Im Bergbau

Als der Bagger in die Wetterau kam

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1957 bekam Herbert Slatosch eine Stelle im Bergbau. Dann kam der Bagger. Der Echzeller war von Anfang an dabei. Es war ein toller Beruf, sagt er. Und einer, der ihn zu seiner Frau führen sollte.

Wie es früher war? "Ach." Herbert Slatosch winkt ab. "Das ist schon so lange her, ich weiß das alles nicht mehr so genau." Doch dann nimmt er die Fotos. Die, die zeigen, wie sie als junge Kerle in der Grube gesessen haben, jeder eine Bierflasche vor sich. Und die vom Bagger. Herbert Slatoschs Frau Waltraud lacht: "Seinen Bagger, den hat er geliebt." Deswegen sei sie früher auch oft mit Kuchen und Kaffeekanne von Echzell rüber nach Weckesheim gefahren – an Ostern zum Beispiel, wenn ihr Mann mal wieder eine Feiertagsschicht übernommen hatte. Denn, erzählt der 88-Jährige: "Der Bagger durfte nie unbeaufsichtigt sein."

Das Gefährt, das im Tagebau zum Einsatz kam, war ein Riese: rund 500 Tonnen schwer, erinnert sich Slatosch. Er hat noch ein Bild, wie er davor steht. "Da sieht man gut, wie groß der Bagger war. Wenn ich in der Raupe gestanden und die Arme ausgestreckt habe, kam ich nicht mal ans Ende." Und ganz oben auf dem Bagger, erzählt Slatosch, haben Falken genistet.

Ab 1962 wurde die Wetterauer Braunkohle im Tagebauverfahren gewonnen. Die Ausbeute unter Tage sei immer geringer geworden. Deswegen sei der Bagger angeschafft worden – "aus Lübeck". Und an dem Tag, als er kam und aufgebaut wurde, war Herbert Slatosch dabei – und blieb es auch.

Davor, erzählt er, war er als Bergbauer in der Grube beschäftigt. Als schlesischer Flüchtling war er in die Wetterau gekommen. "1957 habe ich bei der PREAG angefangen, genauso wie mein Bruder. Ich war für neun Jahre unter Tage." Aus dieser Zeit stammt die Narbe an seinem rechten Arm. "Wir haben damals eine Wand gesprengt und einen Querbalken gelegt." Er ging in das dadurch entstandene Loch. "Ich habe die Seiten locker gehackt, auf einmal ist die ganze Wand zusammengebrochen." Herbert Slatosch war für eine Weile verschüttet – im Dunkeln, weil: "Die Lichter sind auf einen Schlag ausgegangen." Die von der Grubenlampe, die sie damals benutzt haben; beim Erzählen deutet er an die Wand. Dort hängt noch eine alte. Eine Erinnerung an damals.

Verliebt in Kur

Später, als er anfing, im Tagebau und mit dem Bagger zu arbeiten, hat er die Grubenlampe nicht mehr gebraucht. Die meiste Zeit saß Herbert Slatosch im Führerhaus und bediente das riesige Gefährt – "an einem ganzen Pult mit Instrumenten", die dafür sorgten, dass Kohle abtransportiert wird, tagein, tagaus.

Einmal, erzählt Herbert Slatoschs Frau, musste er den Bagger über die Bundesstraße fahren, damit auf der anderen Seite weiter gearbeitet werden konnte. "Weil er so ein guter Fahrer war."

Waltraud Slatosch kennt die Geschichten von früher fast genauso gut wie ihr Mann. Weil die Eheleute die meiste Zeit davon zusammengelebt haben. Und weil sie es auch seiner Arbeit zu verdanken haben, dass sie sich getroffen und kennengelernt haben. In Erbach im Odenwald war das, 1974. Als Angestellter der Preußen Elektra hatte Herbert Slatosch die Möglichkeit, in Kur dorthin zu fahren. Hier lebte damals seine Zukünftige – und arbeitete in der Verwaltung als Zuständige für die Kurgäste. "Irgendwann stand er da", erzählt sie. Ein Jahr später heirateten die zwei, Waltraud Slatosch zog nach Echzell.

Erinnerungsstück auf Friedberger Kreisel

Dort lebt das Ehepaar noch immer. Bis zum Ruhestand arbeitete Herbert Slatosch für die PREAG. Heute gibt es keinen Bergbau mehr in der Region ("Der Bagger ist nach Russland verkauft worden."). Eine Erinnerung an die alte Zeit steht allerdings noch an prominenter Stelle: Auf dem Kreisel, "wenn man von Friedberg die Hohe Straße hier herüber kommt" – dort thront ein Eimer, der einst am Bagger hing und mit dem Tag für Tag Kohle geschaufelt wurde. Manchmal morgens, manchmal abends. Es war nicht immer einfach mit der Schichtarbeit, sagt Herbert Slatosch. Aber: "Es war immer schön auf dem Bagger."

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