Bevor sich Gottlieb Burk, Schulleiter der Gabriel-Biel-Schule in Butzbach, im Sommer in den verspäteten (Un)Ruhestand verabschiedet, schaut er zurück auf vier Jahrzehnte spannender pädagogischer Herausforderungen.	FOTO: HAU
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Bevor sich Gottlieb Burk, Schulleiter der Gabriel-Biel-Schule in Butzbach, im Sommer in den verspäteten (Un)Ruhestand verabschiedet, schaut er zurück auf vier Jahrzehnte spannender pädagogischer Herausforderungen. FOTO: HAU

Leidenschaftlicher Pädagoge

Inklusive Bildung ist Gottlieb Burks Ding

  • vonAnnette Hausmanns
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Als Gottlieb Burk in den 70ern Sonderschullehrer wurde, wusste der Pädagoge aus Ober-Mörlen noch nicht, dass er später zu den Vorreitern der inklusiven Bildung im Wetteraukreis gehören sollte.

Gottlieb Burk kennt man in Ober-Mörlen als ausgeglichenes Temperament und Ruhepol auch dann, wenn es im Parlament mal turbulent wird. Ihm sitzt der Christdemokrat seit Jahren ehrenamtlich vor. Dass er in seiner Freizeit von seinem Beruf an der pädagogischen Schulfront profitiert, darf man getrost unterstellen.

Die Feierstunde für den Rektor der Gabriel-Biel-Schule in Butzbach, wohin ihn sein Weg vor neun Jahren geführt hatte, fiel zwar der Corona-Pandemie zum Opfer, aber Schulamtsleiterin Dr. Rosemarie zur Heiden bescheinigte Burk, dass er in seiner Tätigkeit »beispielgebend für viele« sei.

Spannende Herausforderungen

Bevor sich der 67-jährige Schulleiter im Sommer in den verspäteten (Un)Ruhestand verabschiedet, schaut er zurück auf vier Jahrzehnte spannender pädagogischer Herausforderungen.

Sogenannte Sonderschullehrer waren in den 70er Jahren rar, erinnert sich Gottlieb Burk. Als er nach seinem Abitur an der Bad Nauheimer Ernst-Ludwig-Schule das Studium der Heil- und Sonderpädagogik in Frankfurt aufnahm, tat er das aus tiefer Überzeugung.

Kaum hatte der waschechte Ober-Mörler Bub aber sein zweites Staatsexamen in der Tasche, gab es keine freien Stellen mehr. Er machte aus der Not eine Tugend, unterrichtete vorübergehend in den Justizvollzugsanstalten in Rockenberg und Butzbach und war kurz bei der Verwaltung seines Heimatdorfes angestellt.

Stadtläufe für guten Zweck

Der Zufall führte den jungen Sonderschullehrer ab 1984 an zwei Frankfurter Schulen für Lernbehinderte, bald auch in leitenden Funktionen. »Sport war schon im Studium mein Fach«, berichtet Burk von sportlichen Wettkämpfen, die er für Förderschüler entwickelte, von Bewegungsevents und von Stadtläufen für den guten Zweck mit über 10 000 Teilnehmern.

Als Gottlieb Burk vor 20 Jahren als Rektor an die Heinrich-Kielhorn-Schule für Lernhilfe Wehrheim ging, führte er mit seinem Kollegium auch hier junge Menschen mit Förderbedarf, denen man das vorher nicht zugetraut hätte, zum Schulabschluss.

Modellregion entwickelt

In die Wehrheimer Zeit fielen auch die Anfänge inklusiver Bildung. Der Schulamtsbezirk Hochtaunuskreis/Wetterau wurde Modellregion und Gottlieb Burk wechselte 2012 als Rektor an die Gabriel-Biel-Schule für Schüler mit dem Förderbedarf Lernen und emotionale und soziale Entwicklung in Butzbach.

Das Projekt sah vor, alle 160 Schüler binnen vier Jahren (2014-2018) auf die Regelschulen zurückzuführen und die Schule zu einem der fünf regionalen Beratungs- und Förderzentren (rBFZ) in der Modellregion zu entwickeln. Das habe man gemeinsam ganz gut hingekriegt, ist Burk heute mehr denn je überzeugt vom inklusiven Bildungsansatz.

Wetterauer Projekt soll helfen

Gleichwohl soll es »keine Schule ohne Schüler mehr geben«, sodass auch die Gabriel-Biel-Schule jetzt wieder vereinzelte Schüler aufnimmt. Für »Extremfälle, die durch alle Raster fallen und kaum mehr zur Schule gehen«, entwickle man im Projekt »My Way Wetterau« individuelle, auch mal unorthodoxe Angebote, erklärt Burk.

Der Übergang von der Schule zum Beruf liege ihm besonders am Herzen. Am Ende wird er wesentlich dazu beigetragen haben, inklusive Bildung in der ehemaligen Modellregion zu konsolidieren. Butzbach bleibt dann eins von drei statt bisher fünf BFZ im Wetteraukreis.

Nachhaltige Zusammenarbeit

Als besonders nachhaltig schätzt Burk die Zusammenarbeit seines Kollegiums mit den umliegenden Schulen und bis hinein in die Kindergärten ein, um »von Anfang an auf jedes Kind ein Auge haben zu können«.

Neben den Butzbacher und Wölfersheimer Schulen gehören die Grundschulen in Rockenberg, Münzenberg, Steinfurth, Nieder-Mörlen und in Burks Heimatgemeinde Ober-Mörlen zum Einzugsbereich seines BFZ.

Das Dorf werde sich darauf einstellen können, dass er nach der Pensionierung seinen politischen Steckenpferden noch mehr Zeit schenken werde, stellt Gottlieb Burk in Aussicht - und denkt dabei unter anderem an den Seniorenbeirat, dessen Gründungsmitglied der Christdemokrat ist.

Inklusive Bildung

Seit den 90er Jahren nahmen die Bestrebungen zu, Förderschullehrer in die Regelschulen zu schicken. Maßnahmen des Gemeinsamen Unterrichts (GU), Kleinklassen für Erziehungshilfe und Sprache wurden in den Regelschulen eingerichtet.

Die Aufgabenbereiche der Sonderschulen wurden durch präventive Beratungs- und Förderaufgaben erweitert. Mit Stärkung der Elternrechte bei der Entscheidung für eine Schulform wurde der Prozess von der zunächst integrativen hin zur heutigen inklusiven Schule eingeleitet.

Spätestens mit Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention und der Neuformulierung des Schulgesetzes setzte sich der Paradigmenwechsel fort.

Danach ist laut Hessischem Schulgesetz die Aufgabe der allgemeinen Schule, sich so zu organisieren, dass »die gemeinsame Erziehung und das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler in einem möglichst hohen Maß verwirklicht wird.«

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