Niedrigere Milchpreise? Zur spontanen Mahnwache vor dem Aldi-Zentrallager in Butzbach sind am späten Sonntagabend rund 50 Landwirte aus der weiteren Umgebung mit ihren Traktoren gekommen.
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Niedrigere Milchpreise? Zur spontanen Mahnwache vor dem Aldi-Zentrallager in Butzbach sind am späten Sonntagabend rund 50 Landwirte aus der weiteren Umgebung mit ihren Traktoren gekommen.

Bauern-Protest

Milchbauern halten Mahnwache vor Aldi-Zentrallager ab

  • vonAnnette Hausmanns
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Zu einer Mahnwache vor dem Aldi-Zentrallager in Butzbach sind am späten Sonntagabend rund 50 Landwirte mit ihren Traktoren gekommen. Sie protestierten gegen niedrigere Milchpreise.

Sonntagabend im Butzbacher Gewerbegebiet. Orangefarbene Blinklichter rotieren auf rund 50 Traktoren, ordentlich aufgereiht vor dem Zentrallager von Aldi Süd. Während die Stadt vor den Fernsehern sitzt oder schon schläft, passieren riesige Lastwagen die lange Schlepperschlange, um den Discounter ungehindert mit frischer Ware zu beliefern. Nahe der Kreuzung steht eine Menschentraube ins Gespräch vertieft. Auch an Getränke und Wurstkringel haben die Landwirte aus der Region gedacht, als sie spontan zur Mahnwache zusammenkamen.

Rund zweieinhalb Stunden waren die Landwirte aus dem Hohen Vogelsberg auf ihren Traktoren unterwegs, um gegen 20.30 Uhr in Butzbach einzutreffen. Der Aufbruch sei für Mitternacht geplant, sagt Stephanie Schreiner, die in Laubach-Altenhain einen Milchviehbetrieb mit 100 Kühen und Bullenmast führt und sich in dem lockeren bundesweiten Landwirte-Verbund »Land schafft Verbindung« engagiert. Wie alle hier ist die junge Landwirtin in großer Sorge.

Bauern-Protest Wetterau: Längst nicht kostendeckend

Auslöser für den stillen Protest sind Meldungen über die jüngsten Verhandlungen über die Milcheinkaufspreise zwischen Aldi und den Molkereien: Der Konzern, und hier erstmals die beiden Aldi-Töchter Nord und Süd gemeinsam, habe die Verhandlungen für die Halbjahres-Kontrakte für die »weiße Linie« (Milch und ihre Produkte) um vier Wochen vorgezogen. Aldi habe angedeutet, auf dem, indirekt auch durch das Coronavirus geschwächten Weltmarkt unter anderem die Milchpreise senken zu wollen, erklären die stillen Protestler.

Die Landwirte weisen auf ihre vielfältigen Aufgaben hin.

»Wir stehen für nachhaltiges, umweltbewusstes Wirtschaften, das gibt es nicht zum Schleuderpreis«, unterstreichen die empörten Landwirte. »Wir geben die Milch doch jetzt schon unter den Produktionskosten ab«, führen die Milchbauern vor Augen und fordern höhere Preise. Als kostendeckend würden 40 Cent pro Liter kalkuliert, derzeit bekomme er 33,2 Cent inklusive Zulagen, erzählt der Nieder-Weiseler Landwirt Thorsten Adami. Alles dürfe heute erheblich was kosten, sinnieren die Landwirte, Urlaub, Klamotten und i-Phone. »Aber Nahrungsmittel müssen billig sein«, fehlt den Produzenten das Verständnis.

Bauern-Protest Wetterau: »Mit dem Rücken zur Wand«

Die Landwirte betonen, dass immense Summen zum großen Teil längst und auf lange Sicht investiert seien. Einwandfreie Produkte und das Tierwohl lägen ihnen am Herzen, pflichten Adami die Kollegen in der Mahnwachenrunde bei. Über Generationen hätten sie ihre Betriebe aufgebaut, berichten sie. Die tiefe Verbundenheit und Herzblut für den elterlichen Betrieb haben auch Adamis Sohn Till davon überzeugen können, nach dem Realschulabschluss in diesem Jahr eine landwirtschaftliche Lehre zu beginnen.

Auch der Nieder-Weiseler Landwirt Thorsten Adami (2. v. l.) und sein Sohn Till (l.) nehmen am stillen Protest teil.

Ähnlich ergeht es dem Langenhain-Ziegenberger Ortslandwirt Roger Möckel und seinem Sohn Rico. Trotz schwerer Zeiten gerade für Familienbetriebe hat sich der 15-Jährige bereits für eine landwirtschaftliche Ausbildung nach seinem Schulabschluss im kommenden Jahr entschieden.

Viele Betriebe stünden angesichts der Aldi-Marktmacht hilflos mit dem Rücken zur Wand, insbesondere die Milchviehbetriebe nach den beiden letzten Dürrejahren, schätzt Roger Möckel die Lage im Gespräch mit dieser Zeitung ein. Investitionen in Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder Tierwohl könnten aber nur funktionieren, wenn alle gemeinsam dafür Sorge trügen, dass das dafür benötigte Geld auch auf die Höfe komme. »Wir wollen nur fair behandelt werden«, betont der Landwirt, »und wir versuchen, im Dialog zu bleiben.«

Bauern-Protest Wetterau: Aldi nimmt Stellung

In einer Pressemitteilung vom Freitag schreibt Aldi, dass man sich mit der Preisgestaltung am Weltmarkt zu orientieren habe. Hieraus ergäben sich aktuell keine Anzeichen für einen Anstieg. Dennoch lägen die Angebote einiger »potenzieller Lieferanten in den laufenden Gesprächen deutlich über den aktuellen Notierungen«.

Gleichwohl sei die Vorverlegung der Verhandlungen kein taktisches Manöver, gibt sich der Konzern missverstanden. »Aktuelle globale Entwicklungen wie die Verbreitung des sogenannten Coronavirus beeinflussen zwar die Weltmarktsituation und damit die Weltmarktpreise, sind aber in keiner Weise ausschlaggebend für den Zeitrahmen unserer Verhandlungen.«

Grund für eine um vier Wochen vorgezogene Verhandlung seien »interne, administrative Abläufe in beiden Unternehmensgruppen«. Es handle sich um eine »rein organisatorische Begebenheit«, beteuert Aldi, im Dialog bleiben zu wollen - und verlängerte nach dem bundesweiten Aufschrei den Verhandlungszeitraum.

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