Bonhoeffers Ansichten aktueller denn je

  • VonHanna von Prosch
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Butzbach (hms). In der Jahrestagung des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins, die am kommenden Wochenende in Nieder-Weisel stattfindet, werden Themen aufgegriffen, die der evangelische Theologe und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, Dietrich Bonhoeffer, in seiner Zeit unter anderen Vorzeichen bereits erörterte. Erstmals wird diese Tagung nun in der Wetterau stattfinden.

Das »natürliche Leben und Corona als geistige und gesellschaftliche Herausforderung« lautet das Thema mit Vorträgen und Diskussionen.

Der Name Dietrich Bonhoeffer steht für Zivilcourage, gelebtes Christsein, freies Denken, offene und kritische Worte. Er begab sich als Studentenpfarrer in die sozialen Brennpunkte Berlins. Er bezog Stellung zur Judenfrage und zur Euthanasie. Er nahm die Kirche in die Pflicht, den Staat in seinem Handeln zu hinterfragen und wurde in der Bekennenden Kirche zum unermüdlichen Freiheitskämpfer. 1945 wurde er im KZ Flossenbürg ermordet.

Der Verein sieht im Leben und Werk Bonhoeffers eine unverändert gültige, in die Zukunft weisende Herausforderung zum kritischen Glauben, Denken und Handeln. Seit 1983 fördert der Verein mit Aktionen, Vorträgen, Tagungen in Arbeits- und Regionalgruppen die Wahrnehmung christlicher Verantwortung in Kirche und Gesellschaft.

Brennende Fragen

Erika und Kurt Miller aus Bad Nauheim, beide Mitglied im Verein, holten die Tagung erstmals in die Wetterau.

Zu Corona sei seitens der Kirchen und der Theologie kaum ein klares wegweisendes Wort zu den »brennenden Fragen des natürlichen Lebens«, wie Bonhoeffer sie verstand, zu hören gewesen, kritisiert Vereinsvorsitzender Pfarrer Dr. Bernd Vogel in der Tagungseinladung. Es entstehe die Frage, welche Auswirkungen die allgemein feststellbare Sprachlosigkeit oder Sprachkonfusion im gesellschaftlichen Umgang mit einer Krise habe. Der Ruf nach unbürokratischem Pragmatismus gehe dabei unter Umständen auf Kosten ausführlicher Diskussion und demokratischer Beteiligungsformen. Drei Vorträge beleuchten unterschiedliche Facetten von Bonhoeffers Theologie im Bezug auf das »natürliche Leben«, also auf Gesundheit und Krankheit, indirekt auch auf aktuelle Pandemie-Erfahrungen. Nach der Mitgliederversammlung am Freitagnachmittag fragt um 20.15 Uhr Professor Dr. Dr. Günther Thomas (Bochum):»Ist das Leben sein eigener Arzt?« Am Samstag geht es ab 9 Uhr mit Professor Dr. Henning Theissen (Lüneburg) um Bestandsaufnahme und Ausblick zum »Gottesbegriff nach Corona«. Ab 11 Uhr betrachtet Pastorin Dr. Friederike Barth (Münster) Grund und Grenze der natürlichen Rechte nach Bonhoeffer in Zeiten der Krise: »Der Wert des Lebens«.

Thema des vierten Vortrags am Samstag um 15 Uhr mit dem Juristen Professor Dr. Tim Wihl (Berlin) ist »Die wiederentdeckte Kollektivität - Grund und Grenzen des grundgesetzlichen Individualismus«. »Wenn wir über die Spannung von Freiheit und Gesundheitsschutz, meine Freiheit notfalls gegen alle andere und Freiheit im Sinne eines gemeinschaftlichen Zusammenlebens diskutieren, müssen diese Fragen nach Bonhoeffers ethischen Richtlinien aufgeworfen werden«, meint Vogel. Den Vorträgen schließt sich jeweils eine Aussprache an.

Die Tagung endet am Sonntag, 19. September, mit einem politischen Äppelwoi-Frühschoppen und einer regional besetzten Podiumsdiskussion zum Thema »Corona und die Folgen bei uns in der Region«. Zu ihren privaten und unternehmerischen Erfahrungen in der Pandemie, zu Auswirkungen und Perspektiven in Kirche, Politik und Gesellschaft diskutieren der Textileinzelhändler und Präsident des Handelsverbandes Hessen, Jochen Ruths, Joachim Arnold, Vorstandvorsitzender der Ovag, und die Ober-Mörler Pfarrerin Sophie-Lotte Immanuel.

Weitere Informationen über den Verein, den Hintergrund und dessen Arbeit findet sich auf www.dietrich-bonhoeffer-verein.de.

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