitem Warenverkehr und stets verfügbarer Energie habe auch die rasante Vernutzung der Ressource Boden begonnen. Durch die steigende Weltbevölkerung sei seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die weltweite Ernährungsbasis angegriffen. "Wir haben einen überproportional wachsenden Ressourcenverbrauch", sagte Lißmann, "aber es gibt keinen unendlichen Ressourcenverbrauch auf einer endlichen Erde. Die entstandenen und entstehenden Mammutstädte überleben doch nur, wenn die zum Überleben notwendigen Dinge in sie hineingepumpt werden."

Die Agrarflächenverluste, egal ob lokal oder global, seien inzwischen immens. Alleine in Hessen seien zwischen 1992 und 2015 41 000 Hektar der Landwirtschaft entzogen worden. "Das ist mehr als die landwirtschaftliche Fläche des Wetteraukreises, die ca. 39 000 Hektar beträgt." Weiterer wichtiger Grund für die Bedrohung landwirtschaftlicher Böden sei die leichte Bebaubarkeit und der immer noch günstige Preis. Hinzukomme, dass das Land heute zu 70 Prozent Eigentümern gehöre, die keinen Bezug mehr zur Landwirtschaft hätten. "Wenn sie Land ›gut‹ verkaufen können, dann tun sie es. Das hat die BI auch in Berstadt beobachtet", hieß es bei der Veranstaltung.

Lißmann sprach vor den Rewe-Kritkern von einer schwindenden Wertschätzung für den Boden. Dabei sei dieser die Grundlage für die Nahrungsmittel- und Futterproduktion, er diene zur Erzeugung erneuerbarer Energie und dem Tier- und Artenschutz. Er sorge für die Neubildung von Trinkwasser und sei ein riesiger Speicher, der 50 Prozent des gesamten Kohlenstoffs auf der Erde binde. Es gehe deshalb darum, den Boden zu schützen, statt ihn "gedankenlos zu verbrauchen". Deutschland habe beste Voraussetzungen für eine nachhaltige Agrarproduktion. Lißmann: "Stattdessen kaufen wir mit unseren Lebens- und Essgewohnheiten die Felder woanders leer." Seine Forderungen daher: absoluter Schutz der Agrarflächen; nachhaltige Intensivierung der Produktion; Verringerung der Nahrungsmittelverluste; Ersatz tierischer durch pflanzliche Kalorien und (im Bedarfsfall) Einschränkung des Anbaus von Bioenergiepflanzen zugunsten des Anbaus von Nahrungsmittelpflanzen.

Mit der Politik ging Lißmann hart ins Gericht. Sie versage bislang völlig. "Flächenschutz kann nur gesetzlich geregelt werden. Hier muss es belastbare Vorgaben und Regelungen geben. Statt in Hessen immer noch jeden Tag 3 Hektar zu verbrauchen, ist ein Netto-Nullverbrauch anzustreben." Die Regionalpläne seien nichts wert, solange sich die auf regionaler Ebene Verantwortlichen gegenseitig den jeweiligen Flächenverbrauch vor Ort genehmigten. "Mit Bürgermeistern, Landräten und Ministern kann man keine Ackerflächen schützen." Der Druck müsse von unten kommen.

Die BI sieht sich durch den Vortrag in ihrem Eintreten gegen Flächenverbrauch und für den Schutz des Bodens bestätigt. Das geplante Rewe-Logistikzentrum an der A 45 in Berstadt sei "der eindrucksvolle Beleg dafür, dass selbst bester Boden noch immer nichts wert ist und achtlos verbraucht zu werden droht". Für die Wölfersheimer Nachbargemeinde Echzell unterstrich Bürgermeister Wilfried Mogk die Entschlossenheit, gegen das Projekt vorzugehen.

Aktuell läuft eine Online-Petition, die sich direkt an Rewe wendet und das Unternehmen auffordert, seine Pläne in Berstadt aufzugeben. Eine Beteiligung ist auch per Unterschrift möglich. Listen liegen u. a. in Wölfersheimer Geschäften aus.

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