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Ausflug ins Bingenheimer Ried: Ein neuer Zaun entsteht

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Von: Sophie Röder

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Ein Blick direkt vor dem Kiebitzschutzzaun auf das Ried. © Sophie Mahr

Im Herbst haben die Bauarbeiten begonnen. Inzwischen ist das Naturschutzgebiet fast vollständig eingezäunt. Für die Vögel soll dieser Zaun Schutz bieten, doch wie verändert er das Bingenheimer Ried?

Echzell/Reichelsheim - Der Blick schweift über eine weite Fläche. Nur einzelne Bäume begrenzen die Sicht. Der Weg führt in das Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried. Dort wird seit einigen Wochen ein Zaun gebaut. Dieser soll die Bodenbrüter des Gebietes vor Fressfeinden schützen und einen Populationszuwachs ermöglichen. Doch wie verändert der Zaun die Landschaft?

Bisher ist noch kein Zaun zu sehen. An einer Kreuzung führt eine Brücke über die plätschernde Horloff. Anschließend folgt ein kleiner Bahnübergang. Beim Betreten des Übergangs kann einem mulmig werden, schließlich fahren die Züge hier noch regelmäßig - der letzte erst vor wenigen Minuten. Dahinter beginnt das Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried - so steht es auf einem Schild. Doch statt auf eine weite Fläche fällt der Blick auf den Zaun. Der Zaun ist rund 1,60 Meter hoch und besteht aus großen Maschen.

Davor befindet sich ein Beobachtungsturm. Dieser ist aus dunklem Holz und wirkt verschlossen. Metallstufen führen zur Eingangstür des Turms hinauf - sie geht auf. Der Blick fällt aus dem panoramaartigen Fenster ohne Glas und reicht weit über das Ried und die Wasserflächen. Die Aussicht nach vorne wird durch nichts begrenzt.

An den Ränder des Rieds erhebt sich der Zaun. Das erinnert ein bisschen an einen Zoo. Doch im Gegensatz dazu ist die Fläche riesig, und die Vögel können den eingezäunten Bereich jederzeit verlassen. Andere Tiere wie Füchse und Waschbären, aber auch Rehe kommen nicht mehr hinein, sobald die Tore des Zauns geschlossen werden.

Wetteraukreis: Kiebitzschutzzaun im Bingenheimer Ried fast fertiggestellt

Beim Rückweg aus dem Turm fällt auf, dass die Metalltreppe der einzige Zugang zum Beobachtungspunkt ist. Ein barrierefreier Umbau des Turms sei praktisch kaum möglich, sagt Walter Schmidt vom Forstamt Nidda. »Da der Turm auf einem Hügel liegt, müssten geschätzt vier Höhenmeter überwunden werden. Dies würde eine rund 80 Meter lange Rampe erfordern, dafür gibt es keinen Platz.«

Zwischen Heuchelheim und Gettenau gebe es extra eine barrierefreie Beobachtungshütte. Zusätzliche Beobachtungsmöglichkeit seien derzeit nicht geplant. »Man kann genauso gut wie früher ins Ried schauen«, sagt Schmidt. »Der Zaun ist nicht blickdicht. Wer kleiner ist, kann problemlos durch das im oberen Bereich sehr großzügige Zaungeflecht schauen. An den anderen Kiebitzschutzzäunen hat sich bisher niemand gestört.« Auf Dauer gebe es durch die Zäune deutlich mehr zu sehen.

Auch vorher habe im Gebiet ein Zaun gestanden - wenn auch nicht so hoch. »Der alte Zaun musste erneuert werden«, sagt Udo Seum, Gebietsbetreuer des NABU und der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz Wetterau für das Ried.

Da der Kiebitzschutzzaun im Mähried bei Staden ein Erfolg gewesen sei, habe man beschlossen, das Bingenheimer Ried mit einem solchen auszustatten. Er wird seit dem Herbst gebaut (diese Zeitung berichtete). »Wir können den Zaun vor Beginn der Brutzeit in Betrieb nehmen«, sagt Schmidt.

»Da haben die Tiere wenigstens eine Chance« - Spaziergänger über den neuen Zaun im Bingenheimer Ried

Vom Turm aus kann der Weg in zwei Richtungen fortgesetzt werden: Nach rechts in Richtung Gettenau und links in Richtung Reichelsheim. Richtung Reichelsheim soll es eine dritte Beobachtungsplattform geben. Zwischen den Beobachtungspunkten ist der Zaun vollständig ausgebaut.

Weil der Boden unterschiedlich hoch ist, ist an manchen Stellen auch eine Körpergröße von knapp 1,80 zu klein, um über den Zaun zu gucken. An den Stellen, wo der Zaun über den eigenen Kopf ragt, ist das Ried dahinter durch die einzelnen Maschen zu sehen. Für ein Foto passen Objektiv oder Handy gut hindurch.

Doch dabei sollte man vorsichtig sein: Teile des Zauns stehen unter Strom. »Wir haben drei Litzen mit Strom angebracht«, sagt Schmidt. Eine befinde sich in Kniehöhe, damit Wildschweine den Zaun nicht kaputtmachen könnten, eine ganz oben, damit Waschbären den Zaun nicht überklettern, und eine dritte sei innen, damit sich die Kühe nicht am Zaun »schubbern«.

Joggern und Spaziergängern ist der Zaun auch aufgefallen: »Ich finde den Zaun nicht störend«, sagt Jogger Jan Frieß. »Vorher durfte man die Fläche auch nicht betreten. Wenn es für die Tiere gut ist und mehr Vögel brüten, ist das doch super.« Manch einer finde die Landschaft vielleicht nicht mehr ganz so schön, aber das sei Meckern auf hohem Niveau, meint Frieß.

Auch Spaziergänger Stefan Jäger ist begeistert: »Ich finde das prima. Da haben die Tiere wenigstens eine Chance. Der Fuchs ist ein natürlicher Feind, aber der Waschbär ein Problem.«

Wetteraukreis: Umbau eines Aussichtspunktes im Bingenheimer Ried

Ein bisschen komisch fühlt es sich aber an, links die Zugschienen und rechts ein Zaun, der unter Strom steht, das ist vermutlich Gewöhnungssache. Das Schnattern der Vögel klingt beruhigend. Bald ist der nächste Aussichtspunkt erreicht.

Doch dieser ist im Umbau. Schmidt erklärt: »Der Stand an der Weidehütte muss umgestaltet werden. Da die Holzwand direkt mit der Hütte verbunden war, hätten Waschbären hier in die Umzäunung klettern können.« Um dies zu verhindern, sei die Wand abgebaut worden. Der Sichtschutz und die Sitzgelegenheiten sollen erneuert werden.

Wer bei einem Ausflug mehr über die verschiedenen Vögel erfahren möchten, kann auf dem Rundweg und bei den Beobachtungspunkten angebrachte Infotafeln lesen. Weitere Anpassungen für Besucher des Rieds seien zurzeit nicht geplant. Während die Spaziergänger bei Einbruch der Dämmerung nach Hause gehen, fliegen viele Vögel in Richtung Zaun und lassen sich dahinter nieder.

Reichelsheim (smf). Die Veränderungen im Bingenheimer Ried haben auch Einfluss auf die Rehe im Gebiet. »Bei Beginn des Baus hatten 30 Rehe ihren Tageseinstand im Bingenheimer Ried und verließen das Gebiet nur nachts, um zu fressen«, schildert Hanns-Jürgen Roland auf seiner Internetseite seine Beobachtungen. Seitdem der Zaun gebaut sei, hätten es die Rehe schwer. Nicht alle hätten die noch bestehenden Ein- und Ausgänge gefunden. »Jetzt suchen sie eine neue Bleibe in der ausgeräumten Landschaft«, schreibt Roland weiter.

Sobald der Zaun geschlossen ist, soll er das auch bleiben, damit keine Prädatoren - wie Füchse oder Waschbären - wieder in die Fläche hineingelangen, sagt Walter Schmidt vom Forstamt Nidda. »Auch das Rehwild soll draußen bleiben.« Im Ried gebe es nicht genügend energiereiche Nahrung für die Rehe, weshalb sie das Gebiet nachts verlassen hätten. Es sei nicht ungewöhnlich, dass Rehe außerhalb der Fläche auf den Feldern stünden. In den Feldern der Wetterau sehe man derzeit viele Rehgruppen stehen, sagt Schmidt. »Die vermehrten Rehunfälle haben nichts mit dem Bingenheimer Ried zu tun«, sagt Schmidt.

Reichelsheim (smf). Spaziergängern ist aufgefallen, dass während des Zaunbaus im Bingenheimer Ried auch zwei große Weiden zu Kopfweiden zurückgeschnitten worden sind. »Unser Landschaftspflegeplan berührt keine Maßnahmen im Bingenheimer Ried«, sagt die Reichelsheimer Bürgermeisterin Lena Herget-Umsonst. »Wir sind da völlig außen vor.«

Walter Schmidt vom Forstamt Nidda erklärt die Baumarbeiten: »Ich kann den Unmut sehr gut verstehen, dass so eine stattliche Weide zu einer Kopfweide zurückgeschnitten wurde. Mir selbst grummelt bei solchen Auftragsvergaben der Bauch.« Es sei eine gemeinsame Entscheidung der zuständigen ehrenamtlichen Naturschützer von HGON und NABU, der unteren Naturschutzbehörde, Landwirtschaftsamt, Vogelschutzwarte und Schmitt gewesen, um die Brutbedingungen bestmöglich zu optimieren. »Direkt neben den Weiden sind wertvollste Brutareale für Wiesenbrüter, wie zum Beispiel dem Kiebitz, die in Hessen alle kurz vor dem Aussterben stehen, und diese Vögel vertragen es gar nicht, wenn in ihrer Nähe höhere Bäume stehen, auf denen sich Greifvögel und Krähen niederlassen, sie verzichten dann auf diese Brutstandorte.«

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smff_Zaun3_150222_4c_2 © Sophie Mahr
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Aus dem Beobachtungsturm nahe Bingenheim reicht der Blick weit über das Ried. Doch auch hier sieht man den neuen Zaun. © Sophie Mahr
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Nahe der Sampo-Halle in Bingenheim steht eine Informationstafel zum Rundweg im Ried. © Sophie Mahr

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