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Ein Bild aus vermutlich noch unbeschwerten Tagen: Hannchen und Isidor Simon vor ihrem Geschäft in der Bäckergasse 9. Ihre Nachfahren leben heute unter anderem in Südafrika. In Echzell war die jüdische Familie unter den Nazis nicht mehr erwünscht.

Historischer Rundgang

Deportiert, ermordert, emigiert - eine jüdische Familiengeschichte aus Echzell

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Hannchen Simons Grab ist das jüngste auf dem jüdischen Friedhof in Echzell. Sie wurde nur 59 Jahre alt. Noch heute sind im Ort Spuren von ihr, ihrer Familie und dem jüdischen Leben zu erkennen.

Hannchen Simon starb mit 59 Jahren. Der Todestag datiert auf den 17. Dezember 1938, kurz nach ihrem Geburtstag. Nach ihr wurde niemand mehr auf dem jüdischen Friedhof am Waldrand von Echzell bestattet, nahe vom römischen Limes.

Hannchens Geschichte ist Bestandteil des Rundgangs "Auf den Spuren jüdischen Lebens". 25 Zuhörer sind am Sonntagnachmittag der Einladung von Arbeitskreis jüdisches Leben (Echzell) und erstmals der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Bad Nauheim) gefolgt. Denn wie deren Vorsitzende Britta Weber erzählt, will die Gesellschaft künftig verstärkt mit anderen Initiativen aus der Wetterau Veranstaltungen auf die Beine stellen. Dr. Jochen Degkwitz, Vorsitzender des Echzeller Heimat- und Geschichtsvereins, führt durch den Ort.

Schicksale hinter den Zahlen

"Wann die ersten Juden hierhergekommen sind, wissen wir nicht", erläutert er. Der Ortsteil Bisses sei aber seit 1390 ein Lehen adeliger Herren gewesen, die jüdische Bürger als sogenannte Schutzjuden ansiedelten. Um 1924 gab es 66 erwachsene jüdische Bürger in Echzell, 20 in Bisses, fünf in Gettenau, keine in Bingenheim. Hinter den Zahlen verbergen sich tragische Geschichten.

Degkwitz beginnt bei der evangelischen Kirche in der Lindenstraße, wo seit Anfang 2015 das Mahnmal für die Echzeller Opfer des Holocaust steht. Geschaffen hat es der inzwischene verstorbene Künstler Alf Seckel. Bewusst liege es neben dem Kriegerdenkmal, sagt Degkwitz, um nicht auszugrenzen. 59 Namen stehen darauf, aber dies sind nicht alle Opfer.

Ein Beispiel ist Levi Löwenstein, dessen Schicksal ungeklärt ist. Es gab zwei Männer dieses Namens, beide waren im selben Jahr geboren, beide sind verschollen. Das Gedenkbuch an die Opfer der Shoa beim Bundesarchiv nennt allerdings nur einen Levi Löwenstein aus Echzell, möglicherweise hielt man die beiden für ein und dieselbe Person.

Drei Arten jüdischer Anwesen gibt es laut Degkwitz: Zum einen sind dies Häuser, die sich nicht von anderen unterscheiden. Zum anderen sind es Bauten, die deutlich am Ortsrand liegen. Einen dritten Typ erkennt der Betrachter am niedrigen Hoftor. Denn da Juden keine Landwirtschaft ausüben durften, war eine hohe Durchfahrt für Erntewagen wohl unnötig.

Eltern, Kinder, Opa: Alle tot

Zu diesem Haustyp gehörte die Bleibe von Hannchen Simon und ihrer Familie in der Bäckergasse 9. Ihr Mann Isidor betrieb dort ein Geschäft, er war gebürtiger Echzeller. Vier Kinder hatte das Ehepaar: Irma, die schon 1924 starb. Lilly, die 1942 von Darmstadt nach Treblinka deportiert wurde und dort verschollen ist. Sallo, der 1937 nach Heilbronn zog und später nach Schweden emigrierte. Und Manfred, der nach Südafrika auswanderte, wo einige seiner Nachfahren leben.

Ein altes Foto zeigt Hannchen und Isidor vor ihrem Geschäft, an dem Reklametafeln hängen. Nicht weit entfernt liegt in der Bahnhofstraße 17 das ehemalige Haus einer Familie gleichen Namens: Julius Simon betrieb dort eine Metzgerei. Er, seine Frau Milli, die Kinder Gustav, Margot und Erich sowie Millis Vater Adolf wurden ermordet.

Nur vier jüdische Echzeller kamen nach dem Krieg aus den Nazi-Lagern zurück, Hannchen Simon erlebte dies nicht mehr. Was das feindselige Umfeld mit ihr und ihrem Mann machte, lässt sich nur erahnen. Isidor war am 7. Dezember 1935 in Echzell mit 65 Jahren gestorben. Laut Wikipedia hatten die Nazis unter der Leitung eines Komitees von Julius Streicher 1935 einen erneuten Boykott jüdischer Geschäfte organisiert, dies auch während der Weihnachtszeit. Hannchen verkaufte ihr Haus und zog in das Jüdische Gemeindehaus in der Hauptstraße 226. Drei Jahre später folgte sie ihrem Mann, nur kurz nach der Reichspogromnacht.

Broschüre zum Download

Der Arbeitskreis "Jüdisches Leben in Echzell" hält zahlreiche Infos auf seiner Homepage www.juedisches-echzell.de bereit. Interessenten können dort die Broschüre "Jüdische Anwesen in Echzell" als pdf-Datei herunterladen. Auskünfte über die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit sind auf der Webseite www.gcjz-wetterau.de erhältlich.

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