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ZUM NACHDENKEN

Du lügst!

  • VonRedaktion
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»Du lügst!« Meine Nichte, damals acht Jahre alt, schaut mich mit festem Blick an. »Du lügst!« - richtig übelnehmen kann ich ihr das nicht. Nur zu oft mache ich Quatsch und rede Unsinn mit meinen Nichten und Neffen und jetzt mit meinen eigenen Kindern. Das, was ich gesagt habe, ist in Milas Ohren auch zu fantastisch, als dass es wahr sein könnte. Ich hatte ihr gesagt, dass es, als ich so alt war wie sie, keine Handys gab.

Das kann einfach nicht stimmen!

Ich komme ins Grübeln. Hat sie denn wirklich unrecht? War das früher wirklich möglich, ohne Handy zu leben? Ich versuche mich zu erinnern. Mein erstes Handy habe ich mir ungefähr 2002 zugelegt, nur zum Telefonieren. Damals habe ich es oft über Tage im Auto liegen gelassen. In der Wohnung hatte ich ja ein richtiges Telefon. Mein erstes Smartphone habe ich seit 2013. Es ist - wie man bei der Bundeswehr sagt - immer am Mann.

Und welch ein Segen sind Smartphones! Früher musste man Bus- und Bahnfahrpläne auswendig kennen oder in dicken Wälzern nachschlagen. Nachschlagewerke verstauben mittlerweile im Buchregal, denn Wikipedia weiß es schneller, aktueller und besser.

Mit Freunden kann ich weltweit in Kontakt sein, als wohnten sie nebenan. Ja, die Welt steht mir mit meinem Smartphone medial offen. Und so selbstverständlich ist das, dass der Gedanke, dass einmal ein Leben ohne Smartphones hätte möglich sein können, nur der eines sehr fantasiebegabten Quatschmachers sein muss: »Du lügst!«

»Machet euch die Erde untertan!« (1. Mose 1, 28) - diesen Auftrag gibt Gott Eva und Adam direkt nach der Schöpfung der Welt. Ganz am Anfang berichtet die Bibel davon. Und das haben wir dann auch gemacht. Und die technologische Gestaltung der Welt, eben auch mit Smartphones, gehört dazu. Und das ist gut so!

Die Risiken und Nebenwirkungen dieses Auftrags gibt Gott erst an anderer Stelle. Denn nur zu schnell verkehrt sich das Unterordungsverhältnis in sein Gegenteil. Unsere Schöpfung, das Smartphone, macht sich uns untertan. Morgens ist es unser Wecker. Abends lullt uns der Timer in den Schlaf. Jedes ›Bling!‹ lässt uns wie Pawlow’sche Hunde zum Handy greifen. Es könnte ja sein, dass von dieser Nachricht mein Leben abhinge. So komme ich, die App verrät es mir, auf 3 Stunden und 16 Minuten Bildschirmzeit und 66 Aktivierungen am Tag. Mein Handy hat mich fest im Griff! Die Bibel würde sagen, ich habe mir einen Götzen geschaffen. Unmissverständlich sagt das erste Gebot dazu: »Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.« (2. Mose 20, 3). Was tun? Das Handy ins Klo zu werfen - pardon - es zur Wertstoffsammelstelle zu bringen, ist keine Option. Aber es zeitweise auszuschalten, es beim Nachhausekommen in die Handy-Garage zu legen und dort für eine Weile liegen zu lassen, das geht. Handyfasten - jetzt in der Passionszeit und auch sonst.

Der Herrschaftsauftrag Gottes an die Menschen findet seine Grenze an der Zerstörung der Welt. Nutzen, Gestalten - ja! Zerstören - nein! Und auch dazu dient das Handyfasten. Eine halbe Stunde Youtube-Filmchen auf dem Handy geschaut, verursacht etwa 1,6 Kilogramm CO2. Das ist so viel wie eine Autofahrt von Butzbach bis Bad Nauheim. Mehr dazu übrigens unter: www.klimafasten.de. Ach, nein, das wäre ja schon wieder digital.

Machen Sie sich lieber selbst Gedanken dazu und sprechen Sie mit Freunden darüber. In Corona-Zeiten am besten mit dem guten alten Festnetztelefon. Das hatte, als ich klein war, eine Wählscheibe. Was, wirklich? Nein, du lügst!

Johannes Hoeltz, Schulpfarrer; Berufliche Schulen am Gradierwerk Bad Nauheim

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