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Vicky Reuel hat sich jetzt vorgenommen, der Endometriose den Kampf anzusagen. Die Pflaster ihrer Bauchspiegelung sieht man noch.

Erkrankung wird oft erst spät erkannt

Wütende Regelschmerzen: Butzbacherin gründet Selbsthilfegruppe

  • vonPetra Ihm-Fahle
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Dass Vicky Reuel an Endometriose leidet, merkt man der fröhlichen 20-Jährigen nicht immer an. Doch oft verzweifelt sie fast an ihren Regelschmerzen. Nun will sie eine Selbsthilfegruppe gründen.

Seit Vicky Reuel ihre Periode hat, leidet sie unter sehr starken, lang andauernden Regelschmerzen. Wie die Ärzte der 20-Jährigen Anfang Mai mitteilten, liegt das an einer Endometriose. »Das bedeutet, dass Gebärmutterschleimhaut-ähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst«, erläutert die Butzbacherin.

Bei der Endometriose handelt es sich um eine der häufigsten Unterleibserkrankungen bei Frauen, die laut der angehenden Sozialassistentin aber spät erkannt wird. Sechs bis zehn Jahre dauere es durchschnittlich, bis Betroffene wüssten, was sie haben.

Laut Wikipedia wird die Erkrankung am häufigsten zwischen dem 25. und 35. Lebensjahr diagnostiziert, sehr selten bei präpubertären und selten bei postmenopausalen Frauen.

Kurz nach Erhalt der Diagnose hat sich Reuel nun vorgenommen, darüber aufzuklären und eine Selbsthilfegruppe in Butzbach zu gründen. Mit Bürgermeister Michael Merle (SPD) hat sie bereits darüber gesprochen.

Gewissheit durch Bauchspiegelung

Im Nordwest-Krankenhaus in Frankfurt, einem zertifizierten Endometriose-Zentrum, unterzog sie sich einer Bauchspiegelung, denn sie wollte endlich Gewissheit. Woran ihre Beschwerden liegen könnten, ahnte sie bereits, als sie auf Instagram Anna Wilken zu folgen begann, die vor Jahren an »Germanys Next Topmodel« teilnahm. »Das habe ich als Jugendliche gerne gesehen«, erzählt die Butzbacherin. Wilken postete in ihrer Instagram-Story etwas zu Endometriose und schrieb ein Buch darüber. Als Reuel das erste Mal davon las, befasste auch sie sich näher mit dem Thema.

»Ich habe sehr früh meine Periode gekriegt, mit neun Jahren, was extrem früh ist«, blickt sie zurück. Damals begannen die Unterleibsschmerzen, Kreislaufprobleme und Migräneattacken. Später kamen Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Erschöpfung hinzu, da die Endometriose laut Reuel eine sehr facettenreiche Symptomatik hat. Manchmal kippte sie sogar um.

Nach Diagnose sogar erleichtert

Durch die Pille wurde es nicht besser, sondern schlimmer. »Ab dem Eisprung kämpfe ich mit Unterleibsschmerzen und kann mich weniger bewegen. Mich mit einer Wärmflasche hinzulegen, nützt nichts.« Wie sie erzählt, dauern die Schmerzen bis zu ein, zwei Tagen nach der Periode an.

»Endometriose kann bis hin zum künstlichen Darm- oder Blasenausgang führen, je nachdem, wo die Gewebeinseln sitzen«, sagt die junge Frau.

Als Reuel die Diagnose bekam, war sie erleichtert, weil sie endlich wusste, was los war. »Dann kam Angst dazu, Wut und die Frage: Warum ausgerechnet ich?« Andererseits war sie froh, zu wissen, nicht alleine damit zu sein. »Dann geht man anders damit um, als wenn man die Diagnose bekommt und sich alleine fühlt«, sagt sie.

Sie entschied sich aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen dagegen, erneut die Pille zu nehmen, obwohl das vielen Frauen mit Endometriose empfohlen wird. »Ich hatte Nebenwirkungen davon und möchte es nicht mehr«, betont sie. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, ihren Zustand mit Ernährung, Yoga und Homöopathie zu verbessern.

Wärmflasche oder Arzneien sind keine Alternativen

Zeitgleich mit der Bauchspiegelung entfernten die Ärzte die Endometriose-Herde bei ihr, seither geht es ihr besser, aber das Gewebe kann wieder wachsen. »Die Schmerzen sind nicht mehr so schlimm, wie sie vorher waren, aber sie sind immer noch nicht normal«, schildert sie.

Wenn sie als Jugendliche zum Arzt ging, bekam sie außer einer Wärmflasche auch empfohlen, Ibuprofen oder eine Arznei gegen Regelschmerzen zu nehmen. »Aber man kann doch nicht einem Mädchen ab neun Jahren sagen: ›Wir schicken dich mit Wärmflasche und Tabletten gegen Regelschmerzen nach Hause.‹«

Das gehe vielleicht mal für ein oder zwei Zyklen, aber wenn die extremen Beschwerden länger als drei bis sechs Monate auftreten, solle die Betroffene zum Arzt gehen und darauf bestehen, zu erfahren, was es ist. Vicky Reuel unterstreicht: »Die Krankheit muss ernst genommen und schneller diagnostiziert werden.«

Bis zu zehn Jahre Ungewissheit

Laut Vicky Reuel dauert es durchschnittlich sechs bis zehn Jahre, bis Betroffene die Diagnose erhalten. Eine von acht Frauen sei an Endometriose erkrankt. »Früher sprach man von einer Betroffenen unter zehn Frauen, aber mittlerweile kommt es öfter zur Diagnose«, erläutert sie.

40 Prozent der Endometriose-Patientinnen leiden Reuels Worten zufolge an Unfruchtbarkeit, 70 Prozent haben täglich chronische Schmerzen. »Man kann grob sagen, dass es alleine in Deutschland über 40 000 Betroffene gibt und das sind nur die Diagnostizierten.«

Diese Zahlen kommen unter anderem von der Endometriose-Vereinigung und der Charité in Berlin, die dazu forscht. Bis heute gebe es keine endgültige Behandlung, um wieder ohne Endometriose leben zu können. Ein Lektüretipp ist »Endometriose - ein Selbsthilfebuch« von Rita Hofmeister.

Wer Vicky Reuel auf Instagram folgen will, ist willkommen. Ihr Instagram-Name lautet »vinawola«. Kontakt gibt es auch unter Telefon 01 76/74 58 06 92.

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