Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch mit PC.
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Normalerweise berät Annette Chrometz Unternehmen bei der Arbeitsplatzplanung. Seit Corona sind auch Privatkunden dazugekommen.

Corona-Pandemie

Arbeitsplatz-Expertin warnt vor Rückenschmerzen im Home-Office

  • VonLarissa Wolf
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  • Christine Steines
    Christine Steines
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Die Butzbacher Arbeitsplatz-Expertin Annette Chrometz erklärt, wie man den Rücken beim Sitzen entlasten kann. Vom Küchenstuhl im Büro rät sie ab.

Butzbach – Stundenlanges Sitzen vor dem PC, oft auf dem Küchenstuhl oder dem Sofa. Der eine hängt mit ausgestreckten Beinen fast unter dem Tisch, die andere thront mit baumelnden Füßen hoch über der Arbeitsfläche. Das Lümmeln im Homeoffice ist auf den ersten Blick gemütlich, doch bei längerem Hinschauen wird klar: Das hat Folgen für den Rücken.

Dabei plagen uns Rückenleiden ohnehin schon in erheblichem Maße: Einer Studie zufolge leiden 40 Prozent der Bevölkerung täglich unter Rückenschmerzen, 60 Prozent fallen wegen Rückenschmerzen einige Tage im Jahr am Arbeitsplatz aus, 80 Prozent klagen immer wieder über Beschwerden an der Wirbelsäule.

Butzbacher Expertin: Rückenschmerzen durch Fehlbelastung

»Das hat eine enorme Bedeutung, denn es entstehen pro Jahr Kosten in Höhe von 15 bis 20 Milliarden Euro«, sagt Professor Henning Stürz, ehemaliger Direktor der orthopädischen Klinik des Uniklinikums Gießen. Die meisten Rückenschmerzen seien unspezifisch, also funktionelle Störungen aufgrund von Über- und Fehlbelastung. Bei knapp der Hälfte der Rückenschmerzen seien die Bandscheiben für Beschwerden verantwortlich, erklärt Stürz. Die Puffer büßten im Laufe des Lebens ihre Elastizität ein, zudem würden sie durch Fehlbelastungen verschoben. In vielen Fällen seien konservative Behandlungsmethoden erfolgreich, sagt er. In Deutschland würden Bandscheibenvorfälle aber auch sehr häufig operiert - es gebe etwa 150 000 Eingriffe im Jahr.

Bei 80 Prozent der Patienten seien die Beschwerden den täglichen Lebensumständen und denen am Arbeitsplatz geschuldet. Bewegungsmangel inklusive einer untrainierten Muskulatur sowie Übergewicht seien entscheidende Faktoren, die Schmerzen hervorrufen und die Lebensqualität der Menschen daher beeinträchtigen könnten.

Butzbacher Expertin: Guter Bürostuhl ist unumgänglich

Neben regelmäßigen Pausen und sportlicher Betätigung ist auch die Gestaltung des Arbeitsplatzes wichtig, wie die steigende Nachfrage seit dem ersten Lockdown zeigt. Diese hat auch Annette Chrometz bemerkt. Die 53-jährige Bau- und Wirtschaftsingenieurin führt das Bürocenter Butzbach und berät dort normalerweise Unternehmen bei der Ausstattung der Arbeitsplätze. »Seit April 2020 bekommen wir vermehrt Anfragen von Privatpersonen. Viele haben schon nach den ersten vier Wochen im Homeoffice gemerkt, dass es mit dem starren Küchenstuhl nicht funktioniert«, sagt die Arbeitsplatz-Expertin.

Neben der korrekten Ausrichtung der Monitore und Arbeitsmittel auf Augenhöhe sei ein guter Stuhl unumgänglich für das Büro zu Hause. Chrometz suche für ihre Kunden den richtigen Stuhl nach drei Kriterien aus: Arbeitsaufgabe, Sitzdauer und Körperbau. Hinzu komme der individuelle Wohlfühlfaktor. »Der perfekte ergonomische Stuhl nützt nichts, wenn sich der Mensch nicht wohlfühlt.«

Butzbacher Expertin: Rücken- und Armlehnen nutzen

Aber was sollte der »perfekte Stuhl« mitbringen? »Der Bürostuhl sollte in der Höhe verstellbar sein, und die Rückenlehne sollte sich synchron mit der Sitzfläche bewegen können. Außerdem braucht er höhenverstellbare Armlehnen, um Nacken und Schultern zu entlasten«, sagt Chrometz. Die Luxusversion eines guten Stuhls verfüge zusätzlich über einen in der Länge verschiebbaren Sitz und eine Lumbalstütze zur Entlastung der Lendenwirbelsäule.

Aber Achtung: »Auch auf dem perfekten Stuhl kann man falsch sitzen«, sagt Chrometz. Wenn man sich auf die Kante setze, habe man trotzdem einen Rundrücken. Ihre Top-Tipps: Die Stuhlhöhe sollte so eingestellt sein, dass die Beine in einem leicht geöffneten 90-Grad-Winkel stehen können. »Dadurch ergibt sich schon der richtige Winkel für die Hüfte«, sagt Chrometz. Außerdem solle man mit dem Rücken an der Lehne sitzen und die ganze Sitzfläche nutzen. »Die Lehne sollte beweglich eingestellt sein. So gibt der Stuhl Bewegungsimpulse, die bei langen Sitzzeiten wichtig sind.« Könnten dann noch die Arme in einem 90-Grad-Winkel abgelegt werden, sei es ideal. »Dann haben wir die geringste Belastung«, sagt Chrometz.

Butzbacher Expertin empfiehlt eigenen Arbeitsbereich

Weitere Faktoren trügen ebenfalls zu einem besseren Homeoffice bei. »Wenn wir von zu Hause aus arbeiten, ist es viel schwieriger, sich zu konzentrieren. Es gibt viel Ablenkung«, sagt Chrometz. Deshalb sei es wichtig, einen eigenen Bereich zum Arbeiten zu haben, wo Laptop und Co. stehen bleiben können. »Wenn man in der Küche oder im Wohnzimmer immer wieder auf- und abbauen muss, fällt es schwerer, sich von der Arbeit abzugrenzen«, sagt Chrometz. Sie empfiehlt, ein ruhiges Plätzchen mit viel Tageslicht auszusuchen und regelmäßig zu lüften. »Das beeinflusst den ganzen Körper.« (Christine Steines)

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