Stadtmauer: Halber Meter aus dem Lot

Butzbach (en). "Sie sagen mir die Lottozahlen vom nächsten Samstag und ich sag’ Ihnen, wann sie eingestürzt wäre" – selbst der Statiker wagt keine Prognose zur Zukunft der Stadtmauer in der unteren Krachbaumgasse.

Dort war die Neigung in der letzten Zeit so bedenklich, dass die ersten drei Schwibbögen jetzt mit dicken Balken und Stämmen abgestützt wurden.

1321 bekamen die Butzbacher ihre Stadtrechte, kurz danach begannen sie mit dem Bau ihrer Stadtmauer. 1368 war die fertig, die drei heute noch stehenden Reste haben 650 Jahre Krieg und Frieden, Sommerhitze und Eiseskälte überstanden. Doch jetzt nagt der Zahn der Zeit verstärkt an dem Teilstück zwischen der früheren Mälzerei und den Wohnhäusern.

Die Neigung ist nicht von gestern auf heute entstanden. Hans-Jürgen Pfaff, zuständiger Sachbearbeiter bei der städtischen Immobiliengruppe Butzbach, weiß schon von Fotos aus den 1930er Jahren, auf denen die Mauer schief aussah. Das hat sich nicht mehr gebessert – vielmehr hat die Neigung zugenommen. Die zehn Meter hohe Mauer mit dem Wehrgang (der im Rahmen von Führungen vom Hexenturm aus noch bis vor wenigen Jahren begangen werden konnte) ist oben "einen halben Meter aus dem Lot", berichtet Pfaff. Überproportional sogar steigt mit jedem Zentimeter Neigung die Last, die auf dem Bauwerk liegt.

In Abstimmung mit dem Denkmalpfleger (der Denkmalbeirat beim Kreis wird sich auch in seiner nächsten Sitzung in zwei Wochen mit dem Thema befassen) wurde nun nicht nur gestützt – parallel dazu laufen schon seit einem Jahr Untersuchungen von Baugrund, Baumaterial und Statik.

Letztere liegt in den Händen des Ebersgönser Büros von Joachim Prüfer, der noch einige Möglichkeiten sieht, dem Fortschreiten der Neigung Einhalt zu gebieten – an eine Umkehr des Trends glaubt freilich niemand. Eine Chance ist demnach die Verbreiterung des an dieser Stelle gerade mal einen Meter tiefen Fundaments, Betonpfähle könnte man in den Boden rammen, die bröckelnden Stellen im Mauerwerk erneuern, die Risse auskleiden.

Abriss nicht ausgeschlossen

Vor allem das muss laut Hans-Jürgen Pfaff angegangen werden, denn das eindringende Wasser sorgt – vor allem bei Frost – dafür, dass die Risse immer breiter werden. Das wiederum verschärft den Neigungsprozess – und je größer die Neigung, desto mehr Wasser gelangt in die Risse.

Als mögliche Ursache für die fortschreitende Schiefstellung sieht Statiker Prüfer wie auch andere Beteiligte den Kanal, der in den 1950er oder 60er Jahren entlang der Mauer drei Meter tief unter der Krachbaumgasse verlegt wurde. Die Wegnahme des gewachsenen Bodens beim Bau könnte schon den Prozess des Neigens verstärkt haben, ob der Kanal zusätzlich auch noch undicht ist, soll demnächst eine automatische Befahrung klären.

Für die Leck-Theorie soll eine Bodenprobe sprechen, bei der nahe des Kanals der Lössboden "in kurz vor breiiger Konsistenz" vorgefunden worden sei. Eine Bestätigung aus dem damit befassten Ober-Mörler Büro war gestern nicht zu erhalten.

In wenigen Monaten sollen alle Untersuchungen abgeschlossen sein – dann ist es an den Stadtverordneten, für die Sanierung die Hand zu heben und Geld bereit zu stellen. Oder auch nicht: Einen Abriss der drei akut gefährdeten (und deshalb abgestützten) Schwibbögen schließt Statiker Prüfer nicht komplett aus. Alle weiteren Mauerabschnitte bis hin zum Hexenturm sind nach dem heutigen Kenntnisstand gerade und auch stabil. Im Fall des Teilabrisses freilich wären sie der Kopf des Mauerstücks – und das ist nach den Worten von Hans-Jürgen Pfaff immer besonders gefährdet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare