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Eine grandiose Aufführung

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Von: Hanna von Prosch

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Bewegend in heutiger Zeit: Großartig interpretieren der Konzertchor Butzbach und Mitglieder des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar unter der Leitung von Andreas Ziegler, Mendelssohns Oratorium »Elias«. © Hanna von Prosch

Butzbach. Es hat lange gedauert, bis große Chorkonzerte nun wieder möglich sind. Am Sonntag füllte der Butzbacher Konzertchor unter der Leitung von Andreas Ziegler die St.-Gottfried-Kirche. Mit Mendelssohns monumentalem Oratorium »Elias« beglückten sie das Publikum. Ein Werk, das aktueller war, denn ja.

Wie muss es einem Dirigenten gehen, der monatelang unter eingeschränkten Bedingungen mit einem 60 Personen starken Chor geprobt hat, Solisten verpflichtet und das Orchester eingeschworen hat - und dann fallen am Vorabend und dem Konzerttag plötzlich zwei Solisten aus?

Kräftiger Bass, klarer Tenor

»Andreas Ziegler hat unerschütterlich die Ruhe bewahrt«, bestätigte vor Beginn des Konzertes ein Chormitglied und gab die Neubesetzung bekannt: Sigrun Haaser sprang für Sopranistin Nicole Tamburro ein und Andreas Czerney sang die Hauptpartie des Elias anstatt von Stefan Grunwald. Elias, der alttestamentarische Prophet, war für den zum evangelischen Glauben konvertierten Juden Felix Mendelssohn Bartholdy eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen religiösen Vergangenheit. Zehn Jahre beschäftigte er sich mit dem Stoff, verwarf Ideen, feilte. Die Größe des Werks, die Intensität der musikalischen Textumsetzung, der Diskurs, den es immer wieder aufwirft, fasziniert Zuhörende wie Sängerinnen und Sänger. Es ist ein schweres Werk, für alle Beteiligten herausfordernd mit zwei Stunden Länge. Am Sonntag hat es das Publikum begeistert, berührt, erfüllt.

Die Trockenheit des Sommers, Erfahrung von Krieg und Not, Durst und Hunger - »Herr, hilf!«, Zweifel und Verzweiflung und doch wieder Hoffnung und Vertrauen in Gott, das ist nicht vor Jahrtausenden geschehen, das ist jetzt und hier in dieser Welt. Vielleicht war man deshalb sofort eingenommen von der eindringlichen Interpretation des Elias, wie sie Andreas Czerney in die Gesichter der Menschen vor ihm hinein sang.

Zu dem kräftigen Bassbariton fügte sich feinfühlend der kristallklare, hohe Tenor von Fabian Strotmann in der Rolle des Obadjah und in Arien. Weich und natürlich die Altstimme der engelsgleichen Anne Christin Weisel. Ihren ersten öffentlichen Auftritt hatte Thalia Riemer mit jugendlichen glockenhellen Sopran.

Für den Chor ist der »Elias« eine ständige Herausforderung. Tonart- und Tempowechsel, dynamische Kontraste, Wortinterpretation vom höchsten Notschrei »Baal erhöre uns« bis zum aufgewühlten Volk »Ziehet ihn, greifet ihn, tötet ihn.« Und dann wieder dieser tiefe Glauben, choralhaft oder himmlisch romantisch im Doppelquartett »Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen«.

Ziegler, der evangelische Theologie studierte und sowohl als Schulmusiker wie als Kirchenmusiker wirkt, hat es verstanden, die ganze Bandbreite der Empfindungen dem Chor ins Herz zu legen. Und die klaren, schönen Stimmen sangen sie in die Herzen der Zuhörenden.

In diese Harmonie konnte sich Sopranistin Haaser mit ihrer in den Höhen mitunter schrillen Stimme nur sehr selten einfügen und war in ihrer Aussprache kaum verständlich. Als verzweifelt flehende Witwe: »Helft meinem Sohn, es ist kein Odem mehr in ihm«, vermisste man die Empathie, ebenso das Vertrauensvolle in den Worten: »Weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich.«

Großes Lob für Junge Sinfonie

Große Anerkennung gebührt den 21 Musikerinnen und Musikern der Jungen Sinfonie Wetzlar mit Konzertmeisterin Ariane Köster. Was bei der Uraufführung mit großem Orchester und 271 Sängern imponierte, verlor mit dem auch aus Platzgründen reduziertem Ensemble keineswegs an Kraft.

Bis zuletzt bewahrten sie, ebenso wie der Chor, wache Präsenz, Sicherheit und sauberen Ton. Es mag auch die gute Akustik gewesen sein, die das Ganze zu einem fantastischen Klanggemälde einte.

Doch in erster Linie war es der Inhalt, der mitreißend umgesetzt und unter der souveränen Führung von Ziegler aus einem Konzert ein ergreifendes Erlebnis machte. Noch waren seine Hände nach dem Schlusschor nicht gesenkt, als der Applaus losbrauste und lange stehend andauerte. Hanna von Prosch

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