Kultur macht vor Gitterstäben nicht Halt

Butzbach (bd). In der Justizvollzugsanstalt hat sich 2007 eine Kultur- und Literaturgruppe etabliert. 40 Strafgefangene treffen sich jede Woche, um Bücher vorzulesen und zu besprechen. Zwischen Weihnachten und Neujahr war die Gruppe unter Leitung des Psychologen Götz Eisenberg besonders aktiv.

Zwei Schriftsteller - der Gießener Schauspieler und Autor Christian Fries und der Frankfurter Großstadt-"Flaneur" Wilhelm Genazino - kamen in die JVA, um ihre neuen Werke vorzustellen, und zwei Literaturverfilmungen - "Jakob der Lügner" und "Woyzeck" - gab es zu sehen. Büchner-Preisträger Genazino stellte sein neuestes Werk, "Das Glück in glücksfernen Zeiten", vor, las eine Stunde aus dem 160-Seiten-Roman vor und hängte noch eine weitere Stunde dran, um mit den konzentriert lauschenden Gefangenen über sein Buch und Literatur im Allgemeinen zu sprechen. Außerdem wollten die Insassen von den Schwierigkeiten um das Schreiben eines anspruchsvollen Werkes wissen, fragten nach der praktischen Herstellung eines Buches und nach dem Umgang in der Verlagswelt.

Ironisch beschreibt Genazino in seinem Roman die menschliche Verzweiflung am Leben und die bisweilen schrullige Suche nach dem Glück. Der Arbeitsmarkt kennt keine Gnade, erst recht nicht für Philosophen. Daher tritt Dr. phil. Gerhard Warlich eine Stelle als Wäscheausfahrer an und richtet sich ein in dieser nicht aufregenden, aber sicheren Existenz. Als seine Freundin Traudel sich ein Kind wünscht, bringt das Warlich, der eigentlich nur "halbtags leben" möchte, vollkommen aus dem Gleis.

Am Ende wird er in die Psychiatrie eingeliefert, wo er humorvoll, melancholisch und mit Hoffnung mögliche neue Lebensentwürfe überdenkt.

Genazino erzählte diese Geschichte eines traurigen Helden und seiner weniger traurigen Freundin Traudel mit verblüffender Lakonie. Entsprechend lang war der Beifall, hielt ein Enthusiasmus an, der für eine Stunde eifriger Fragen reichte. Dabei erfuhren die Gefangenen, dass Genazino ein disziplinierter Arbeiter ist, der jeden Tag von 7 bis 11 Uhr und auch am Nachmittag am Schreibtisch sitzt. Es war ein türkischer Gefangener, der sich am Schluss erhob und im Namen aller dankte für die Lesung und dass Genazino sich soviel Zeit genommen habe.

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