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Das neue, beinahe ausgetrocknete Gewässer im Bingenheimer Ried dient seltenen Amphibienarten langfristig als Laichhabitat. Inga Hundertmark und Walter Schmidt freuen sich über die erfolgreiche Reproduktion der Wechselkröte im neuen Teich.

Amphibienschutz im Bingenheimer Ried

Angelegte Teiche sollen austrocknen, um als Laichhabitat zu dienen

  • VonLarissa Wolf
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Im Bingenheimer Ried werden flache Gewässer für Amphibien angelegt, die mit der Zeit austrocknen sollen. So entstehen Laichhabitate für die Tiere, damit deren Population nicht weiter abnimmt.

Fast ausgetrocknet ist er, der Teich gegenüber der Beobachtungshütte im Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried bei Echzell-Gettenau. Der unwissende Besucher könnte denken, dass das für Tiere und Artenvielfalt von Nachteil wäre - aber dass das Gewässer austrocknet, ist gewollt.

Im vergangenen Winter hat das Forstamt Nidda die circa 1,20 Meter tiefe Grube aus einem bestimmten Grund angelegt: Sie soll dafür sorgen, dass die zehn seltenen Amphibienarten erhalten bleiben, die im Bingenheimer Ried zu Hause sind.

Inga Hundertmark, Referentin für Faunistik und Artenschutz bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), erklärt: »Die Amphibien brauchen etwas Hilfe durch den Menschen, weil die ursprünglichen Lebensräume mancher Arten nur noch selten gegeben sind. Diese lebten früher in Flussauen, in denen ständig neue Temporärgewässer entstanden und wieder verschwanden. Heutzutage weichen diese Arten auf sogenannte Sekundärlebensräume wie Steinbrüche aus.« Da einige Amphibienarten wie die Wechselkröte für eine erfolgreiche Reproduktion ein flaches, vegetationsfreies Gewässer brauchen, das frei von möglichen Fressfeinden ist, legt das Forstamt Nidda in Zusammenarbeit mit der HGON alle zwei bis drei Jahre ein neues an.

Anlegen von Amphibiengewässern: Zeitpunkt und Tiefe müssen genau stimmen

Nach der Reproduktionszeit soll das Gewässer dann austrocknen - so haben Fressfeinde wie Fische keine Chance. Damit das klappt, müsse die Gewässertiefe genau abgepasst werden - sonst trockne es zu früh oder gar nicht aus, bilde Vegetation und beherberge andere Arten, die für die Amphibien eine Konkurrenz darstellen. »Viele Leute denken, in einen Teich gehören Fische. Wir haben hier ein Problem mit dem invasiven Blaubandbärbling, der dem Laich der Amphibien nachstellt und um Nahrung konkurriert. Wir versuchen deshalb, die Gewässer von Fischen frei zu halten«, sagt Hundertmark.

Die Biologin nutzt Reusen - große, schlauchartige Lebendfallen - und Amphibienzäune zur Datenerhebung. »Hier in Gettenau ist die Wechselkröte auch in den Gärten der Menschen zu Hause. Wir wissen also trotz Amphibienzaun an der K 180 nicht ganz genau, wie viele wir haben. Was wir wissen, ist, dass die Wechselkröte das neue Gewässer sehr gut angenommen hat und die Reproduktion erfolgreich war«, sagt Hundertmark. Während der Laichzeit habe man die männlichen Kröten von der Beobachtungshütte aus rufen hören. Auf das »Verhören«, wie sich diese Technik zum Zählen der Tiere nennt, kann sich Hundertmark aber nicht bei allen Amphibienarten verlassen. »Die Größe der hiesigen Population der Knoblauchkröte war lange nicht bekannt. Diese Art verbringt den Tag und den gesamten Winter im Acker unter der Erde. Zur Laichzeit rufen die Männchen zwar auch, aber nur sehr leise und unter Wasser. Selbst mit viel Training ist das schwer zu hören«, sagt Hundertmark. So könne man die Tiere leicht übersehen. Die Krötenzäune seien daher sehr wichtig - auch, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob die Maßnahmen des Naturschutzes funktionieren.

Population schwierig einzuschätzen

Doch in sehr trockenen Frühjahren wie in 2021 sind nur wenige Tiere am Zaun zu finden. »Das liegt an den schlechten Wanderbedingungen«, sagt Hundertmark. Zur Wanderung zum Laichort brauchen die Amphibien sechs bis zwölf Grad und häufige Schauer. »In diesem Jahr war es zu kalt und zu trocken. Es ist wahrscheinlich, dass die Tiere einen Wanderstopp eingelegt haben und wir deshalb nicht so viele zählen konnten.« Eine genaue und kontinuierliche Einschätzung der Amphibienpopulation sei schwierig, da es im Bingenheimer Ried ein konkurrierendes Interesse der Arten gebe. »Ich kann nicht jederzeit überall hin und Kaulquappen keschern oder Reusen auslegen. Hier brüten sehr sensible und seltene Vögel. Das muss mit den Ornithologen abgesprochen werden«, sagt Hundertmark. Dazu arbeiten Forstamt, Gebietsbetreuer und HGON eng zusammen. »Wir halten regelmäßig Rücksprache.«

Teich soll noch größer werden und fischfrei bleiben

Walter Schmidt vom Forstamt Nidda behält die angelegten Teiche im Auge. Den neuen, fast ausgetrockneten möchte er innerhalb der nächsten fünf Monate noch größer und breiter sowie 20 Zentimeter tiefer machen.

Hundertmark ist mit dem Ergebnis der Reproduktion im neuen Teich zufrieden, auch wenn die Amphibienpopulation in der Wetterau merklich zurückgeht - für seltene Arten wie Wechselkröte, Knoblauchkröte, Kreuzkröte, Laubfrosch, Kammmolch und Co. wird es immer enger. »Der Klimawandel zeigt seine Wirkung. Es ist schwierig, die Trockenjahre ohne Nachwuchs zu kompensieren. Und es wird immer schwieriger.«

Das neue Gewässer vor der Beobachtungshütte im Bingenheimer Ried bei Gettenau wurde gezielt in einem höheren Bereich angelegt und mit einem kleinen Wall zum daneben gelegenen Teich abgegrenzt. »So gehen wir sicher, dass es nicht überschwemmt wird, wenn es unerwartet starke Regenfälle gibt. Diese Maßnahme soll verhindern, dass Fische wie der Blaubandbärbling in das Gewässer eingeschwemmt werden«, sagt Walter Schmidt vom Forstamt Nidda.

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