In der Butzbacher Justizvollzugsanstalt kommen die Insassen auch an Drogen. Ausgerechnet ein Vollzugsbeamter soll bei der Beschaffung von Rauschgift und Dopingmitteln geholfen haben.
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In der Butzbacher Justizvollzugsanstalt kommen die Insassen auch an Drogen. Ausgerechnet ein Vollzugsbeamter soll bei der Beschaffung von Rauschgift und Dopingmitteln geholfen haben.

Prozessauftakt

Drogenhandel in der JVA Butzbach: Beamter schmuggelte wohl Lieferungen – Bis zu 2000 Euro als Bezahlung

Gab es in der JVA Butzbach (Wetterau) bandenmäßigen Drogenhandel? Fünf Männer haben sich verdächtig gemacht, einer ist Vollzugsbeamter. Er sagte am ersten Verhandlungstag vor Gericht aus.

Butzbach – Kriminelle Vorgänge in der JVA Butzbach im Wetteraukreis beschäftigen seit Freitag (29.10.2021) das Landgericht Gießen, wo sich fünf Angeklagte wegen bandenmäßigen Drogenhandels in nicht geringer Menge verantworten müssen. Vier von ihnen sind oder waren Häftlinge der JVA, der Fünfte ist ein Vollzugsbeamter, der den Stoff im vergangenen Jahr mehrfach in die Einrichtung eingeschmuggelt haben soll - was er am ersten Verhandlungstag auch zugab. Wie Staatsanwältin Mareen Fischer in ihrer Anklageverlesung ausführte, habe der 43-Jährige für diese Dienste mindestens 4500 Euro als Gegenleistung erhalten.

Einer der anderen Beschuldigten, welcher demnach als Hauptabnehmer fungierte, habe durch den Weiterverkauf im Knast immerhin die stolze Summe von 78 000 Euro erzielt. Die Kammer unter Vorsitz von Richterin Dr. Kathrin Exler versucht nun zu eruieren, wie sich die Abläufe tatsächlich gestalteten und wer welchen Part übernahm.

Aber das dürfte ein schwieriges Unterfangen werden, was sich schon zum Prozessauftakt abzeichnete. Denn jene Angeklagten, die sich bereit erklärten, etwas zur Sache zu sagen, wurden bei wichtigen Details von angeblichen Erinnerungslücken geplagt. Zudem verfestigte sich der Eindruck, dass auch die Angst vor Rache aus dem Milieu eine Rolle spielen könnte, wofür einer der Beschuldigten gleich einen eindrucksvollen Beleg ablieferte.

Wetteraukreis: Zeuge wird in der JVA Butzbach eingeschüchtert

Der damals in der Butzbacher JVA-Küche eingesetzte Häftling soll dort die Betäubungsmittel, die vom JVA-Mann hinter die Haftmauern transportiert worden waren, gebunkert haben. Eingangs des Prozesses ließ der Anwalt des Kochs wissen, sein Mandant sei kurz vor der Abfahrt zum Gericht einer massiven Einschüchterung ausgesetzt gewesen. In seiner Zelle habe ein Zettel gelegen, in dem er und seine Familie mit Gewalt bedroht würden, falls er im Verfahren Belastendes aussage. Dieses Stück Papier überreichte der Strafverteidiger an die Kammervorsitzende.

Richterin Exler schien ohnehin im Vorfeld des Prozesses gewusst zu haben, dass die Durchführung dieser Hauptverhandlung ein Hürdenlauf wird. Gleich 13 Gerichtstermine hat sie bis in den Januar 2022 geplant. Denn auch die personelle Ausstattung des Verfahrens weist markante Dimensionen auf. Jeder Angeklagte wird von zwei Anwälten begleitet. Allein diese Seite des Gerichtssaals gleicht einer Turnhalle beim Mannschaftssport, zumal auch etliche Polizisten und Justizbedienstete sich dort aufhalten, weil vier der fünf Beschuldigten aus Justizvollzugsanstalten herantransportiert wurden, entweder aus dem Vollzug vorheriger Urteile oder aus der U-Haft. Die großzügige Unterbringung vor Gericht ist deswegen möglich, weil das Verfahren im außenliegenden Sitzungssaal »Stolzenmorgen« in Nähe der Gießener Flüchtlingsaufnahme stattfindet.

Prozess um krumme Deals in Wetterau Gefängnis: Privat Geldprobleme als Beweggrund

Kurioserweise kam nur der angeschuldigte Justizvollzugsbeamte als freier Mann zum Prozess, denn seine ursprünglich verhängte U-Haft wurde ausgesetzt mit der Maßgabe, dass er daheim Fußfesseln tragen muss. Im Gerichtssaal übermannte ihn die Nervosität, trotzdem erklärte er sich bereit, Aussagen zu machen. Wobei sein Strafverteidiger Philipp Graf Egloffstein (Butzbach) die Einschränkung machte, dass sein Mandant auch Fragen des Gerichts beantworten werde, nur nicht jene von Verteidigern der anderen Beschuldigten.

Auch dies zeigte früh die Trennungslinie auf: Wenn es mal eine Bande war bei illegalen Geschäften, ist diese Gemeinsamkeit ganz offensichtlich vorbei. Vor Gericht verfolgt jeder nur Eigeninteressen. Der Justizbedienstete reklamiert für sich, durch Dummheit und Naivität in den Schlamassel geraten zu sein. Nach Scheidung und privaten Schulden durch den Mietvertrag seiner Ex-Frau habe er in der JVA von seinen Geld-Kalamitäten erzählt, da hätten zwei »Knackis« diesen Flachpass aufgenommen und ihm aufgezeigt, wie er an frische Kohle gelange. Er müsse von draußen nur Pakete annehmen, in denen Handys wären, und sie reinschmuggeln.

Drogenhandel in der JVA Butzbach: Beamter bekam bis zu 2000 Euro

Diese Übergabe sei meist mit ihm unbekannten Personen in Bad Nauheim erfolgt. Handys waren tatsächlich in der Packung, aber auch Haschisch und Dopingpillen. Im Rucksack brachte er den Stoff an seinen Arbeitsplatz. Drinnen in der JVA ließ er sich auf Nachtschicht setzen, um die Übergabe problemlos zu meistern, schließlich arbeitete er im Sicherheitsbereich des Knasts. Pro Lieferung habe er am Anfang 500 und am Ende bis zu 2000 Euro kassiert. (Michael Giers)

Ein reiner Freundschaftsdienst?

Zu zwei Häftlingen pflegte der angeklagte JVA-Bedienstete offenbar eine besondere Bindung, wobei er einen ehemaligen Mitstreiter schwer belastete, weil er diesen als Organisator und späteren Lieferanten des Ganzen hinstellte. Früher war die Bindung offenbar enger: Als dieser Häftling entlassen worden war, nahm der JVA-Beamte eigens einen Kredit im Volumen von 40 000 Euro auf, um das Geld dem Alt-Kumpel zu überlassen. Ob dies wirklich nur ein reiner Freundschaftsdienst war, oder ob mehr dahintersteckt, wird schwer auszuloten sein, wie so viele Hintergründe, die bei krummen Geschäften im Knast dem ungeschriebenen Gesetz der Verschwiegenheit unterliegen.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Justiz sich mit mutmaßlichem Drogenhandel in der JVA Butzbach beschäftigen muss. Bereits vor vier Jahren gab es einen vergleichbaren Prozess gegen vier Männer und eine Frau.

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