In der Videokonferenz mit hausärzten aus der Wetterau: Dr. Reinhold Merbs (Leiter des Gesundheitsamtes, links), Jürgen Nickel ( stellv. Leiter des Gesundheitsamtes, mitte), Landrat Jan Weckler, rechts
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In der Videokonferenz mit Hausärzten aus der Wetterau: Dr. Reinhold Merbs (Leiter des Gesundheitsamtes, links), Jürgen Nickel ( stellv. Leiter des Gesundheitsamtes, mitte), Landrat Jan Weckler, rechts

Videokonferenz

Corona im Wetteraukreis: Hausärzte wollen mehr impfen –„Wir müssen jetzt aus allen Rohren feuern“

  • vonSebastian Richter
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In der Wetterau wird viel Wert auf die Meinung der Hausärzte gelegt. Die wünschen sich eine engere Einbindung in die Impfkampagne – und warnen vor zu schnellen Öffnungen.

Wetteraukreis – Landrat Jan Weckler hat Hausärzte aus der Wetterau zur Videokonferenz geladen. Natürlich gibt es nur ein Thema: Die aktuelle Corona-Lage. Das Fazit der Diskussion fällt nicht gut aus, die Situation gibt Anlass zur Sorge und erhöhter Vorsicht. Die Hausärzte zeigen aber auch Bereitschaft, selbst mehr in die Verantwortung gezogen zu werden. Denn sie wollen selbst impfen. Viele dürfen das schon, in der Wetterau können sich Arztpraxen im Landkreis als Impfteam registrieren lassen.

Die Videokonferenz wurde einberufen, „weil wir uns zu Beginn der dritten Welle befinden“, so Landrat Weckler. „Auch wenn im Wetteraukreis die Zahlen im Verhältnis zu anderen Landkreisen und zum Landesdurchschnitt insgesamt noch relativ niedrig sind.“ Doch die Fallzahlen nehmen im Wetteraukreis zu. Weckler sieht den Ursprung dafür vor allem im Privaten. „Aus der Kontaktnachverfolgung wissen wir, dass sich die Menschen überwiegend im privaten, im familiären Bereich anstecken. Auch wenn es viele überdrüssig sind zu hören, wir brauchen Geduld und wir müssen es ein Stück weit ertragen, Feiern und Zusammenkünfte immer noch zu verschieben.“

In Deutschland sei man darauf angewiesen, an die Menschen zu appellieren, sich auch im privaten Raum an die Regeln zu halten. „Das ist bei uns glücklicherweise nicht wie in China, wo nach dem Auftreten des Virus in einer Provinzhauptstadt das Kriegsrecht verhängt wird.“

Hausärzte besonders wichtig in der Corona-Krise – Wetteraukreis sucht nach Austausch

Den Hausärzten kommt laut Landrat Jan Weckler eine wichtige Rolle in der Pandemiebekämpfung zu. Nur gemeinsam könne man – insbesondere beim Impfen – die Pandemie besiegen. Daher lege der Wetteraukreis Wert auf einen engen Austausch mit den niedergelassenen Ärzten, weitere Schritte sollen gemeinsam festgelegt werden.

Dr. Michael Linn aus Wöllstadt spricht dem Wetteraukreis dafür großes Lob aus. Unter der Leitung des Amtsarztes Dr. Reinhold Merbs habe sich ein intensives Vertrauensverhältnis zwischen den Hausärztinnen und Hausärzten zum Wetteraukreis aufgebaut. „Hier wird mit den Fachleuten zusammen an der Bewältigung der Krise gearbeitet und nicht vom grünen Tisch aus.“

Eine gute Strategie zur Bekämpfung des Coronavirus sieht der Hausarzt Marc de Groote aus Friedberg in einer engeren Zusammenarbeit zwischen den Impfzentren und den niedergelassenen Ärzten. „Wir müssen jetzt aus allen Rohren feuern. Die Impfzentren müssen beibehalten werden, aber auch die Hausärzte müssen so weit wie möglich in das Impfprogramm integriert werden. Nur dann kann es uns gelingen, endlich voranzukommen.“ Eine Voraussetzung gibt es laut de Groote: „Dafür muss aber auch der Impfstoff geliefert werden.“

Patienten wünschen sich Corona-Impfung durch Hausärzte

Die stärkere Einbindung der Hausärzte wird auch von Patienten gefordert. Diese wünschen sich, von den Medizinern versorgt zu werden, die sie teilweise schon seit Jahren kennen. „Es geht hier um Vertrauen und ich höre von meinen Patientinnen und Patienten, dass sie von ihrem Hausarzt, der sie schon lange begleitet, geimpft werden möchten.“, sagte Dr. Alexander Jakob aus Bad Nauheim.

Die Impfungen durch die mobilen Impfteams sind dagegen sehr aufwendig. Da den Mitarbeitern der Impfteams die Patientinnen und Patienten unbekannt sind und man nichts über die Vorgeschichte wisse, muss im Vorfeld ein Beratungsgespräch geführt werden. Nach der Impfung müssen die Mitarbeiter noch 15 Minuten wegen etwaiger Impfreaktionen warten. Das kostet viel Zeit. „Unter solchen Umständen schaffen Impfteams maximal zehn Impfungen am Tag“, so Landrat Weckler. „Bis alle geimpft sein werden, würde das ewig dauern. Deshalb kommen hier die Hausärzte ins Spiel, die ihre Patientinnen und Patienten kennen, die ohnehin öfter zu Hausbesuchen unterwegs sind und bei dieser Gelegenheit die Impfungen vornehmen könnten.“

Videokonferenz mit Hausärzten aus der Wetterau. Die Mediziner werden selbst zurate gezogen.

Corona-Impfungen durch Hausärzte würde die Impfkampagne schneller voranbringen

Dr. Peer Laubner aus Büdingen rechnet vor, wie viele Impfungen mit der Hilfe der Hausärzte möglich seien: „Je nach Praxis wären zwischen 50 und bis zu 200 Impfungen in der Woche denkbar. Wenn alle 150 niedergelassenen Ärzte im Wetteraukreis mitmachen würden, könnten auf diesem Weg zusammen mit dem Impfzentrum und den mobilen Impfteams gut 20.000 Impfungen in der Woche gemacht werden.“ Natürlich vorausgesetzt, der Impfstoff ist ausreichend vorhanden.

Auch der bürokratische Aufwand, der hinter den Impfungen gegen das Coronavirus steckt, steht schnelleren Impfungen im Weg. Denn der Aufwand sei „wesentlich höher als bei anderen Impfungen und schwer nachvollziehbar. Das müsste verschlankt werden, dann könnten wir auch mehr Impfungen schaffen“, so der Bad Nauheimer Kinder- und Jugendarzt Prof. Dr. Arno Fuchshuber. Auch Dr. Alexander Jakob fordert eine „extreme Entbürokratisierung“ der Impfung.

Ärzte aus der Wetterau gegen Öffnung von Schulen und Kitas

Die Ärzte warnen vor einer zu frühen Öffnung der Schulen. „Aus meiner eigenen Praxis weiß ich, dass die Patientinnen und Patienten immer jünger werden und die ganze Familie anstecken“, sagt Dr. Wolfgang Pilz aus Friedberg. „Um die weitere Verbreitung zu verhindern, brauchen wir einen Schnitt, indem wir alle Kitas und Schulen schließen. In einem Monat werden wir damit hadern, dass wir heute nicht umgesteuert haben.“

Auch Prof. Dr. Arno Fuchshuber ist gegen die Öffnung von Schulen und Kitas. Er ist der Meinung, dass „man unbedingt darauf verzichten sollte, vor Ostern Schulen und Kitas weiter zu öffnen. Für die Eltern, die arbeiten müssen und ihre Kinder betreut wissen wollen, ist das natürlich ein Dilemma. Aber die Situation erlaubt es einfach nicht.“ Auch Fuchshuber hat die Erfahrung gemacht, dass Kinder und Jugendliche mehr und länger ansteckend sind – besonders im Hinblick auf die britische Coronavirus-Mutation.

„Fakt ist, wenn hessenweit die Inzidenz über 100 steigt, wird es vor Ostern keinen Wechselunterricht für die Sekundarstufe I geben“, stellt Landrat Jan Weckler die Situation klar. „Bei der derzeitigen Entwicklung gehe ich davon aus, dass der Präsenzunterricht in den Schulen vor den Osterferien nicht mehr ausgeweitet werden wird.“

Leiter des Gesundheitsamts fordert Verlängerung der Corona-Quarantäne

Den Ärzten aus der Wetterau macht in Anbetracht der Verbreitung der britischen Coronavirus-Variante die Dauer der Quarantäne sorgen. Die Mutation sei zunehmend „nach 14 Tagen immer noch auf der Schleimhaut nachweisbar“, so Amtsarzt Dr. Reinhold Merbs. „Das war früher ganz selten der Fall“. Also fordert er, die Quarantäne zu verlängern. Statt 14 Tagen soll die Dauer auf drei Wochen angehoben werden.

Im Streitfaktor Schule gibt es inzwischen eine hessenweite Strategie. Die Rückkehr für Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse in den Präsenzunterricht wurde gekippt: Sie sollen mindestens bis zu den Osterferien im Distanzunterricht bleiben. Alle anderen Maßnahmen bleiben in Hessen vorerst bestehen*. Nach der Ministerpräsidentenkonferenz am 22. März 2021 möchte Ministerpräsident Volker Bouffier weitere Maßnahmen beschließen. Die Ausweitung der Impfkampagne auf die Hausärzte soll in ganz Hessen dauern. Die Impfstoff-Vorräte seien dafür nicht ausreichend, also sind Impfungen in Hausarztpraxen laut Bouffier keine Option. (Sebastian Richter) *wetterauer-zeitung.de ist ein Angebot von IPPEN MEDIA.

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