Personalie "Alexander Kartmann" sorgt für Zündstoff

Butzbach (lk). Postengeschachere, Machtmissbrauch, politisches Kalkül, Ämterpatronage, Vetternwirtschaft. Zu diesen Bezeichnungen greifen jene, die von der Berufung Alexander Kartmanns zum Geschäftsführer der Butzbacher Wohnungsgesellschaft (BWG) wenig bis gar nichts halten.

Der 37-jährige Kartmann, Vorsitzender der Butzbacher CDU, die mit der SPD im Stadtparlament eine Koalition bildet, wird die Stelle zum 1. Februar antreten. Einen leichten Start in den neuen Job dürfte Kartmann nicht haben. Die Stimmen derer, die den Sohn des hessischen Landtagspräsidenten und Butzbacher CDU-Urgesteins Norbert Kartmann nicht als BWG-Geschäftsführer sehen wollen, sind laut. Oliver Löhr, Fraktionsvorsitzender der Butzbacher FDP, übt scharfe Kritik: "Es ist eine Riesensauerei, dass die große Koalition mit dem Politikersohn Alexander Kartmann eine Schlüsselposition der Immobiliengruppe nicht nach den üblichen Bewerbungskriterien, sondern alleine nach Parteibuch besetzt. Mit dieser Vorgehensweise beweisen SPD und CDU einmal mehr, dass ihnen nicht an Sachpolitik zum Wohle unserer Stadt gelegen ist, sondern sie ihre Macht für Eigeninteressen und persönliche Befindlichkeiten missbrauchen.

" Die große Koalition verkomme zunehmend zum Selbstbedienungsladen.

Die Oppositions-Stadträte von Grünen, UWG und FDP haben sich an die Kommunalaufsicht gewandt, wollen prüfen lassen, ob es eine Möglichkeit gibt, den Beschluss zur Einstellung Kartmanns aufheben zu lassen. Der Magistrat habe weder Einsicht in die Bewerbungsunterlagen bekommen noch die Möglichkeit erhalten, an den Bewerbungsgesprächen teilzunehmen, äußern die Stadträte formale Bedenken. Auch Kartmanns Qualifikation für den Posten zweifeln sie an.

Kartmann: Butzbach voran bringen

Bürgermeister Michael Merle (SPD), er ist Vorsitzender des BWG-Aufsichtsrats, hatte der WZ auf Anfrage hingegen mitgeteilt, der Magistrat sei am Auswahlverfahren um den geeignetsten Kandidaten beteiligt gewesen. 13 Bewerbungen seien auf die Stelle eingegangen, die Ende November in drei Zeitungen, unter anderem in der WZ, ausgeschrieben war. Man habe sich für Kartmann entschieden. Die Nachfrage nach den Gründen beantwortete er nicht: "Ich gebe sonst keine Infos zum Personalauswahlverfahren."

Zumindest war die Entscheidung für Kartmann offenbar recht schnell getroffen. Bereits am 19. Dezember wurde die Stellenbesetzung öffentlich gemacht. Ebenfalls auffällig: Die Stellenausschreibung ist sehr umfangreich. Gesucht wird "eine Persönlichkeit mit Erfahrung im Umgang mit kommunalen Entscheidungsträgern, Verbänden, Behörden, gesellschaftlichen Institutionen". Der Geschäftsführer, den die Stadt Bad Düben für ihre Wohnungsbaugesellschaft derzeit sucht, braucht diese Kenntnisse nicht, dafür aber einen betriebswirtschaftlichen Fachhoch- oder Hochschulabschluss – in Butzbach war dies kein Kriterium. Kartmann hat einen Magister der Geschichte und Politikwissenschaft. Und die gesuchte Erfahrung im Umgang mit kommunalen Entscheidungsträgern, er ist seit seinem 14. Lebensjahr politisch engagiert.

Kartmann selbst schrieb: "Mit der Rolle des BWG-Geschäftsführers wird das politische Element reduziert, aber meine Motivation und das Ziel bleiben gleich: Butzbach voran zu bringen, dem Kunden – in der Politik der Bürger, bei der BWG die Mieter – das bestmögliche Angebot zu unterbreiten und gleichzeitig die Stadt als Ganzes nicht aus dem Auge zu verlieren."

FDP-Mann Löhr reicht das nicht. Er ist der Meinung, dass Kartmann bislang keinerlei Erfahrung in der Immobilienbranche nachweisen kann. "Das Managen vereinzelter Projekte reicht bei Weitem nicht, um die komplexe Immobiliensituation in Butzbach in den Griff zu bekommen, die sich schon heute als größtes Sorgenkind der Stadt erweist." Kartmann könne sich künftig zwar über ein hohes fünfstelliges Jahresgehalt freuen, sei fachlich aber völlig unqualifiziert.

Kartmann sieht das freilich anders: "Hinsichtlich meiner Qualifikation bleibt mir nur zu sagen, dass ich mit der Situation der kommunalen Immobilienwirtschaft in Butzbach bestens vertraut bin und aufgrund meines beruflichen Werdegangs – der, wenn auch nebensächlich, auch das Controlling von Immobilientätigkeiten im Konzern beinhaltete – über die notwendigen wirtschaftlichen und rechtlichen Kenntnisse verfüge, eine solche Gesellschaft zu führen. Ich habe mich in einem Bewerbungsverfahren entsprechend behauptet." Bezüglich seiner künftigen Bezüge verweist Kartmann auf Merle. Doch der will sich nicht zum Gehalt des baldigen Geschäftsführers äußern, spricht von "Interna". Er nennt jedoch den finanziellen Umfang, mit dem Kartmann künftig zu tun haben wird: Die Bilanzsumme der BWG habe 2012 21 Millionen Euro betragen.

Ruppel: Ämterpatronage

Als "Politposse" bezeichnet Thomas Gerum, Vorsitzender der Butzbacher UWG, das Auswahlverfahren, das zur Berufung Kartmanns geführt habe. In dieselbe Kerbe schlägt der Butzbacher Markus Ruppel, der von 2001 bis 2006 CDU-Stadtrat war, aktuell jedoch kein Amt bekleidet. Er hatte sich ebenfalls um den Posten des BWG-Geschäftsführers beworben. Er sagt: "Man sollte einmal erklären, wie die Auswahl Kartmanns zustande kam. Vielleicht so: Im Rahmen der Koalitionsvereinbarungen zwischen der Butzbacher SPD und der CDU, die auch beinhaltet, dass jeweils zwei Geschäftsführer für Energie und Versorgung/Bäderbetriebe einerseits und je zwei für BWG/Landgrafenschloss andererseits eingestellt werden sollen, wurden auch die Wunschkandidaten der beiden Parteien festgelegt." Unter ihnen sei auch Kartmann gewesen, der sich als Partner der Koalitionsverhandlungen wohl seinen eigenen Job geschaffen habe. "Kartmann erfüllt nicht die Anforderungen der Stellenausschreibung. Insofern ist hier von Ämterpatronage auszugehen", sagt Ruppel. Das Verfahren sei bereits Grund für eine Beschwerde beim Landrat durch die drei Butzbacher Oppositions-Stadträte.

Er selbst habe zudem einen Prüfantrag an den Wetterauer Landrat versandt. Es gehe nicht um den "Zorn eines Unterlegenen", nicht um seine Person, betont er, sondern um die Frage, ob "eine so offensichtliche Ämterpatronage" grundsätzlich geduldet werden könne. "Ich sage nein, und als Mitglied der CDU schäme ich mich für das Verhalten meiner Partei oder Einzelner in der Partei."

Stefan Euler, Vorsitzender der Butzbacher CDU-Fraktion, begrüßt hingegen die Berufung Kartmanns. Dieser besitze die Voraussetzungen, die Geschäftsführung der BWG erfolgreich fortzusetzen. Zugleich bemängelt er die Art der Kritik an der Berufung. "Kritik ist immer erlaubt, aber die beleidigende Art kann und darf nicht akzeptiert werden. Diese stillose Kritik trägt schon Züge von Sippenhaftung." Den Spekulationen über eine politische Besetzung der Geschäftsführungsfunktion erteilt Euler eine Absage. Alexander Kartmann habe sich regulär beworben und bei seiner Vorstellung überzeugt.

Bei der Kommunalaufsicht nachgefragt, teilt Pressesprecher Michael Elsass mit, man werde den Magistrat der Stadt Butzbach auffordern, Stellung zu den Vorwürfen zu beziehen. "Das ist der übliche Weg", sagt Elsass. Der Magistrat habe zwei Wochen, um auf die Stellungnahme zu reagieren.

Kartmann wird Geschäftsführer der Wohnungsgesellschaft

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