Der Vergnügungspark auf dem Kalten Markt soll vor allem eins: Spaß machen. Für eine Jugendliche war der Besuch mit ihrer Wohngruppe dort aber alles andere als lustig.
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Der Vergnügungspark auf dem Kalten Markt soll vor allem eins: Spaß machen. Für eine Jugendliche war der Besuch mit ihrer Wohngruppe dort aber alles andere als lustig.

Auf Bewährung

Zwei Mädchen missbraucht: Sozialarbeiter verurteilt

  • vonOliver Potengowski
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Wegen sexueller Nötigung und sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener ist der ehemalige Betreuer einer Wohngruppe vor dem Amtsgericht Büdingen zu einer Haftstrafe verurteilt worden.

Richterin Barbara Lachmann und die beiden Schöffinnen sahen es als erwiesen an, dass der Angeklagte sein Vertrauensverhältnis zu zwei Mädchen aus der Gruppe missbraucht und sie belästigt hat.

»Ich würde es abstreiten wollen«, hatte der 45-Jährige am ersten Verhandlungstag gesagt. Dagegen hielten außer seiner Verteidigerin alle Prozessbeteiligten die Aussagen der Mädchen für glaubhaft. Besonders der jüngeren der beiden bescheinigte eine Psychologin, dass ihre Aussage auf tatsächlichen Erlebnissen beruhe. Es gebe »nicht einmal ansatzweise« Anzeichen, dass die damals 15-Jährige die Übergriffe des Angeklagten 2016 auf dem Kalten Markt in Ortenberg erfunden habe. In einem Fahrgeschäft hatte er ihr zwischen die Beine gegriffen und immer weiter nach oben gefasst. Kurz vor dem Intim-bereich hatte die Jugendliche seine Hand weggeschlagen.

Büdingen: Wohngruppe aufgelöst

Weniger eindeutig beurteilte die Psychologin die ältere Zeugin. Es sei denkbar, dass die anhaltende Kommunikation mit einer früheren Betreuerin der Gruppe die damals 18-Jährige in ihrer Wahrnehmung beeinflusst habe. Dieser hatte sie bereits 2014 erstmals von sexuellen Belästigungen durch den Angeklagten berichtet, ohne dass die Betreuerin die Hinweise weitergeleitet habe.

In den Aussagen der Mitglieder der Wohngruppe spiegelten sich zwei Gesichter des Angeklagten. Die Jugendlichen berichteten einerseits von einem guten Verhältnis zu ihm. Auch deshalb seien die Hilferufe der älteren Zeugin, als der Sozialarbeiter sie im November 2016 in ihrem Bett belästigt und sie von den Füßen die Beine hinauf bis an den Saum ihrer kurzen Hose auf den Oberschenkel geküsst hatte, nicht richtig eingeordnet worden. Der ältere Bruder der 18-Jährigen schilderte aber auch Herabsetzungen und Beleidigungen, als er versucht habe, den Betreuer zur Rede zu stellen. Als er Pornoseiten auf dessen Rechner entdeckt habe, habe der Sozialarbeiter gedroht: »Wenn du was sagst, passiert was.«

Ein Vorstandsmitglied des Trägervereins der inzwischen aufgelösten Wohngruppe berichtete von einer langjährigen zuverlässigen und guten Zusammenarbeit. Als man den Betreuer mit den Vorwürfen konfrontiert habe, habe er gesagt, »die Mädchen wollten ihm eins auswischen wegen Streitereien«. Dabei sei sein Verhalten sehr ungewöhnlich gewesen. »Es hat uns ziemlich erschüttert, dass er sehr emotionslos und unbeteiligt war.« Diese Haltung zeigte der Angeklagte auch vor Gericht.

Die Staatsanwaltschaft beschrieb den Gewissenskonflikt der Opfer, die damit rechnen mussten, dass eine Anzeige gegen den Betreuer ihr Zuhause, die Wohngruppe, zerstören würde. »Das sind Kinder, die aus problematischen, zerrütteten Familienverhältnissen kommen«, betonte sie. Sie forderte ein Jahr und acht Monate Haft ohne Bewährung sowie ein Verbot, beruflich Kontakt zu Kindern und Jugendlichen aufzunehmen.

Büdingen: Probleme mit körperlicher Nähe

Der Nebenklagevertreter des damals 18-jährigen Opfers sagte, es habe in der Wohngruppe über Jahre hinweg ein sexualisiertes Verhalten des Angeklagten gegeben. Es sei nicht auszuschließen, dass es noch weitere Vorfälle gegeben habe. Die Vertreterin des jüngeren Opfers kritisierte vor allem, wie der Angeklagte versucht habe, deren Glaubwürdigkeit anzuzweifeln. »Wenn er unschuldig wäre, würde er so viel Anstand haben, die zwei Mädchen nicht in den Dreck zu ziehen.«

Die Verteidigerin des Angeklagten forderte dagegen Freispruch. »Es bestehen erhebliche Zweifel an der Vernünftigkeit und der Richtigkeit dessen, was hier angeklagt ist.«

Richterin Lachmann berücksichtigte in ihrer Urteilsbegründung auch die erheblichen Folgen der Taten für die beiden Mädchen. Beide hatten beschrieben, dass sie nach den Vorfällen starke Probleme mit körperlicher Nähe hätten. Weil der Mann bisher noch nicht straffällig geworden und das Gericht überzeugt sei, dass die Verurteilung Wirkung zeige, setzte Lachmann die Haftstrafe von einem Jahr zur Bewährung aus und verzichtete auf ein Berufsverbot.

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