Die Gesichte der Butzbacher Fachwerkbauten

Butzbach (bd). Die alten Fachwerkbauten rund um den Marktplatz waren kürzlich Thema einer Stadtführung mit Gail Schunk-Larrabee. Hatten sich zum Abmarsch rund ein Dutzend Personen eingefunden, so waren es nach anderthalb Stunden doppelt so viele.

Die Tour führte durch die Griedeler Straße, über den Kirchplatz, durch die Kugelherrenstraße über die Korngasse hinweg durch das Apothekergässchen, ein paar Schritte die Wetzlarer Straße hoch, dann durch die Neugasse die Stadtmauer entlang, links hinab in die Guldengasse und schließlich in die Rossbrunnenstraße.

In eineinhalb Stunden erzählte die aus Amerika stammende und in Butzbach längst heimisch gewordene Stadtführerin gut gelaunt und kenntnisreich ihren Zuhören eine ganze Menge über die wichtigsten und schönsten Fachwerkhäuser, darunter die "Alte Post", das "Wagnersche Haus", das Rathaus, Haus Buff in der Griedeler Straße und das stark mittelalterlich geprägte Ackerbürgerhaus am Kirchplatz sowie das ehemalige Gebäude des 1468 gegründeten Kugelhauses.

Gail Schunk-Larrabee wusste eine Menge zu erzählen aus der Butzbacher Geschichte im Allgemeinen und von der des heimischen Fachwerks im Speziellen - über die Art des Verputzes etwa, die verwendeten Hölzer, die Gestaltung der Gefache, die Neigung der Dächer, die Haustüren, die vielen Umbauten, die im Laufe der Jahrhunderte vorgenommen wurden oder die Geschichten der Bewohner. Auch über die komplizierten Nachbarschaftsrechte, etwa das Lichtrecht und das Winkelrecht, berichtete die Stadtführerin.

Eine Besonderheit aus dem Jahre 1820 gab sie mit Schmunzeln zum Besten. Damals habe es die Maßgabe gegeben, dass ein ins Nachbarhaus ragender Wandschrank in der Außenwand eines Hauses dem Eigentümer ein Mitspracherecht bei der Gestaltung des Nachbarhauses garantiere. "Also versuchte jeder, einen solchen Wandschrank in seine Außenwände zu setzen, sobald sich die Möglichkeit ergab, in ein Nachbargebäude hineinzubauen", erklärte Schunk-Larrabee.

Anders als das mächtige Rathaus von 1560, das von dem in Griedel ansässigen Baumeister Johann Nebel und einer Handvoll weiterer Zimmermannsmeister errichtet worden sei, würden die meisten anderen und weniger repräsentativen Fachwerkhäuser ihre Entstehung dem Meister "Eigenbau" verdanken. Weil früher Zimmermannsleute in Butzbach meist sehr rar gewesen seien, habe sich die Bautätigkeit auf den Feierabend und das Wochenende beschränkt. Weil es Architekten zu damaligen Zeiten im Ackerbürgerstädtchen kaum gegeben habe, seien die Fachwerkhäuser oft nach dem Prinzip "Pi mal Daumen" entstanden. Und oft habe der Butzbacher Wald auch nicht genügend Holz geliefert, so dass sich mancher das Baumaterial illegal besorgt habe. In den Butzbacher Archiven fände sich so manche Geschichte darüber.

Viele Fachwerkbauten hätten nicht nur als Wohngebäude, sondern auch als Fruchtspeicher oder Werkstätten gedient. In ihnen sei auch Platz für Nutztiere oder Gasträume gewesen. Das Leben im alten Butzbach habe sich dicht an dicht und in aller Öffentlichkeit abgespielt. Viele Kinder habe es gegeben, jeder Fleck sei genutzt worden, man habe von früh bis spät gearbeitet.

Zum Schluss lobte die Stadtführerin den Fachwerkbau an sich. Dank seiner vielen Balken sei er stabiler als ein reiner Steinbau. Die künstlerische Ausgestaltung der Butzbacher Fachwerkhäuser sei - je nach Reichtum seiner Erbauer und der Entstehungszeit - sehr unterschiedlich ausgeprägt. Es finde sich in jedem Haus eine besondere Anordnung tragender und aussteifender Balken. Recht oft treffe man auf zusätzlich eingefügte, statisch nicht bedeutsame Hölzer als Schmuckelemente. Interessant sei auch die unterschiedliche farbliche Fassung der Gefache oder die Anordnung der Fenster.

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