Die Tafel Butzbach versorgt 600 Menschen aus der Region mit Lebensmitteln. Darunter auch eine 16-Jährige, die einmal pro Woche mit ihren beiden Schwestern zur Ausgabe kommt. Seit drei Jahren ? damals trennten sich ihre Eltern. Früher sei es ihr peinlich gewesen, zur Tafel gehen zu müssen, sagt die Schülerin. Inzwischen wisse sie, dass es anders nicht gehe. 	(Fotos: nic)
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Die Tafel Butzbach versorgt 600 Menschen aus der Region mit Lebensmitteln. Darunter auch eine 16-Jährige, die einmal pro Woche mit ihren beiden Schwestern zur Ausgabe kommt. Seit drei Jahren ? damals trennten sich ihre Eltern. Früher sei es ihr peinlich gewesen, zur Tafel gehen zu müssen, sagt die Schülerin. Inzwischen wisse sie, dass es anders nicht gehe. (Fotos: nic)

Armut

Anstehen fürs tägliche Brot: Ein Besuch bei der Tafel Butzbach

  • Laura Kaufmann
    VonLaura Kaufmann
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Grünen Spargel mag sie nicht, weißen schon. »Man hatte ja auch mal andere Zeiten«, sagt die Wetterauerin. Heute lebt sie von Hartz IV. Die Butzbacher Tafel hilft ihr dabei.

Dienstag, 14.31 Uhr: Eine Schlange hat sich vor dem in die Jahre gekommenen Flachdachbau im Butzbacher Degerfeld gebildet. Drinnen steht eine junge Frau mit ihren beiden Schwestern. Gemeinsam befüllen sie drei riesige Tüten mit Lebensmitteln. Die Schwestern kommen jede Woche zur Tafel. Seit drei Jahren. »Da haben sich meine Eltern getrennt«, sagt die Jüngste. Sie ist 16.

Über 600 Menschen versorgt die Tafel Butzbach derzeit mit – je nach Sichtweise gespendeten oder geretteten – Lebensmitteln. 20 Supermärkte zwischen Langgöns und Bad Nauheim, Butzbach und Wölfersheim machen mit. 70 Ehrenamtliche helfen. Zwei Mal wöchentlich wird Essen verteilt. Pro Ausgabe kommen rund 120 Menschen. Sie haben eines gemein: Das Geld ist knapp, sie beziehen Sozialleistungen. Etwa 50 Prozent der Kunden sind laut Vorsitzendem Wolfgang Effinger deutsche, die andere Hälfte Ausländer, davon die Hälfte Flüchtlinge. Rentner? »Nicht so viele«, sagt Effinger.

Übriggeblieben, falsch etikettiert, aus Überproduktion

Nach der Trennung der Eltern blieben die drei Töchter beim Vater. Der findet keinen Job. »Er ist 63 Jahre alt, es ist schwierig«, sagt die 16-Jährige. Sie ist hübsch, modisch gekleidet. »Früher war es mir peinlich, zur Tafel gehen zu müssen. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.« Ihren Namen in der Zeitung lesen mag sie dennoch nicht.

Die Ausgabe ist straff organisiert. Die Kunden erhalten vorgepackte Kisten. Ein Ein- bis Zweipersonenhaushalt bekommt eine blaue Kiste (Zuzahlung 2 Euro), ein Drei- bis Vierpersonenhaushalt eine größere rote (3 Euro), ein Fünf- bis Sechspersonenhaushalt eine blaue und eine rote (4 Euro), ab sieben Personen gibt es zwei rote Kisten (5 Euro). Darin: Gemüse, Obst, Milch und mehr. Mal Chips, mal Aufstriche, mal Weichspüler. Dinge, die übriggeblieben sind, falsch etikettiert wurden, aus einer Überproduktion stammen.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Mit ihren Kisten können die Tafel-Kunden vorbei an den Helfern, vor denen weitere Lebensmittel liegen. Etwa, Joughurt, der muss gekühlt werden, kann nicht vorgepackt werden. Die Kunden können wählen. Aber nicht endlos: Also nicht fünf Paprika, sondern eine. Entsprechend wird auch mal gehandelt. Tomaten sind am Dienstag wenige da. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

+++ Lesen Sie auch: Tafel-Vorsitzende im Gespräch - Viel Freud, etwas Leid und die Suche nach einem Laden

Die Kisten dürfen nicht mitgenommen werden. Die Tafel-Kunden packen die Lebensmittel in mitgebrachte Taschen und Trolleys um. Was nicht gebraucht oder gemocht wird, landet in der Reste-Kiste. Andere können es nehmen. Die 16-Jährige legt Kaffee-Kapseln hinein. »Nett, aber ich habe keinen Kapsel-Automat«, sagt sie. »Manche kommen nur wegen bestimmter Sachen, wir nehmen aber alles mit«, sagt die junge Frau. Sie geht noch zur Schule, ihre ältere Schwester studiert Medizin, will Landärztin werden.

Ellenbogen-Mentalität und ein Kritikpunkt

Abgelaufen sei nichts, was ausgegeben werde, sagt Effinger. Aber »vieles, was wir bekommen, ist im Grenzbereich der Haltbarkeit«. Der 71-Jährige ist seit Jahren bei der Tafel engagiert. »Ich hätte sie gegründet, hätte es sie nicht schon gegeben.« Früher war Jurist beim Wetteraukreis. »Dann kam die Rente, er wollte nicht »ins dunkle Loch fallen.«

»Es gibt hier viele nette Menschen«, sagt die 16-Jährige. Andere »sind total unhöflich. Jedes Mal wird gedrängelt und geschubst.« Gut wäre eine Absperrung vor der Tür. »Damit man sich nur hinten anstellen kann. Dann würde ich jedes Mal eine Stunde weniger warten.«

Erinnerungen an bessere Zeiten

Ein 29-Jähriger aus Kurdistan will Ellenbogen-Mentalität bei der Ausgabe bislang nicht bemerkt haben. Genauso wenig wie eine 45-Jährige, die grünen Spargel in die Reste-Kiste packt und sich weißen nimmt. »Man hatte ja auch mal andere Zeiten und einen anderen Standard«, sagt die gelernte Hotelfachfrau.

Früher lebte sie mit Mann und zwei Kindern im Eigenheim. Davor standen zwei Autos. »Alles war locker.« Dann kam die Scheidung, Hartz-IV. »Früher habe ich meinen Mann auf Unterhalt verklagt, inzwischen hat er sich ins Ausland abgesetzt.« Seit zwei Jahren geht sie zur Tafel. »Es ist mir immer noch unangenehm. Aber es bleibt nichts anderes übrig, wenn man auch Kinderwünsche befriedigen möchte.«

Info

25 Jahre Tafeln ? viel Engagement, aber auch Kritik

Die Tafelbewegung kommt aus den USA. In Deutschland gibt es knapp 950 gemeinnützige Tafeln. Sie sammeln überschüssige Lebensmittel von Herstellern und Händlern, verteilen sie an bis zu 1,5 Millionen Bedürftige. Bei 40 Prozent der Einrichtungen sind Vereine die Träger, bei den übrigen stehen Organisationen wie Diakonie, Caritas, Rotes Kreuz oder AWO dahinter. Die erste Einrichtung wurde 1993 in Berlin gegründet. Die Butzbacher Tafel gibt es seit 2005, mehrfach ist der »Verein für Hilfe in sozialen Notlagen« seither umgezogen. Aktuell werden die Lebensmittel dienstags und donnerstags im Tafel-Laden in der Haydnstraße ausgegeben, 600 Menschen aus Butzbach und Umgebung werden versorgt. »28 Prozent davon sind Kinder«, sagt Vorsitzender Wolfgang Effinger. Die Kunden zahlen wenige Euro für die Lebensmittel, die Tafel finanziert sich zum Großteil aus Spenden. Für den Laden muss Miete bezahlt werden, ebenso die Nebenkosten wie Strom, außerdem für zwei Sprinter und Mini-Jobber. »Der Finanzierungsbedarf liegt bei über 50 000 Euro im Jahr.« Die Tafeln sind nicht unumstritten. Kritiker bemängeln, sie seien weder nachhaltig noch sozial, Machtstrukturen unter Nehmenden und Gebenden würden zementiert. Außerdem könnten Supermärkte, die Tafeln unterstützen, ihren »Wohlstandsmüll« günstig und medienwirksam loswerden. (lk/dpa)

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