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Manche Klassen sind kaum zu bändigen, wenn das Thema Sexualkunde auf dem Stundenplan steht. Das weiß Stephanie Riebeling aus 20-jähriger Erfahrung als Biologielehrerin. Seit 2008 ist die 48-Jährige an der Weidigschule in Butzbach tätig.

Sexualkunde und überforderte Eltern

Sexualkunde: Was Schüler im Unterricht lernen

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Stephanie Riebeling beantwortet Schülern auch intime Fragen. Im Interview spricht die Biolehrerin der Butzbacher Weidigschule über Sexualkunde, die Rolle des Internets und überforderte Eltern.

Frau Riebeling, welche Rolle spielt das Internet heute bei der Sexualerziehung?

Stephanie Riebeling:Durch das Internet kommen Kinder schnell und oft mit sexuellen Inhalten in Kontakt, werden damit aber oftmals allein gelassen. Sie kennen teilweise mehr Begriffe rund um Sex als manche Lehrkräfte und benutzen sie gedankenlos, um cool zu sein. Nicht immer wissen sie, was sie bedeuten - und was sie damit bei ihrem Gegenüber anrichten. Wir bemerken in verschiedenen Lerngruppen eine Verrohung der Schüler durch eine solche Mediennutzung.

Das klingt dramatisch. Was kann man gegen eine solche Abstumpfung tun?

Riebeling:Wir entwickeln derzeit ein Konzept für Medienerziehung. In der Weidigschule gibt es zudem ein Handyverbot für die Klassen fünf bis zehn - ausgenommen die angeleitete Nutzung im Unterricht. Zuvor flimmerten schon mal unangenehme Inhalte über die Bildschirme. Neben runtergeladenen Videos und Fotos wurden Fotos auf der Toilette gemacht, Szenen nachgestellt und üble Kommentare verschickt, auch wenn einiges davon nur aus "Spaß" gemacht wurde. Man kann das Handyverbot kritisch sehen, aber seitdem ist das Klima auf dem Schulhof besser geworden.

Sexualkunde in Hessen: Meiste Kinder in fünfter Klasse aufgeklärt

In welchen Klassen steht Sexualität auf dem Stundenplan?

Riebeling:Bereits in der Grundschule ist es Thema. Allerdings werden eher Grundlagen vermittelt. In der weiterführenden Schule steht Sexualkunde in der fünften und neunten Klasse im Fach Biologie auf dem Plan. In der fünften Klasse geht es in Humanbiologie um Geschlechtsorgane und Fortpflanzung. Die meisten Kinder in diesem Alter sind bereits aufgeklärt. Wir sprechen auch über Pubertät, Menstruation und Verhütung. In der Neunten liegt der Schwerpunkt auf hormonellen Prozessen und Verhütung.

Wie läuft der Unterricht ab - üben Schüler tatsächlich mit Kondom am Modellpenis?

Riebeling:Ja. Wir geben dazu Infos, etwa dass man das Kondom nicht mit einem Schlüssel in die Hosentasche stecken und auf das Verfallsdatum achten sollte. Als Anschauungsmaterial stellen wir auch Binden und Tampons bereit. Die bekommen wir von den Herstellern. Wir verwenden zudem Lehrmaterialien wie Texte und Abbildungen aus Schulbüchern oder Statistiken von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Sexualkunde in Hessen: Besondere Herausforderung für Lehrer

Ist der Sexualkundeunterricht für Sie als Lehrerin eine besondere Herausforderung?

Riebeling:Ja. Um über so ein Thema sprechen zu können, ist ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schülern wünschenswert. Bei den Fünftklässlern kommt es daher am Ende des Schuljahres dran, wenn wir uns besser kennen. Manche Klassen tauen bei einem witzigen Spruch auf, andere sind schwer zu bändigen - besonders wenn die Pubertät eingesetzt hat. Im schlimmsten Fall wird nur gekichert und gelacht. Dann versuche ich den Schülern klar machen, dass das Thema sie unmittelbar betrifft - jetzt oder in naher Zukunft.

Wofür interessieren sich die Schüler am meisten?

Riebeling:Den ersten Sex und alles darum herum. Viele haben Ängste oder sind verunsichert. Mädchen fragen zum Beispiel, ob es weh tut oder wie sie die Pille bekommen. Jungs verunsichert der erste Samenerguss. Oft geht es auch um Begriffe oder Dinge, die sich aus den Medien kennen, etwa unterschiedliche Stellungen beim Sex. In der Regel gibt es eine Doppelstunde, in der ich Mädchen und Jungs getrennt unterrichte. Vor allem dann kommen heikle Fragen auf den Tisch.

Sexualkunde in Hessen: Auch Homosexualität Thema

Sprechen Sie in der Schule auch über Homo- und Intersexualität?

Riebeling:Ja. Seit einiger Zeit sind wir nach hessischem Lehrplan dazu verpflichtet. Die Schüler gehen mit dem Thema offen um. Geht man tiefer, stößt man aber oft auf Vorbehalte. Das Thema wird aber nicht nur in Biologie, sondern auch in Ethik behandelt.

Stören sich manche Eltern an den Inhalten des Sexualkundeunterrichts?

Riebeling:Einige wenige stört es, dass wir über Homo- und Intersexualität aufklären. Wir informieren bei einem Elternabend im Vorfeld des Sexualkundeunterrichts über die Lehrinhalte. Das müssen wir sogar. Manche Eltern wollen die Unterrichtsmaterialien vorher sehen, andere sehen das eher locker.

Sexualität, Körper und Pubertät sind an der Weidigschule nicht nur im Fachunterricht Thema.

Riebeling:Ja, auch in der sogenannten Primärprävention. Das sind wöchentliche Doppelstunden in den Klassen fünf bis sechs mit speziell ausgebildeten Lehrkräften und ohne Benotung. Die Primärprävention soll die psychosoziale Entwicklung der Schüler unterstützen, sie stärken und gleichzeitig sensibilisieren. Wir sprechen darin zum Beispiel über Fragen wie "welche Situationen sind mir unangenehm" oder "wie wer darf mich wo anfassen", aber auch über konkrete Beispiel. Etwa wenn ein pubertierendes Kind sich ärgert, dass die Mutter immer ins Badezimmer platzt, während es nackt ist. Auch Gewalt und Drogen sind Thema in der Primärprävention. Dafür braucht man Zeit, die man im Fachunterricht nicht hat.

Sexualkunde in Hessen: Intime Fragen nach dem Unterricht

Wenden sich Schüler auch nach den Stunden mit intimen Fragen an Sie?

Riebeling:Ja. Das ist sogar die Regel. Solche Schüler packen nach der Stunde extra langsam ihren Ranzen, um ungestört ohne die Klassenkameraden mit mir sprechen zu können. Oft wollen sie praktische Dinge wissen, zum Beispiel: Ab wann man mit einem Jungen oder Mädchen zusammen sein ? Wie lange kann die Regel normalerweise ausbleiben? Wo kauft man einen Schwangerschaftstest oder was, wenn es da unten juckt?

Ist Ihnen mal etwas sehr zu Herzen gegangen?

Riebeling:Eine Schülerin, die weinend auf dem Flur saß und dachte, sie müsse sterben. Sie hatte ihre Regel bekommen, wusste aber nicht, warum sie blutet. Ihre Eltern hatten sie offenbar nicht aufgeklärt, sie waren sehr religiös. Das war vor meiner Zeit in Butzbach.

Sexualkunde in Hessen: Kinder wollen reden

An wen können sich Schüler mit Anliegen rund um Sexualität sonst noch wenden?

Riebeling:In der Schule sind das Klassenlehrer, Vertrauenslehrer, Schulseelsorger oder -sozialpädagogen. Außerhalb der Schule können sie sich an ProFamilia oder die Nummer gegen Kummer ( 02 02/2 59 05 90, Anm. der Redaktion) wenden.

Wie können Eltern ihre Kinder in heiklen Fragen unterstützen?

Riebeling:Was Kinder bewegt, spürt man, wenn man sich Zeit für sie nimmt. Viele Eltern können aber nicht so oft da sein, etwa weil sie Vollzeit arbeiten. Das merken wir als Lehrer. Wenn zu Hause niemand ist, stehen die Kinder nicht nur nach der Stunde da und wollen reden, sondern auch vorm Lehrerzimmer. Dazu kommt: Eltern sind mit Fragen rund um Sexualität oft überfordert - gerade wenn moderne Medien im Spiel sind - und halten ihre Kinder für aufgeklärter als sie sind. Zwar sind Eltern oft nicht die erste Adresse für intime Fragen ihrer Kinder, dennoch sollten sie stets ein offenes Ohr bieten und da sein, wenn sie gebraucht werden.

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