agl_har_Dejene_120521_4c
+
Yemisrach Dejene lebt jetzt in Friedberg. Die Situation in ihrem Heimatland Äthiopien wühlt sie nach wie vor auf - auch weil ihre Familie dortgeblieben ist.

Die Angst ist geblieben

  • VonHarald Schuchardt
    schließen

Im Februar 2017 verließ Yemisrach Dejene ihr Heimatland Äthiopien. Sie flüchtete nach Deutschland, weil sie sich als Mitglied der Opposition nach mehreren Verhaftungen nicht mehr sicher- fühlte. In Friedberg hat die Frau eine neue Heimat gefunden. Die Angst um ihre Lieben ist noch da.

Der ethnische Konflikt zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Äthiopien ist in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit ebenso nur wenig bekannt wie der Kampf von Ministerpräsident Abiy Ahmed gegen die Opposition. »Ich möchte, dass auch hier bekannt wird, was in meiner Heimat passiert«, sagt Yemisrach Dejene im Gespräch mit dieser Zeitung, bei dem auch Johannes Hartmann vom Internationalen Zentrum anwesend ist. Dejene lebt mittlerweile in Friedberg . Kennengelernt haben sich die beiden beim Interkulturellen Treff, der bis zu Beginn der Corona-Pandemie regelmäßig im Fünf-Finger-Treff stattfand.

Vor ihrer Flucht war die 39-Jährige als Finanzbuchhalterin in einem großen Unternehmen in der Hauptstadt Addis Abeba tätig gewesen. Wegen ihres Engagements in der Opposition wurde sie dreimal inhaftiert. Nach der letzten Verhaftung saß sie 24 Tage im Gefängnis. »Ich habe nur noch Angst gehabt«, sagt die Äthiopierin, die sich schweren Herzens dazu entschlossen hatte, ihre Heimat zu verlassen. Angst hat sie jedoch weiterhin, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen sorgt sie sich um ihre Mutter und ihre beiden Schwestern, die weiterhin in Äthiopien leben. Yemisrach Dejene sagt: »Oft werden Menschen entführt, gefoltert oder umgebracht.« Ihre Verwandten wollen jedoch in ihrer Heimat bleiben. »Meine beiden Schwestern sind verheiratet und haben Kinder. Und sie möchten die Mutter nicht alleine zurücklassen.« Nur selten telefoniert Dejene mit ihren Schwestern, da sie befürchten, dass die Gespräche abgehört und dann gegen sie verwendet werden.

Doch auch in Deutschland fühlt sich die Äthiopierin nicht sicher. »Es wurden hier schon Landsleute von regierungstreuen Gruppen entführt und nach Äthiopien verschleppt«, erzählt Dejene, deren Asylantrag abgelehnt worden ist. »Sie hat derzeit den Status der Duldung«, erläutert Hartmann. Dies bedeutet, dass sie jetzt ausreisepflichtig ist, aber wegen der politischen Lage in ihrer Heimat aktuell nicht abgeschoben wird. »Das ist für sie und all die anderen Geduldeten nicht gerade einfach.«

Trotz ihrer schwierigen persönlichen Situation und ihrer Ängste geht der Kampf der 39-Jährigen gegen die unmenschliche Situation weiter: »Es ist kaum zu glauben, dass unser Präsident, der für seine Aussöhnung mit Eritrea den Friedensnobelpreis erhalten hat, brutal gegen Teile seines eigenen Volkes vorgeht«, sagt Yemisrach Dejene, die am 13. April vor dem äthiopischen Konsulat in Frankfurt mit Landsleuten und Unterstützern gegen die Politik Abiy Ahmeds demonstriert hat. »Wir wollten mit den Konsulatsmitarbeitern reden, doch das war nicht möglich«, sagt Dejene. Stattdessen seien die Demonstranten vom Konsulat heraus immer wieder fotografiert worden.

Doch Aufgeben kommt für die Äthiopierin nicht infrage. Am 20. Mai soll vor dem Landtag in Wiesbaden die nächste Demonstration stattfinden. »Für uns ist das, was vor allem im Norden Äthiopiens geschieht, Völkermord«, sagt die junge Frau. So sind im Herbst vergangenen Jahres bei einem Massaker in der Stadt Mai-Kadra über 600 Menschen, die nicht zur tigrayischen Bevölkerung gehören, ums Leben gekommen, wie die anerkannte äthiopische Menschenrechtskommission (EHRC) berichtete.

Yemisrach Dejene setzt sich für den Oppositionspolitiker Eskinder Nega ein. Bereits 2011 wurde der Journalist verhaftet. Bis 2018 saß er in Haft und wurde vor zehn Monaten erneut festgenommen. »Ich werde mich weiter für Menschenrechte in meiner Heimat einsetzen«, sagt Yemisrach Dejene - auch wenn die Angst immer da ist.

Wie Johannes Hartmann vom Internationalen Zentrum in Friedberg erläutert, finden derzeit keine ehrenamtlich auf die Beine gestelten Kurse zum Spracherwerb statt. Zum einen sind sämtliche bisher genutzten Räume geschlossen, zum anderen gehören viele der Ehrenamtlichen zur Corona-Risikogruppe.

Dazu kommt, dass aktuell jegliche Treffen ab einer bestimmten Anzahl an Personen verboten sind. Die persönlichen, oft freundschaftlichen Kontakte bestehen noch und werden über WhatsApp oder Telefon aufrechterhalten.

Viele Geflüchtete, sagt Johannes Hartmann, hätten schon gut Deutsch gesprochen, was durch die reduzierten Kontakte leider wieder rückläufig sei. Die Ausnahme seien diejenigen, die Arbeit haben und dort über tägliche Kontakte verfügen. Volkshochschule, Internationaler Bund, FAB und Lernpoint bieten weiterhin Integrationskurse an, die allerdings häufig online stattfinden und so längst nicht für alle nutzbar sind. Die Kurse gelten nur für diejenigen, die ihr »Sprachkurskontingent« beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) noch nicht ausgeschöpft haben.

Hinzu komme, dass die Ausländerbehörde in einigen Fällen geduldeten Geflüchteten die Arbeitserlaubnis entziehe, was diese Menschen wieder in den Status von Leistungsempfängern zurückwerfe und Integration wohl verhindern solle, kritisiert Johannes Hartmann. Dass dies bei Menschen geschehe, die erwiesenermaßen nicht abgeschoben werden könnten, sei unverständlich. Das solle »eine »freiwillige Ausreise« erzwingen, sagt Hartmann. Diese sei aber ebenfalls in den meisten Fällen unrealistisch.

»Viele Ehrenamtliche warten darauf, ihre Arbeit so bald wie möglich fortzusetzen«, sagt Hartmann. So soll der Interkulturelle Treff im Friedberger Fünf-Finger-Treff wieder stattfinden, wenn dies erlaubt ist. Hartmanns Fazit: »Man kann also sagen, dass die Pandemie die Integrationsbemühungen stark behindert bis zurückgeworfen hat.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare