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Das ist das Wichtigste bei der Arbeit von (v. l.) Jonathan Frank, Martina Schneider und Guido Krendl - das Wohl der Kinder.

Kinder- und Jugendhilfezentrum

Im Haus Waldfrieden in Butzbach leben »coole Kinder mit schlechten Erlebnissen«

  • VonHarald Schuchardt
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Im Haus Waldfrieden in Butzbach leben »coole Kinder mit schlechten Erlebnissen«. In vier Wohngruppen werden die Kinder betreut, denen ein geregelter Tagesablauf oft ebenso fremd war wie das Gefühl, behütet zu sein.

Vor gut einem Jahr ist die 13 Jahre alte Daniela zusammen mit ihren fünf Geschwistern ins Haus Waldfrieden gekommen. Das Kinder- und Jugendhilfezentrum der Mission Leben liegt in einem parkähnlichen Areal etwas außerhalb der Schrenzerstadt.

Warum die Kinder nicht mehr bei ihrer Mutter leben, darüber möchte Daniela nicht sprechen, aber eins ist der 13-Jährigen wichtig: »Es gefällt mir richtig gut hier«, sagt sie und lacht gemeinsam mit ihrer Freundin Lara los. Die 12-Jährige lebt schon seit vier Jahren in der Einrichtung, und sie hat schon jetzt einen konkreten Berufswunsch: »Ich will Krankenschwester werden.«

Die beiden Mädchen besuchen - wie die meisten anderen schulpflichtigen Kinder im Haus Waldfrieden - die Schrenzerschule. Sie leben in einer der vier Wohngruppen, in der in der Regel neun Kinder betreut werden.

»Manchmal sind es auch zehn«, sagt Jonathan Frank, Leiter der roten Gruppe, in der er zusammen mit vier weiteren pädagogischen Fachkräften die Kinder rund um die Uhr betreut. Auch eine Psychologin steht im Bedarfsfall zur Verfügung. »Wir betreuen hier coole Kinder, die schlechte Erlebnisse hatten«, bringt es der 34-Jährige auf den Punkt, der schon seit elf Jahren im Haus Waldfrieden tätig ist.

Bevor Frank die Gruppenleitung übernahm, war er in der Inobhutnahme tätig. Betreut werden hier bis zu sieben Kinder, die meist nach einem akuten Vorfall in der Familie, durch den Entscheid des zuständigen Amtes, kurzfristig untergebracht werden müssen. »Diese Kinder sind in einer akuten Ausnahmesituation, wenn sie zu uns gebracht werden - oft von der Polizei«, sagt Guido Krendl. Er ist der Bereichsleiter Heimerziehung und seit 25 Jahren in der Einrichtung tätig.

In einer Tagesgruppe werden weitere 15 Kinder betreut, und es gibt die Familienhilfe, die Kinder und Eltern unterstützt. Für Krendl und alle anderen gut 100 Mitarbeiter steht das Wohl der Kinder an erster Stelle. Dass sich die Kinder im Haus Waldfrieden wohlfühlen, wird beim WZ-Besuch deutlich. Es wird viel gelacht und sich untereinander geholfen. Ein Junge aus der roten Gruppe erlaubt sogar einen Blick in sein Zimmer, das er sich mit einem Freund teilt. »Aber keine Fotos, es ist so unordentlich«, bittet der Junge.

»Die beiden wollten zusammen wohnen. In der Regel hat jedes Kind ein Zimmer für sich«, erklärt Frank, in dessen Gruppe derzeit neun Kinder zwischen neun und 15 Jahren aus dem Rhein-Main-Gebiet, dem Großraum Gießen und dem Wetteraukreis leben. »Die jüngste war fünf, der älteste sogar 23, er war geistig beeinträchtigt und wollte bei uns bleiben.« Ab dem 19. Lebensjahr können die Jugendlichen einen Antrag stellen, wenn sie in der Gruppe bleiben wollen.

»Das kommt immer wieder mal vor«, sagt Martina Schneider, seit 15 Monaten Leiterin der Einrichtung. »Ich finde es gut, dass wir hier so eine große Gemeinschaft sind.«

Ziel ist es, den Kindern in der Gemeinschaft Sicherheit zu geben und dass sie einen strukturierten Tagesablauf erlernen. Frank: »Sie müssen Regeln lernen, die es vorher für sie nie gegeben hat.« Die Wohngruppe soll für die oft traumatisierten Kinder ein zweites Zuhause auf Zeit sein. »Niemandem kann man seine Kindheit ganz wiedergeben, aber wir versuchen es.«

Fast alle sind in Vereinen aktiv

Um Selbständigkeit zu erlernen, kocht die Gruppe an den Wochenenden selbst, die Älteren erstellen Einkaufslisten und kaufen selbstständig ein. Wichtig ist den Betreuern auch der Kontakt nach »draußen«. Fast alle Kinder sind in einem Butzbacher Verein aktiv. Ein Junge ist sogar Kapitän seiner Fußballmannschaft.

Durch die Coronazeit ist das Haus Waldfrieden gut gekommen. An bis zu fünf PCs und Laptops ist das Home-Schooling organisiert worden. Das Erstaunliche: Im Schnitt verbesserten die Kinder und Jugendlichen ihre Noten. »Es war eine anstrengende Zeit«, blickt Frank zurück.

Jährlicher Höhepunkt sind die gemeinsamen Urlaube. Die rote Gruppe war vor Corona in Kroatien, in diesem Sommer bei Berlin. Viele Ehemalige besuchen noch nach Jahren die Einrichtung, die sich aktuell mit einem Kunstprojekt für den Elisabethpreis der Liga der Freien Wohlfahrtspflege beworben hat (Bericht folgt).

Mission Leben

Das diakonische und gemeinnützige Unternehmen Mission Leben unterstützt Menschen, die aufgrund von Alter, Behinderung oder sozialer Notlage Hilfe brauchen. Ferner werden Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen sowie minderjährige unbegleitete Flüchtlinge betreut. An 19 Standorten in Hessen und Rheinland-Pfalz, darunter Friedberg und Gedern, arbeiten rund 1800 Mitarbeiter in über 40 Einrichtungen. An der Akademie für Pflege- und Sozialberufe erlernen jährlich rund 1000 Menschen einen sozialen Beruf oder bilden sich weiter.

Die parkähnliche Umgebung von Haus Waldfrieden hilft dabei, zur Ruhe zu kommen.

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