Die Regierung verbarrikadiert die Innenstadt von Beirut mit Beton, den Demonstranten mit Graffiti bemalen. Die Menschen im Libanon hoffen auf die Zukunft. Was sie dort, noch verborgen, erwartet, kann ihrer Meinung nach nur besser werden als ihr gegenwärtiges Leben. FOTOS: PV
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Die Regierung verbarrikadiert die Innenstadt von Beirut mit Beton, den Demonstranten mit Graffiti bemalen. Die Menschen im Libanon hoffen auf die Zukunft. Was sie dort, noch verborgen, erwartet, kann ihrer Meinung nach nur besser werden als ihr gegenwärtiges Leben. FOTOS: PV

Student berichtet

Von Butzbach nach Beirut: Zwischen Freiheit, Freude und Falafel

  • Dagmar Bertram
    vonDagmar Bertram
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Die Explosion im Hafen von Beirut hat große Teile der libanesischen Hauptstadt verwüstet. Vieles, was der Butzbacher Paul Schlag dort lieb gewonnen hat, gibt es nun nicht mehr.

Paul Schlag (27) ist in Butzbach aufgewachsen und hat in München, Bologna und Boston Wirtschaftsinformatik studiert. Für seine Masterarbeit beschäftigte er sich damit, wie syrische Geflüchtete im Libanon zu Unternehmern werden und sich trotz aller Widerstände eigene Geschäfte aufbauen. Vor allem beeindruckte ihn, wie eng die syrische Community im Libanon zusammenarbeitete und sich gegenseitig unterstützte - gerade in Zeiten der Revolution. Nach Abschluss seines Studiums arbeitet er nun in München. Hier ist sein Bericht zum Libanon:

Ich wohnte von Oktober 2019 bis März 2020 in Beirut, um zu syrischen Geflüchteten zu forschen, die sich dort selbstständig gemacht haben. In dieser Zeit lernte ich ein Land kennen, dessen Bewohner nach Freiheit von ihrer Regierung aus Warlords streben, eine immense Lebensfreude und Offenheit verspüren, und ein Land, das eine einzigartige natürliche Schönheit besitzt. Vor allem aber verspürte ich zu jeder Zeit Sicherheit und das Gefühl, willkommen zu sein.

Es ist schwer, den Libanon zu beschreiben. Deswegen hier eine Liste der Orte und Momente, die dieses Land für mich besonders machen:

Essen gratis:Das Restaurant "Split", das jeden Samstag alle Speisen umsonst anbietet, "um in einer kapitalistischen Welt einen nicht kapitalistischen Ort zu schaffen", wie Besitzer Mohamed Ali sagt. In einem Holzkohlegrill werden Hähnchen gebraten, und an den arabischen Kaffeekännchen aus Messing hängt noch Asche, weil sie neben dem Hähnchen im Ofen stehen.

Ganz ruhig:Die Stille über dem Panorama von Tripoli, die nur ab und zu von den Pfiffen der Taubenzüchter durchschnitten wird, die es seit Jahrhunderten in der Stadt gibt. Vor den schneebedeckten Bergen heben sich die Mauern der alten Festung ab, am Ufer liegen Schiffe im Hafen, die Wasserpfeifen und Tee anbieten.

Blick hinaus:Die gelben Fensterläden und die phönizischen Kacheln meiner Wohnung im Viertel Mar Mikhael, durch deren Fensterbögen man auf einen großen Baum schaut. Dahinter das Treiben auf der Armenia Street - mit mehr Bars und Restaurants, als ich besuchen konnte.

Auszeit im Schnee:Der Schnee beim Skifahren auf dem Libanongebirge und die gelb-violetten Retro-Schneeanzüge, die der lokale Verleih wohl seit Jahrzehnten an Beiruter vermietet, die sich am Wochenende eine Auszeit vom Stadtleben gönnen.

Unter Wölfen:Das Heulen der Wölfe nachts im Chouf-Gebirge, das einige Autostunden entfernt von Beirut klare Luft, Sternenhimmel und perfekte Orte bietet, um zu zelten.

Gedichte im Café:Die Kleinkunst-Nächte im Café "Riwaq", in dem junge Libanesen Gedichte vortragen und sich über Politik austauschen. Gegenüber liegt eine große Treppe, auf der man in der Abendsonne Schach spielen und ein kühles Bier der lokalen Marke Almaza genießen kann.

Rauch der Revolution:Der Rauch der brennenden Reifen, die abends in der Hochphase der Revolution alle Verkehrsadern in Beirut blockieren. Junge Leute schwenken libanesische Fahnen und fordern die Abschaffung des politischen Systems. Seit dem Ende des Bürgerkriegs teilt eine kleine Elite den Reichtum des Landes unter sich auf, während sich Infrastruktur und Lebensqualität der Libanesen immer weiter verschlechtern.

Baklava und "Ballroom":Schließlich die Dachterrasse meiner Wohnung, auf der wir tagsüber zwischen den Bettlaken der Nachbarn Baklava aßen und abends feierten, bis wir in den berühmten Club "Ballroom" weiterzogen. Vom Dach aus blickte man direkt auf den Hafen und die Halle, in der seit sechs Jahren das Ammoniumnitrat lagerte, das nun die Stadt verwüstet und das Land schockiert hat.

Für viele Libanesen war die Explosion der letzte Schlag, von dem sie sich nur schwer erholen werden. Die zerstörten Türen und Fenster einer Wohnung zu reparieren, kostet 200 Dollar. Die Abwertung des Libanesischen Pfund verneunfacht diesen Preis. Wegen der Beschränkungen des Bankensystems hatten Angestellte zudem seit Monaten kein Geld mehr auf die Bank gebracht und ihr Gehalt in bar in ihren Wohnung aufbewahrt. Nun liegt es unter Trümmern vergraben, und Normalverdiener sind darauf angewiesen, von humanitären Organisationen mit Essen versorgt zu werden.

Das Wappentier des Libanon ist der Phönix, da das Land sich Krise um Krise immer wieder von selbst aufgerichtet hat. Diesmal, sagen Freunde, werden sie das nicht mehr schaffen: "Wir sollten keine Hoffnung haben. Was wir haben sollten, ist Wut. Wut auf die Politiker, die unsere Stadt, unsere Freunde und alles, was wir geliebt haben, getötet haben." So beschreibt Wael, ein Freund aus Beirut, die Lage.

Es wird weitergehen im Libanon. Aber die gelben Fensterläden, die Bettlaken der Nachbarn auf dem Dach, die Fensterbögen mit Blick ins Grün - sie sind vorerst zerstört. Wie die Hoffnung der Libanesen auf Besserung in ihrem Land.

Zur Person

Paul Schlag (27) ist in Butzbach aufgewachsen und hat in München, Bologna und Boston Wirtschaftsinformatik studiert. Für seine Masterarbeit beschäftigte er sich damit, wie syrische Geflüchtete im Libanon zu Unternehmern werden und sich trotz aller Widerstände eigene Geschäfte aufbauen. Vor allem beeindruckte ihn, wie eng die syrische Community im Libanon zusammenarbeitete und sich gegenseitig unterstützte - gerade in Zeiten der Revolution. Nach Abschluss seines Studiums arbeitet er nun in München.

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