Gemeinsam malen, kochen oder spielen: Die Bewohner der Lebensgemeinschaft Bingenheim müssen sich derzeit innerhalb ihrer Wohngruppen beschäftigen. Schule und Werkstätten sind geschlossen.
+
Gemeinsam malen, kochen oder spielen: Die Bewohner der Lebensgemeinschaft Bingenheim müssen sich derzeit innerhalb ihrer Wohngruppen beschäftigen. Schule und Werkstätten sind geschlossen.

Corona-Krise

Corona-Krise stellt Lebensgemeinschaft Bingenheim vor Herausforderungen

  • Anna-Luisa Hortien
    vonAnna-Luisa Hortien
    schließen

Die Corona-Krise bedeutet Veränderungen in vielen Lebensbereichen. Auch bei der Lebensgemeinschaft Bingenheim. Dass Werkstätten geschlossen sind und zurzeit kein Besuch kommen darf, stellt Mitarbeiter und Bewohner vor Herausforderungen.

Lange Spaziergänge statt Töpfern in der Werkstatt. In der Wohngruppe Spiele spielen, statt draußen mit den anderen Jugendlichen zu kicken. Für die Bewohner der Lebensgemeinschaft Bingenheim hat sich durch das Coronavirus einiges verändert. »Das ist für uns alle eine sehr belastende Situation«, sagt Martin Storch, Leiter des Wohnens für Erwachsene. Neue Regeln gelten von heute auf morgen. Das sei zum Beispiel für Menschen mit Autismus sehr schwierig. »Für sie müssen Veränderungen in der Regel lange vorbereitet und in kleinen Schritten umgesetzt werden.«

Die Lebensgemeinschaft betreut in ihren Einrichtungen rund 120 Menschen mit etwa 300 Mitarbeitern. Die Betreuung läuft regulär weiter. Die Waldorf-Förderschule und die Werkstätten sind allerdings schon seit ein paar Wochen geschlossen. »Um uns als Einrichtung abzuschotten und Bewohner zu schützen, haben wir frühzeitig an die Eltern und Angehörigen appelliert, auf Besuche zu verzichten, oder ihre Kinder abzuholen und zu Hause selbst zu betreuen«, sagt Storch. Auch die Mitarbeiter würden versuchen, Abstand zu halten. »Das ist für unsere Bewohnerinnen und Bewohner eine starke Zäsur.«

Die Mitarbeiter geben sich viel Mühe, ihnen die Situation verständlich zu machen, möglichst in leichter Sprache. »Das ist bei solch komplexen Situationen dringend notwendig«, betont Storch. »Unsere Bewohner haben eine sehr viel feinere Wahrnehmung für Veränderungen, Stimmungen oder Gefühle.« Sie würden merken, dass etwas anders ist, und hätten durchaus Sorgen und Ängste. Besonders diejenigen, die in einer eigenen Wohnung leben und von der Lebensgemeinschaft unterstützt werden. »Sie fragen, was sie dürfen und was nicht. Sie wollen alles richtig machen.«

Lebensgemeinschaft Bingenheim: Zeit sinnvoll nutzen

Nicht nur Autisten falle es schwer, die gewohnten Tagesabläufe zu verändern. »Es ist schwierig, die Bewohner auf die Veränderungen einzustimmen, weil es mit einem ›das ist nun mal so vorgeschrieben‹ nicht getan ist.« Der Schlüssel sei Geduld und Kommunikation auf Augenhöhe. »Es ist ein Balanceakt, unsere Bewohner gut zu informieren, gleichzeitig Ängste zuzulassen, aber auch nehmen zu können.«

Eine geistige Beeinträchtigung bedeute nicht sofort ein erhöhtes Risiko, am Coronavirus zu erkranken. Jedoch würden Begleiterkrankungen, wie chronische Atemwegserkrankungen oder Herzfehler, oft damit einhergehen. Rund ein Viertel der Bewohner sei besonders gefährdet.

Aktuell versuchten die Mitarbeiter, den Tag sinnvoll zu gestalten. »Grundsätzlich unterscheidet sich der Tagesablauf der Bewohner nicht von anderen Menschen, die sich derzeit zu Hause beschäftigen müssen«, sagt Storch. Mitarbeiter und Bewohner kochen zusammen, spielen oder machen einen Kinoabend in den Wohngruppen. »Der Zusammenhalt und das Verständnis der Bewohner und Mitarbeiter ist für uns keine Selbstverständlichkeit, wir sind sehr dankbar für ihren besonderen Einsatz.«

Lebensgemeinschaft Bingenheim: Spaziergänge mit Wohngruppen erlaubt

Bei schönem Wetter beschäftige man sich im Garten oder mache ausgedehnte Spaziergänge. »Da eine Wohngruppe als Wohngemeinschaft zählt, ist das auch bei mehr als zwei Personen erlaubt«, sagt Storch. »Wir sind froh, dass wir so ein großes Gelände zur Verfügung haben und auch viel Natur um uns herum.«

Den Bewohnern fehlten neben dem Kontakt zu Angehörigen aber auch die sozialen Kontakte zu anderen Wohngruppen. »Bisher haben sie sich selbstverständlich beim Schaukeln getroffen oder Fußball gespielt. Das geht jetzt nur noch innerhalb einer Wohngruppe.«

Man versuche, den Alltagsstress insgesamt zu reduzieren, denn »viele Bewohner fordern aktuell mehr Begleitung ein und sind mit der arbeitsfreien Zeit unzufrieden oder launisch«, sagt Storch. Sicher gebe es einige, die die Situation verstehen könnten, andere seien traurig oder auch wütend. »Wir werden aber weiterhin alles geben, um sie durch diese schwierige Zeit zu begleiten. Mit viel Geduld, Verständnis und Zuversicht.«

Lebensgemeinschaft Bingenheim: Jungpflanzenverkauf findet statt

Der traditionelle Jungpflanzenverkauf der Lebensgemeinschaft Bingenheim kann trotz aktueller Einschränkungen stattfinden. Die Lebensgemeinschaft wird eine Art »Straßenverkauf« am Gelände der Gärtnerei organisieren, unter Berücksichtigung der Abstands- und Hygieneregeln. Der Verkauf findet von Montag, 27. April, bis einschließlich Freitag, 1. Mai, jeweils von 10 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr und am Samstag, 2. Mai, in der Zeit von 10 bis 15 Uhr statt. Interessierte folgen den Hinweisschildern »Demeter Jungpflanzen«. Der Jungpflanzenverkauf der Lebensgemeinschaft war in der Vergangenheit immer mit einem Tag der offenen Tür verbunden, der in der aktuellen Situation allerdings nicht stattfinden kann. Auch der Frühlingsmarkt fällt aus. Ab Montag, 2. Mai, verkauft die Lebensgemeinschaft ihre Jungpflanzen im Hofladen in Bingenheim.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare