Hessnatur: "Nicht klar definiert, was rechtzeitig ist"

Butzbach/Gießen (lk). "Wer auch immer Hessnatur gekauft hat, hat sich bisher mit allem ausgezeichnet, aber nicht mit Transparenz", sagte Walter Strasheim-Weitz kurz nachdem die Richter des Gießener Arbeitsgerichts das Verfahren eingestellt hatten.

Strasheim-Weitz, Betriebsratschef des Naturmodeunternehmens, war vor Gericht gezogen, weil der Wirtschaftsausschuss seiner Ansicht nach weder ausreichend noch rechtzeitig über den Verkauf an das Schweizer Finanzunternehmen Capvis informiert worden sei. Capvis hatte zu Wochenbeginn mitgeteilt, alleiniger Eigentümer der Hessnatur-Textilien GmbH zu sein (die WZ berichtete). Die Genossenschaft hnGeno, bestehend aus Belegschaft und Kunden, hatte ebenfalls Interesse am Kauf des Öko-Handelshauses bekundet.

Der Verteidiger des Antragsgegners betonte, er werde gegenüber den juristischen Verantwortlichen der Capvisgruppe und der bisherigen Gesellschafterin von Hessnatur darauf hinwirken, dass diese dem Wirtschaftsausschuss kurzfristig Informationen über den Verkauf der Gesellschaftsanteile zukommen lasse. Betriebsrat und Wirtschaftsausschuss des Ökomode-Unternehmens können also noch auf Aufklärung hoffen.

Momentan herrscht in einigen Punkten Uneinigkeit. Jürgen Schreiber, der die Interessen des Betriebsrats vertritt, wies das Gericht gestern auf eine bestehende Betriebsvereinbarung hin. Die besage, dass der Wirtschaftsausschuss bei einem Angebot, das für verhandelbar gehalten werde, zu unterrichten sei. Das sei zwar geschehen, allerdings nicht rechtzeitig, sondern erst wenige Stunden vor dem Gespräch zwischen dem Betriebsrat und Capvis-Verantwortlichen.

Und das sei nicht der einzige Verstoß gegen die Vereinbarung: Dem Wirtschaftsausschuss seien auch falsche Informationen mitgeteilt worden, nämlich, dass Capvis eine Schweizer Gesellschaft sei. Tatsächlich habe Capvis seinen Hauptsitz aber auf der Insel Jersey. Es sei unklar, wer sich dahinter verberge. "Rein vorsorglich bestreite ich, dass es einen Käufer und einen Kaufvertrag gibt", sagte Schreiber.

Der Verteidiger von Hessnatur- Geschäftsführer und Antragsgegner Wolf Lüdge beanstandete hingegen, dass die einstweilige Verfügung des Betriebsrats gegen den Falschen gerichtet sei. Denn die Hessnatur GmbH könne nicht über Anteile verfügen, sondern nur die Anteilseigner. Zudem sei der Wirtschaftsausschuss über den Verkauf informiert worden, was rechtzeitig sei, das sei nicht klar bestimmt.

Der Verkauf des Öko-Handelshauses sei "in trockenen Tüchern. Im Handelsregister ist laut Amtsgericht Friedberg seit Dienstag als alleinige Gesellschafterin die Hamburger Highrise GmbH eingetragen, deren Beziehung zu Capvis zunächst unklar blieb.

Der Betriebsrat wolle seine Arbeit unverändert fortführen, sagte Strasheim-Weitz nach der Verhandlung. Man sei von "diesem sogenannten Verkauf" überrascht worden. "Wir sind bis dahin nicht informiert worden", so der Betriebsrats-Chef, der die Verhandlung trotz Verfahrenseinstellung positiv einschätzte: Zum ersten Mal habe man Dinge gesehen und gehört, "die man uns hätte geben müssen, und die man uns nicht gegeben hat", sagte Strasheim-Weitz, er sehe sich als moralischen Sieger.

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