Hilfsorganisation

Butzbacher baut ein Dorf aus Plastik

  • schließen

Ein Team aus jungen Leuten will in Sumatra das erste Dorf aus Müll bauen. Der Butzbacher Erich Stieb ist einer davon.

Sechsmal 1,5 Liter. Ein Sechserpack Wasser, ummantelt mit Folie, ist für uns Deutsche nichts Ungewöhnliches. Wir kaufen ihn, wir trinken die Flaschen leer, geben sie zurück, bekommen 25 Cent, und das Spiel geht von neuem los. Pfand – für uns selbstverständlich – ist in vielen Entwicklungsländern ein Fremdwort. Begriffe wie Mülltrennung oder Plastikvermeidung auch.

"Es ist einfach krass, wenn man bedenkt, dass wir hier in Deutschland auf Kosten anderer leben. Dass wir hier so leben, als hätten wir noch irgendwo einen Joker. Als könnten wir irgendwann auf einen anderen Planeten auswandern. Das ist Schwachsinn!" Der Butzbacher Erich Stieb setzt einen Großteil seiner Zeit dafür ein, hinter anderen aufzuräumen. Nicht in Deutschland, aber in Sumatra. Dort, wo auch der Müll aus Europa, aus Deutschland landet. Seit Mitte März agiert er offiziell im Namen von "Project Wings", einer Hilfsorganisation, die er zusammen mit drei Kollegen vor circa sechs Monaten auf die Beine gestellt hat.

Bausteine aus Müll

In Bukit Lawang, einem Dorf auf der indonesischen Insel Sumatra, entsteht aktuell mit sechs einheimischen Kooperationspartnern auf der Größe von einem Hektar das erste Dorf komplett aus Müll. Die Gebäude dort werden zum größten Teil aus sogenannten "Ecobricks" gebaut – Plastikflaschen, gefüllt mit zerkleinertem Plastik. Diese Müll-Bausteine werden zusammen mit Bambusstangen zur Stabilisation mit Putz vermauert. Allein in dem Dorf werden auf diese Weise mehr als 250 Tonnen Plastikmüll sinnvoll wiederaufbereitet. Dafür wurde eine Art Pfandsystem für die Einheimischen eingeführt: Im Tausch für einen "Ecobrick" bekommen sie umgerechnet 29 Cent.

Um noch mehr Müll sinnvoll wiederzuverwenden, hat das Team außerdem eine Maschine gebaut, mit der aus dem alten Stoff etwas ganz neues gemacht werden kann. Plastik wird dabei zunächst geschreddert, dann eingeschmolzen und zu neuen Formen gegossen. So entstehen zum Beispiel Teller oder Blumenvasen. "Project Wings" stellt sich damit nicht nur der Vermüllung, sondern klärt auch auf und bietet Hilfe zur Selbsthilfe.

Bei seiner Arbeit mit "Project Wings" greift der Butzbacher vor allem auf langjährige Erfahrung mit verschiedenen Hilfsorganisationen zurück. Dabei lernte er auch seine jetzigen Teammitglieder kennen. Was er in diesen Jahren feststellen musste, ist, dass das Vertrauen in Hilfsorganisationen stetig abnimmt. "Das Problem ist die fehlende Nähe, der Bezug", sagt Stieb. Sein Team geht darum anders vor. Sie wollen die Menschen an ihren Projekten teilhaben lassen und Einblicke in Probleme der Umwelt bieten, nah bei den Förderern sein und Vertrauen schaffen. Transparent, volksnah, ehrlich und effizient. Regelmäßig stehen darum die Gründer selbst an Informationsständen in Städten deutschlandweit. "Wir wollen zeigen, dass helfen Spaß macht!"

Wenn man das Leid dort einmal mit eigenen Augen gesehen hat, verändert das einen

Erich Stieb

Dass er irgendwann einmal Mitbegründer einer Hilfsorganisation sein würde, damit hätte Erich Stieb vor wenigen Jahren noch nicht gerechnet. Im Betrieb seines Großvaters lernte er Dachdecker, wusste lange nicht, wo die Reise hingeht. "Ich habe immer schon darauf geachtet, was ich konsumiere, habe gespendet und versucht, nachhaltig zu leben. Wirklich gerissen habe ich aber nie was", erzählt der 27-Jährige. Reisen zu Projekten, u.a. in Kenia, gaben ihm den Anstoß: "Wenn man das Leid dort einmal mit eigenen Augen gesehen hat, verändert das einen." Er überdachte sein eigenes Konsumverhalten und befand, dass es an der Zeit war, etwas zu ändern. Etwas zu bewirken, aktiv zu werden. "Mit 70 Jahren will ich auf mein Leben zurückblicken können und sagen: ›Du hast alles gegeben, was du konntest.‹"

Dass den großen Müllverursachern dieser Welt nur einige wenige Helden gegenüberstehen, ist ihm bewusst. Trotzdem: "Ich denke schon, dass ich die Welt verändern kann", sagt Stieb ernst. "Ich will motivieren, aufmerksam machen. Und das Projekt macht die Leute hellhörig." Stieb und sein Team wollen nicht die größte Organisation der Welt werden, sie wollen den Stein lediglich ins Rollen bringen. Dass auch eine einzelne Person etwas bewirken kann, beweist aktuell Greta Thunberg mit "Fridays for Future". Wie eine Welle schwappte ihr Protest über den ganzen Globus. "Das ist es, was ich will", sagt Stieb. Seine Augen leuchten.

Schnelle Verbreitung via Social Media

Dabei kommt dem Team der Trend zur Nachhaltigkeit in den sozialen Medien zugute. "Instagram und Co. brennen aktuell. So verbreiten sich auch sinnvolle Geschichten rasend schnell." "Project Wings" setzt darum alles auf gute Werbung. Nicht nur mit Informationsständen, auch mit Werbeartikeln, deren Erlös direkt in das Projekt fließt. "Wir haben uns dabei bewusst gegen einen Online-Shop entschieden", erzählt der Butzbacher. "Der Verpackungsmüll, die Co2-Emissionen und der Versand sind das nicht wert." Der Plan ist, dass dafür bald in jeder Stadt mindestens ein Geschäft auch ihre Produkte anbietet. Eine Liste davon wird dann online unter www.project-wings.de veröffentlicht

Ob er auch mal resigniert? "Klar! Ich habe oft keine Lust mehr und stehe manchmal kurz vor dem Bourn-out." Motivation geben ihm seine Unterstützer. "Wenn man sieht, was unsere Arbeit den Menschen in Sumatra bedeutet, wird einem immer wieder bewusst, für wen man das alles auf sich nimmt!"

Info

Das "Plastik-Dorf"

Die einzelnen Stationen im "Plastik-Dorf" arbeiten eng zusammen. Im "Grünen Klassenzimmer" werden die Müll-Bausteine angenommen und verwaltet. Dort findet aber auch die Aufklärung der Jugendlichen statt. Diese geht fließend in die Arbeit auf "Ernas Bio-Farm" über. Sie lehrt nachhaltige Landwirtschaft, züchtet Stecklinge für die Aufforstung und liefert nachhaltige Lebensmittel für die Gemeinschaft. Im eigentlichen Dorf befinden sich Hostels und Restaurants – für circa 40 Personen –, die über Mülltrennung informieren und gleichzeitig organische Abfälle an "Ernas Bio-Farm" liefern. Eine heimische Umweltorganisation, die das Dorf verwaltet, klärt über Pflanzen- und Artenschutz auf und betreibt ein Rehabilitationszentrum für verletzte Tiere. Außerdem gibt es eine Medizinstation, die sich für den Erhalt der traditionellen Heilung einsetzt. (kge)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare