Als Mirwais Ekhlas 2015 nach Deutschland kam, faszinierte ihn nicht nur das Wetter, sondern auch die grüne Landschaft. Noch immer staunt er darüber, wie sauber es vor allem in den Parks ist. 	FOTO: KGE
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Als Mirwais Ekhlas 2015 nach Deutschland kam, faszinierte ihn nicht nur das Wetter, sondern auch die grüne Landschaft. Noch immer staunt er darüber, wie sauber es vor allem in den Parks ist.

Neue Heimat

Fünf Jahre nach der Flucht aus Afghanistan: Mirwais Ekhlas aus Butzbach hat es geschafft

  • vonKatharina Gerung
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Was bedeutet Heimat für einen Geflüchteten? Mirwais Ekhlas hat seine ganz eigene Definition davon. Er kam vor fünf Jahren aus Afghanistan, lebt mit seiner Familie inzwischen in Butzbach und erklärt, warum auch er Heimweh hat und wie Fußball dabei helfen kann.

Butzbach – Als Mirwais Ekhlas nach Deutschland kam, regnete es. Der 40-Jährige erinnert sich noch genau daran, wie feiner herbstlicher Niesel damals sein Gesicht benetzte. »Die Deutschen mögen dieses Wetter nicht besonders«, stellt er mit einem Grinsen fest. Auf ihn hat es seither jedoch eine besondere Wirkung. Anders als noch in Kabul, wo jedes Jahr Tausende an den Folgen der Luftverschmutzung sterben, sog Ekhlas an jenem Tag gierig die Luft seiner neuen Heimat ein. »Sie war so klar. So sauber«, sagt er nahezu sanft. Zum ersten Mal seit Wochen konnte er durchatmen. Er hatte es geschafft.

Das Wetter dieser Tage lässt den gebürtigen Afghanen häufiger an seine Ankunft im Jahr 2015 denken. Damals haben mehr als eine Million Geflüchtete Deutschland erreicht. Einer von ihnen war Ekhlas, der heute mit seiner Frau und zwei Töchtern in Butzbach lebt. Ekhlas wuchs im Krieg auf. Im Dezember 1979, wenige Monate vor seiner Geburt, marschierte die Rote Armee in Afghanistan ein - der Beginn einer zehnjährigen Besetzung, die etwa eine Million Afghanen das Leben kostete. Mit dem Abzug der Sowjetarmee 1989 schließlich brach der Bürgerkrieg aus. Ekhlas ist bereits 22 Jahre alt, als dieser endet.

Geflüchteter aus Butzbach: „Krieg hat mir zehn Jahre meines Lebens gestohlen“

»Manchmal sage ich, dass ich erst 30 bin«, scherzt Ekhlas, wird für die Erklärung aber wieder ernst: »Der Krieg hat mir zehn Jahre meines Lebens gestohlen.« Pläne schmieden, Zukunftsträume, Visionen - diese Dinge gehörten nie zu seinem Alltag, erzählt er: »In Afghanistan lebt man vom einen auf den nächsten Tag. Man weiß nie, was der Morgen bringt. Alles ist ungewiss, alles gefährlich.« Bevor Ekhlas und seine Frau sich dazu entschieden, das Land zu verlassen, habe er zeitweise mit der Bundeswehr zusammengearbeitet. Trupps geholfen, sicher von einem Camp ins nächste zu bringen. »Unschöne Dinge sind dabei passiert«, sagt er leise. »Ich wollte nicht, dass meine Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der Selbstmordattentäter zum Alltag gehören.«

Trotz der Dinge die er gesehen und der Erfahrungen die er gemacht hat, gesteht Ekhlas es sich zu, seine alte Heimat auch zu vermissen. »Natürlich habe ich Heimweh«, sagt er. Ihm fehlen nicht nur in Afghanistan verbliebene Freunde, alte Kollegen und Familie, sondern auch das Gefühl, als vollständiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu sein. Vor allem aber sehnt er sich danach, entsprechend seines Intellekts Gespräche führen zu können. Endlich wieder richtig verstanden zu werden.

Geflüchteter Maschinenbau-Ingenieur aus Butzbach berichtet: „Am Anfang hat mir keiner geglaubt“

Ob kulturelle Themen, politisches Zeitgeschehen oder philosophische Diskussionen: »Noch fehlen mir oft die Worte, um das, was ich sagen will, richtig mitzuteilen«, sagt Ekhlas. Für ihn ein Problem, denn er hat das Gefühl, dass sein mangelnder Wortschatz oft mit fehlender Bildung in Verbindung gebracht wird. Er nennt auch ein Beispiel: »Als ich am Anfang gesagt habe, dass ich als Maschinenbau-Ingenieur arbeiten will, hat mir keiner geglaubt, dass ich das kann«, sagt er. Dabei habe er studiert, einen guten Abschluss und lange als solcher gearbeitet.

Trotz der anfänglichen Hürden in den vergangenen fünf Jahren bezeichnet Ekhlas heute Butzbach als seine Heimat. »Hier sind meine Kinder, meine Familie«, sagt er. »Hier schlägt mein Herz.« Eine seiner Töchter wurde hier geboren, sie geht nun in den Kindergarten. Die andere geht zur Schule. Die Familie hat viele Freunde in der Nachbarschaft gefunden und trifft sich regelmäßig zum Abendessen - wenn Zeit ist. Denn beide Eltern sind berufstätig. Ekhlas pendelt jeden Tag nach Wiesbaden, wo er inzwischen wieder als mechanischer Ingenieur in einem größeren Unternehmen arbeitet.

Ein neues Leben in Deutschland

2015 und 2016 sind viele Menschen nach Europa geflüchtet. Auch in Deutschland sind viele von ihnen angekommen. Städte und Gemeinden haben entsprechend reagiert, Notunterkünfte wurden eingerichtet, Sprach- und Integrationskurse auf die Beine gestellt. Zahlreiche Menschen engagierten sich, gründeten Runde Tische. Seither hat sich viel getan. Viele Geflüchtete haben ein neues Leben in Deutschland begonnen, eine eigene Wohnung eingerichtet, eine Arbeit gefunden. In einer Artikel-Serie stellen wir Menschen vor, die hier vor fünf Jahren ein neues Leben begonnen haben und die von ihrer Zeit hier, ihren Erfahrungen und Eindrücken berichten.

Von Afghanistan nach Butzbach: „Uns geht es jetzt gut“

»Uns geht es jetzt gut«, sagt Ekhlas. »Wir führen ein ganz normales Leben.« Er verzichtet bewusst auf einen deutschen Bezug, denn für ihn gibt es keinen typisch Deutschen. Das hat er bereits früh für sich festgestellt. »Die Leute sind auf viele Weise gleich, und doch ist jeder ganz anders«, sagt er. Das fange beim kulturellen Hintergrund an und höre bei der politischen Ausrichtung auf. Was die Menschen hier teilt oder verbindet, sei vor allem die Leidenschaft für eine Sache. Er lacht plötzlich und hat noch ein Beispiel: »Es macht einen Unterschied, ob du Dortmund- oder Bayern-Fan bist. Bist du auch Fan, hast du einen Freund«, sagt er und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: »Oder einen Feind. Hier gibt es andere Kriege.«

Aus seiner alten Heimat kennt er diese Begeisterung für einen Club nicht. Doch wenn er mit seinen neuen Kollegen bei einem Bier ein Spiel verfolgt, fühlt es sich an wie zu Hause. Dann gehört man zusammen. Dann schlägt das Herz für die gleiche Sache, sagt er. Seine Definition von Heimat.

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