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So sieht einer der tonnenschweren Apparate von innen aus, die die Butzbacher Firma Buss-SMS-Canzler herstellt. Jeder von ihnen ist genau auf die Anforderungen des Kunden zugeschnitten. Kaum eine Maschine gleicht der anderen.

Seit 100 Jahren

Buss-SMS-Canzler GmbH: Aus Butzbach in die ganze Welt

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Die Auftragsbücher der Buss-SMS-Canzler GmbH sind voll. Es ist ein Rekordjahr für die Butzbacher Firma, die nun seit 100 Jahren besteht.

Zugegeben, im Alltag werden die Maschinen der Buss-SMS-Canzler GmbH noch nicht vielen begegnet sein. Trotzdem produziert jeder täglich etwas, wofür sie gebraucht werden: Etwa beim Betätigen der Klospülung oder dem Abwaschen von dreckigem Geschirr. Das Abwasser wird in Kläranlagen gereinigt. Dabei bleibt Klärschlamm zurück, eine Mischung aus Feststoffen und Wasser. Die Kläranlagen müssen den Klärschlamm entsorgen. Der ist zum Verbrennen aber meist zu nass. Mit Hilfe der Maschinen aus Butzbach kann er getrocknet werden.

Auch Kunststoffe, Emulgatoren oder Biodiesel werden darin verarbeitet. Dabei geht es immer um die Trennung von Stoffgemischen, die flüssig oder zähflüssig sind. Im Fachjargon heißt das dann "thermische Aufkonzentrierung schwer handhabbarer Stoffgemische". Das Butzbacher Unternehmen ist Weltmarktführer in diesem Bereich.

Buss-SMS-Canzler GmbH in Butzbach: Büro in Japan

Klingt kompliziert, deshalb ein weiteres Beispiel aus dem Alltag: Zur Nahrungergänzung werden oft Omega 3-Fettsäure-Kapseln eingenommen. Mit Hilfe der Anlagen von Buss-SMS-Canzler werden diese Fettsäuren konzentriert, um dann in der Kapsel verabreicht zu werden. "Unser Hauptkunde ist die Chemiebranche", sagt Stefan Fischer, Mitglied der Geschäftsleitung. Namenhafte Kunden seien zum Beispiel Bayer oder BASF. "Sie kommen mit einem Problem - sprich einem Stoffgemisch, das zu trennen ist - zu uns, wir liefern eine Lösung", sagt Fischer.

40 bis 50 der bis zu 150 Tonnen schweren, zylinderförmigen Maschinen verlassen pro Jahr das Gelände in Butzbach. "Vom ersten Kundenkontakt bis zum Auftragserhalt kann es mehrere Jahre dauern", sagt Fischer. "So eine Anlage entsteht nicht von heute auf morgen und ist immer maßgeschneidert." Neben maschinellen Produktionsprozessen sei auch handwerkliches Können gefragt.

Ein Großteil der Maschinen wird exportiert. Die Kunden kommen aus Europa, Asien oder Amerika - sprich aus der ganzen Welt. Seit kurzem hat die Firma neben den Standorten Butzbach, Düren und Pratteln (Schweiz) sogar ein Büro in Japan - um den Vertrieb dort zu erleichtern. Der größte Auftrag der Geschichte kam vor Kurzem aus China: Es handelt sich um Maschinen für eine Klärschlammtrocknungsanlage in Shanghai. Im asiatischen Raum sei noch viel Aufholbedarf bei der Abfallbeseitigung, sagt Fischer. Gleichzeitig falle aufgrund der großen Bevölkerungszahl viel Müll und Abwasser an.

Rund 190 Mitarbeiter arbeiten in Butzbach, davon neun Azubis. Nachwuchs zu fördern sei wichtig, sagt Fischer. "Immer mehr ältere Mitarbeiter gehen in den Ruhestand, gleichzeitig wird es besonders in der Fertigung schwieriger, junge Menschen zu gewinnen." Umso wichtiger sei es, eigenen Nachwuchs auszubilden und zu fördern.

Buss-SMS-Canzler GmbH: Krisen gemeistert

Das Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. In dieser Zeit hat es einige Umbrüche gegeben. Doch die Kernkompetenz sei immer der anspruchsvolle Apparatebau und seit den 1950er Jahren die thermische Verfahrenstechnik gewesen, sagt Fischer. Er ist seit 1995 dabei und hat schon einiges miterlebt - auch Krisen. "1996 mussten wir rund ein Drittel aller Beschäftigten entlassen." Die Auftragslage sei bis heute stark schwankend. Jeder Kunde müsse neu gewonnen werden. "Wir betreiben keine Massenproduktion, sondern Einzelauftragsfertigung", sagt Fischer. Auch die Mitarbeiter müssten flexibel sein und sich immer neuen Anforderungen stellen.

"Über die Jahrzehnte sind immer wieder Geschäftsfelder weggebrochen, daher sind wir ständig auf der Suche nach neuen Nischen und Alleinstellungsmerkmalen", sagt Fischer. "Sonst hängt uns die internationale Konkurrenz ab." Die Firma entwickle sich deshalb immer weiter - auch nach 100 Jahren noch.

Die Geschichte hinter dem Namen Buss-SMS-Canzler

Es ist das Jahr 1919. Deutschland hat den ersten Weltkrieg verloren. Richard Samesreuther, ein 38-jähriger Kriegsheimkehrer, wagt die Gründung der Samesreuther & Co. OHG in Butzbach. Sie wird am 9. April 1919 im Handelsregister des Hessischen Amtsgerichts in Butzbach eingetragen. Obwohl er auf fremdes Geld angewiesen ist und die wirtschaftlichen Bedingungen nicht gut sind glaubte Samesreuther an sich und seine Mitarbeiter. So übersteht das Unternehmen auch schwere Zeiten mit zwei Wirtschaftskrisen, zwei Währungsreformen, dem Zerfall der Weimarer Republik und dem Zweiten Weltkrieg. In 1964 übernimmt der neue Mehrheitsgesellschafter - die Müller-Schuss KG - das Unternehmen. Es wird in die neue Unternehmensgruppe Samesreuther Müller Schuss GmbH (SMS) eingegliedert. Später geht die Führung nacheinander an zwei Schweizer Industriekonzernen: Zunächst an die Luwa AG in 1972, wodurch die Luwa-SMS GmbH entsteht. Danach, in 1983, an die Buss AG, wodurch die Buss-SMS GmbH entsteht. In 1998 folgt die Übernahme durch die US-amerikanische UPE Inc. Schließlich wird das Unternehmen 2003 vom eigenen Management übernommen. Im gleichen Jahr übernimmt die Buss-SMS GmbH die Thermische Trenntechnik der Canzler GmbH. So erklärt sich der heutige Unternehmensname Buss-SMS-Canzler GmbH.

Am Samstag, 15. Juni, feiert Buss-SMS-Canzler ein Jubiläumsfest mit Beschäftigten, Rentnern und deren Angehörigen.

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