Heidi Noske hat eine Krankenstation im Internat Lucius eingerichtet. Wer hustet oder sich krank fühlt, kommt erst einmal hierher.
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Heidi Noske hat eine Krankenstation im Internat Lucius eingerichtet. Wer hustet oder sich krank fühlt, kommt erst einmal hierher.

Digitalunterricht

Beispiel Echzeller Internat: Wie Schule digital gelingen kann

  • Dagmar Bertram
    vonDagmar Bertram
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Digitalunterricht - das klappt an vielen Schulen nicht mal ansatzweise. Anders am Echzeller Internat Lucius: Dort kommt schon seit einem Jahr eine Online-Plattform im Unterricht zum Einsatz.

Unterricht nach regulärem Stundenplan - das gab’s an vielen Wetterauer Schulen nur in den letzten Wochen vor den Sommerferien. Zuvor mussten Arbeitsblätter zu Hause ausgedruckt und Lern-Apps auf Eltern-Handys heruntergeladen werden. Wer Glück hatte, sah den Lehrer mal bei einer Videokonferenz. Corona hat gezeigt: In Sachen moderner Technik ist an den Schulen noch viel Luft nach oben.

"Wir hatten Glück, dass wir schon seit Beginn des letzten Schuljahrs mit ›Teams‹ gearbeitet haben", sagt Laura Lucius; sie leitet das Internat Lucius in Echzell. Über die Plattform von Microsoft können etwa Arbeitsblätter verteilt, digital bearbeitet, zurückgeschickt und korrigiert werden. Auch Direktnachrichten und Videokonferenzen sind möglich.

Das IT-Team der Privatschule hatte zuvor ein Medienkonzept erarbeitet, um über den "Digitalpakt" des Bundes gefördert zu werden. Alle Schüler ab Klasse 9 bekamen eine "Teams"-Lizenz und eine Schulung, dann ging die Arbeit an den Tablets los. "Darauf konnten wir zurückgreifen, als der Lockdown kam", sagt Lucius.

Umfrage unter Schülern, Lehrern, Eltern

Ab dem 16. März durfte auch am Internat nicht mehr unterrichtet werden. "Wir sind ein staatlich anerkanntes Gymnasium, die Schließung galt also auch für uns." Es wäre zwar möglich gewesen, das Internatsleben aufrechtzuerhalten. "Aber zum einen sind wir ein Wocheninternat, unsere Schüler fahren freitags nach Hause, und zum anderen wohnen die Lehrer nicht vor Ort", erklärt Lucius, warum die Schüler nach Hause geschickt wurden.

Die drei Wochen bis zu den Osterferien lief der Unterricht ab Klasse 9 über "Teams", die jüngeren Schüler bekamen Aufgaben per E-Mail. Eine Umfrage ergab, dass Schüler, Lehrer und Eltern sich mehr Struktur wünschten, mehr persönliche Kontakte und mehr verbindliche Absprachen.

Also wurde nach den Osterferien auch der Unterricht in den Jahrgängen fünf bis sieben auf "Teams" umgestellt, es gab mehr Videokonferenzen und -gespräche sowie Unterricht bzw. Arbeiten nach Stundenplan. "An einer Privatschule geben die Eltern schnell Rückmeldung, wenn etwas nicht passt", sagt Geschäftsführerin Vera Kissner.

Keine Besuche mehr von Eltern

Nach und nach kehrten die Schüler zurück ans Internat, mit voller Stundenzahl: erst die Oberstufe, dann die Klassen fünf bis sieben. Die achten bis zehnten mussten abwechselnd kommen, um die Abstände einhalten zu können. "Wenn das Wetter gut war, haben wir draußen unterrichtet."

An einem Internat gibt es aber noch mehr zu beachten, angefangen von der Zimmerbelegung über versetzte Essenszeiten bis zum Verwenden eigener Trinkbecher. Besuche der Eltern sind nicht mehr erlaubt. Ebenso wie Abstecher in den Ort, um einzukaufen.

"Wir sind für 170 Schüler und 80 Angestellte verantwortlich", erklärt Lucius, warum jeder Schüler bei der sonntäglichen Ankunft eine Selbstauskunft ausfüllen muss. Für den Fall der Fälle ist eine Krankenstation eingerichtet worden. Heidi Noske arbeitet ohnehin am Internat und ist als ausgebildete Krankenschwester die erste Ansprechpartnerin, wenn jemand hustet oder sich krank fühlt.

Entgegenkommen beim Schulgeld

Und noch etwas ist anders als an öffentlichen Schulen: Keine Lehrerin, kein Erzieher habe sich bislang als Risikopatienten krankschreiben lassen. "Alle sind sehr solidarisch", sagt Kissner und: Sie sei froh, dass die Erzieher und Raumpflegerinnen nun nicht mehr in Kurzarbeit seien. "Aber auch das hat uns gerettet."

Unterstützung gab’s ebenso von den Eltern. Das Schulgeld lief weiter, "doch wir haben angeboten, den Betrag zu reduzieren oder zu stunden". Zu jeder Arbeit im Bildungssektor gehöre eine soziale Komponente, betont die Schulleiterin. Deshalb finanzierten sie ohnehin pro Jahrgang zwei bis drei Plätze über Stipendien - ohne dass die Mitschüler wissen, für wen. Coronabedingt hätten sie die Förderung erhöht. Die meisten Eltern aber hätten keinen Gebrauch davon gemacht.

Einen Schüler gebe es allerdings, den sie ganz sicher wegen der Pandemie verloren hätten, erzählt Kissner. "Nachdem er längere Zeit zu Hause war, haben alle gesagt: Es ist so schön zusammen, Du bleibst hier."

Breitbandausbau selbst bezahlen

Für den Fall eines zweiten Lockdown sollte Homeschooling zur Sicherheit auch vom Internat aus möglich sein. Dafür aber, erzählt Schulleiterin Laura Lucius, reicht die Internetverbindung nicht aus. "Würden zwei Klassen zeitgleich digitalen Unterricht haben, würde alles zusammenbrechen." Die Geschäftsführerinnen haben die beiden Schulstandorte - die Burg und das Forsthaus - mit moderner Technik ausgestattet. Doch bis ins Haus kommt das schnelle Internet nicht: Das Signal lässt auf den letzten Hunderten Meter nach. Der Breitbandausbau sollte durch den Kreis gefördert werden. "Weil wir eine Privatschule sind, kämen wir aber erst in drei bis vier Jahren dran", sagt Lucius. Jetzt hat sie selbst einen Vertrag mit der Telekom geschlossen - für einen hohen fünfstelligen Betrag.

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